Stau am Pannenstreifen

23. Juni 2009, 19:04
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Die Verbindlichkeiten haben sich seit Jänner verdoppelt. Kreditschützer sehen die Bewährungsprobe noch bevor, Sanierer haben Hochsaison

Wien - Es war eine Fahrt mit überhöhter Geschwindigkeit, sagt Walter Bornett. Ein Viertel der Betriebe habe das Tempo mittlerweile reduziert und jeder zweite die Überholspur überhaupt verlassen. Jeder zehnte ende auf dem Pannenstreifen. Österreichs Unternehmen seien auf das Niveau der Jahre 2004 bis 2006 zurückgekehrt, zieht der Chef der KMU Forschung Bilanz.

Die aus der Spur geworfenen Unternehmen machen freilich massive Turbulenzen transparent. Zwar ist die Zahl der Insolvenzen heuer im ersten Halbjahr nur moderat um 8,8 Prozent gestiegen. Die Verbindlichkeiten verdoppelten sich hingegen nahezu auf zwei Milliarden Euro. 14.600 Mitarbeiter waren davon betroffen, um knapp die Hälfte mehr als im Vorjahreszeitraum.

Er könne keine Entwarnung geben, sagt Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des Kreditschutzverbands von 1870. Die Krise sei in Österreich noch nicht gänzlich angekommen. Die kommenden zwölf Monate seien die eigentliche Bewährungsprobe; die Prognose von zwölf bis 15 Prozent mehr Konkursen bis Jahresende werde halten.

Der Liste der Großpleiten im ersten Jahr führt die Marta Unternehmensberatung an, und ihr Fall hat nicht nur wegen der enormen Verbindlichkeiten Brisanz. Marta hält nämlich ein Viertel an Billa Russia. Aus gemeinsamer Expansion wurde nichts. Rewe bemüht sich nun um den Erwerb der Marta-Anteile, um die Entscheidung wird noch gerungen. Der Konzern baut zwar auf eigene Faust weiter neue Läden in Russland, allerdings unter dem Label Biop, heißt es auf Standard-Anfrage. Weitere Verfahren gegen die unter der Federführung des Russen Georgy Trefilov stehende Beraterfirma laufen: Es geht etwa um den Vorwurf der Urkundenfälschung.

Den überwiegenden Teil der Insolvenzen stellen exportorientierte Industriebetriebe und ihre Zulieferer. Auftragseinbußen brachen ihnen das Genick. Gleich versiebenfacht haben sich die Passiva in der Holzindustrie. Im Ländervergleich schneidet Westösterreich deutlich schlechter ab als der Osten; negativer Spitzenreiter war Salzburg.

Sanierer haben jedenfalls Hochsaison. Die Zahl der Anfragen von Unternehmen, die sich nach einem Troubleshooter umsehen, sei heuer geradezu explodiert, sagt Anton Stumpf, der seit 20 Jahren als solcher arbeitet. Bis zu 30 Fälle würden im Jahr an ihn herangetragen. Heuer sei die Zahl bereits in den ersten vier Monaten überschritten worden. Für die stets hochgehaltene strengste Vertraulichkeit fehle oft die Zeit: Etliche Investment Memoranden trudelten online ein.

Nur Liquidität zählt 

Es gehe um substanzielle Krisen. Wenn die Geschäfte einmal um 50 Prozent einbrechen, sei es mit herkömmlichem Sanierungswerkzeug nicht mehr getan. Ohne Banken im Boot laufe nichts, eine Drei-Jahres-Planung interessiere keinen mehr. Alles was jetzt zähle seien Liquidität und volle Auftragsbücher.

Dass die Banken bei ihrer Kreditvergabe auf der Bremse stehen, bestätigt Kantner so nicht. Es sei angebracht, genauer auf Sicherheiten und Bonität zu achten, meint er. Zuvor sei damit vielleicht auch zu leichtfertig umgegangen worden.

Bei den Privatkonkursen erwartet er heuer einen Anstieg um zehn Prozent auf 10.000 Fälle. Im ersten Halbjahr lag der Zuwachs mit 7,6 Prozent unter den Prognosen. Zahlungsunfähig sind traditionell vor allem die Wiener. Mehr als 80 Prozent der eröffneten Verfahren führen zu einer Entschuldung. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2009)

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    grafik: der standard
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