Sturz aus der Wirklichkeit

23. Juni 2009, 09:17
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Weltkongress zur psychologischen Betreuung von Krebspatienten

Wien - Um die psychologische Betreuung von Menschen mit Krebserkrankungen geht es diese Woche am Weltkongresses für Psycho-Onkologie in Wien. Krebs ist nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche eine enorme Belastung. Nach dem Schock der ersten Diagnose sorgt auch der weitere Krankheitsverlauf oft für Irritationen, wenn es etwa zu Rollenwechsel in der Familie, zum Verlust des Arbeitsplatzes, zum Haarverlust bei Chemotherapien oder zur Entstellung des Körpers durch chirurgische Eingriffe kommt. Psycho-Onkologen stehen in diesen Situationen den Betroffenen zur Seite.

Reale Angst

"Die Psycho-Onkologie kann Krebs nicht heilen. Sie hilft jedoch dabei, psychische Symptome gering zu halten", erklärt Ulla Konrad, Vorsitzende des Berufsverbandes Österreichischer Psychologen. Die Aufgabe eines Psycho-Onkologen bestehe darin, den Krebspatient zu unterstützen und ihn dabei in seiner jeweiligen Situation abzuholen. "Was der Patient an Schmerzen und Ängsten empfindet ist real, daher steht das Aushalten und Mittragen an erster Stelle", so die Psychologin. Entspannungsübungen erleichtern den Druck, daneben suche man nach Ressourcen im Betroffenen, die zu Erleichterung führen. Im Zentrum stehe das Gespräch. "Die meisten Patienten entwickeln einige Theorien darüber, was ihre Krebserkrankung ausgelöst haben könnte, etwa eine jahrelang zurück liegende Scheidung, Stress im Beruf oder eine Traumatisierung. Wenn hier auch der Nachweis direkter Zusammenhänge kaum möglich ist, brauchen solche Situationen Aufarbeitung", betont Konrad.

Rückkehr zum Leben

Hedwig Wölfl, eine der Vortragenden am Kongress, war acht Jahre lang in der Betreuung von Strahlentherapie-Patienten tätig. "Es gibt mehrere besonders sensible Phasen im Verlauf einer Krebserkrankung, angefangen bei der ersten Diagnosestellung der Krankheit. Das ist eine ernste Nachricht, die oft als 'Sturz aus der Wirklichkeit' beschrieben wird und den Bruch mit bisherigem Leben bedeutet", so die klinische Psychologin. Schock, Verzweiflung und Ängste bis hin zu depressiven Reaktionen seien in dieser Phase normal und sollten auch zugelassen werden, da gute gemeinte Ratschläge und Aufmunterungsversuche nach dem Muster "Kopf hoch!" kontraproduktiv seien. "Kritisch wird es, wenn es Wochen danach noch zu keiner Besserung des emotionalen Zustandes kommt und etwa Schlafstörungen noch immer die Rückkehr in eine gute Bewältigung des Lebensalltags verhindern."

Große Fremdheitsgefühle

Die Behandlung der Krankheit beschäftigt die Seele umso mehr, je größer ihre Auswirkungen für den Patienten sind. "Kann etwa bei einer Brustkrebs-Operation die Brust erhalten bleiben, belastet das weniger als bei einer Entfernung, die den Körper entstellt", so Wölfl. Doch auch nicht-invasive Behandlungen wie die Strahlentherapie können große Fremdheitsgefühle erzeugen. "Bei den täglichen Bestrahlungseinheiten sind die Patienten in einem Raum voll hochentwickelter Technik alleine gelassen. Sie hören, schmecken und riechen nichts und sehen erst nach langer Zeit die Auswirkungen der Behandlung". Besonders kritische Momente, in denen Ärzte häufig Psycho-Onkologen beiziehen, seien auch der Rückfall in vermeintlich geheilte Erkrankungen, die Ausbildung von Metastasen oder die Verschlechterung der Prognose im Sinne einer medizinischen Unheilbarkeit.

Unterschiedliche Strategien

Rund zwei von drei Krebspatienten kommen mit der Erkrankung nach einer anfänglichen Schockphase gut zurecht. "Genaue medizinische Informationen helfen oft dabei, die Situation richtig einzuschätzen und neue Perspektiven im Leben zu erkennen", so Wölfl. Eine wichtige Ressource ist die Unterstützung durch Partner, Familie oder Freunde, sowie das Wiedererlangen von Selbstkontrolle, das sich etwa in eigenen Entscheidungen bei der Wahl des behandelnden Arztes ausdrückt. "Die richtige Strategie ist jedoch bei jeder Persönlichkeit anders. Es gibt zum Beispiel Medizingläubige, Kämpfertypen oder auch depressiv-ängstliche Menschen", so die Wiener Psychologin.

Dass Krebspatienten Zugang zu psycho-onkologische Betreuung erhalten, ist noch nicht überall selbstverständlich. "In Österreich schreibt das Krankenanstalt-Gesetz zwar vor, dass es in Krankenhäusern mit Krebsstationen mindestens eine Psychologin gibt. Wie gut die Betreuung dadurch erfolgen kann, ist jedoch von Spital zu Spital anders. Besonders im Palliativbereich gibt es noch einen großen Aufholbedarf", betont Wölfl. Vier von fünf Krebspatienten würden bisher Komplementärmedizin in Anspruch nehmen, die manchmal auch psychische Unterstützung bedeute. "Es ist jedoch wichtig, Personen zu Rate zu ziehen, die mit dem medizinischen Problem vertraut sind", so die Psychologin. Ärzte würden von enger Zusammenarbeit mit Psychologen nur profitieren. "Psychisch entlastete Patienten kooperieren in der Behandlung weitaus besser." (pte)

 

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