Neun Tote bei U-Bahn-Unfall in der Rushhour

23. Juni 2009, 18:33
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Eine Metro in Washington fuhr Montagnachmittag in einen stehenden Zug - Das automatische Bremssystem hätte den Unfall eigentlich verhindern müssen

Experten rieten bereits vor Jahren, die veralteten Wagons auszutauschen.

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War die Zugführerin schuld? Versagten die Bremsen? Gab es einen Computerdefekt? Nach dem schwersten Unfall, den Washington in seinen erst 33 Jahren U-Bahn-Geschichte erlebte, stellten die Ermittler Fragen, die zunächst niemand beantworten konnte.

Es passierte am Montag, kurz nach 17 Uhr, mitten in der Rush-hour, wenn die Bahnen der Metro im Minutentakt fahren. Im Nordosten der Stadt fuhr ein Zug auf einen anderen auf, der auf Gleisen stand. Es war ein Aufprall bei mindestens 30 Stundenkilometern. Als hätte ihn eine Riesenhand angehoben, schob sich der rollende Zug über den wartenden. Sein erster Wagon landete auf dem Dach des anderen, das vordere Wagendrittel wurde zusammengedrückt wie eine Ziehharmonika. Dort kamen offenbar die meisten Menschen ums Leben; bis Dienstag waren es neun. Mehr als 70 wurden verletzt. Die Rettungskräfte mussten mit Schneidbrennern eingeklemmte Passagiere befreien.

Tom Baker saß im ersten Wagon, zum Glück ziemlich weit hinten. Durch den Lautsprecher plärrte es, es werde nur langsam vorangehen, die Strecke vor ihnen sei leider blockiert. Kurz darauf setzte sich der Zug doch in Bewegung, "dann gab es diesen unglaublichen Knall". Glas splitterte, der Boden riss auf, Sitzbänke stürzten um, überall Rauch. "Als sich der Staub gelegt hatte, sah ich, dass vom Vorderteil des Wagons nichts mehr übrig war", sagt Baker. Die Fahrerkabine war verschwunden. Dort hatte Jeanice McMillan gesessen, eine 42-Jährige mit relativ kurzer Berufserfahrung. Niemand hatte Bremsen kreischen gehört.

Vorerst konzentrieren sich die Theorien über die Unglücksursache darauf, dass der Autopilot nicht funktionierte. Eigentlich hätte der auffahrende Zug dank Bordcomputer automatisch abbremsen müssen. Ein elektronisches System garantiert, dass zwei U-Bahnen nicht zu dicht aneinander geraten. Vielleicht ist es ausgefallen - aber warum hat die Zugführerin nicht manuell gebremst? Sie hatte gute Sicht auf die überirdisch gelegenen Gleise, es war ein strahlender Sommertag. Noch könne man keinen eindeutigen Grund nennen, heißt es seitens der Metro.

Noch etwas ruft die Kritiker auf den Plan: Wagons, die bei einem solchen Aufprall zerquetscht werden wie leere Blechdosen, hätten längst ausrangiert werden müssen. Experten nennen sie "coffin cars", auf rollende Särge anspielend, und empfahlen bereits vor Jahren, sie zu verschrotten. Warum der Rat nicht befolgt wurde, könnte demnächst ein Gericht beschäftigen.

Erst seit 1976 besitzt Washington eine U-Bahn, heute bringt sie jeden Wochentag rund 300.000 Pendler in die Arbeit und wieder nach Hause. Ihre Betreiber stellen die Metro gern als Musterbeispiel amerikanischer Effizienz hin, pünktlich und zuverlässig. Allerdings war dies nicht der erste Unfall: 1982 entgleiste ein Wagon, drei Menschen kamen ums Leben. 1996 starb der Zugführer, als er an der Endstation auf eine wartende Bahn auffuhr. (Frank Herrmann aus Washington/APA, DER STANDARD Print-Ausgabe, 24.06.2009)

 

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    Die U-Bahn, die Montagnachmittag vollbesetzt mit etwa 30 Stundenkilometern aus ungeklärter Ursache auf einen stehenden Zug aufgefahren war, drückte es auf das Dach des Vorderzugs.

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