Sterbehilfe trotz Überlebenschance

22. Juni 2009, 19:58
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Einige der 114 von Dignitas behandelten Briten sollen gar nicht todkrank gewesen sein

Britische Ärzte schlagen in Bezug auf die Schweizer Sterbehilfe-Organisation Dignitas Alarm. Weil Euthanasie auf der Insel verboten ist, sind seit 2002 mehr als hundert Briten nach Zürich gereist, um dort ihr Leben vorzeitig zu beenden. Offenbar litten längst nicht alle an tödlichen Krankheiten, wie aus einer nun veröffentlichten Dignitas-Aufstellung hervorgeht. "Diese Liste suggeriert, dass Dignitas unbekümmert den Tod mancher Leute arrangiert", sagt John Saunders, der die Ethik-Kommission des Königlichen Ärztekollegiums leitet.

Etwa 800 Briten sind Mitglieder bei der Organisation, die Hilfe zum Freitod gewährt. Der Liste von 114 Todesfällen zufolge litt die überwältigende Mehrheit der Patienten an unheilbaren Krankheiten wie Krebs im Endstadium, Lateralsklerose oder MS. Aufgeführt sind in dem Dokument laut der Zeitung The Guardian aber auch Menschen, die an rheumatoider Arthritis oder an der Darmkrankheit Morbus Crohn erkrankt waren. Dabei handle es sich um "extrem unangenehme Krankheiten, die aber gut behandelbar sind", sagt Tony Calland von der Ethik-Kommission der Standesvertretung BMA. Auf dem BMA-Kongress nächste Woche soll über eine Legalisierung der Sterbehilfe diskutiert und abgestimmt werden.

MS-Patientin will Sterbehilfe

Zuletzt gab es in Großbritannien 2006 einen vergeblichen Anlauf von Hinterbänklern, ein Gesetz zur Legalisierung von aktiver und passiver Sterbehilfe unter strengen Auflagen durchzusetzen. Im Herbst wandte sich die Bradforder Multiple Sklerose-Patientin Debby Purdy, 45, an den High Court mit der Bitte, die Rechtslage zu klären: Purdy will ihren Mann dazu ermächtigen, ihr eines Tages Sterbehilfe zu leisten. Das würde gegen geltendes Recht verstoßen. Beihilfe zum Suizid kann theoretisch mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. Der High Court lehnte Purdys Anliegen ab. Die Schwerkranke hat jetzt Klage vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht.

In den letzten Jahren gab es immer wieder Ermittlungen gegen Angehörige oder Freunde von Schwerkranken, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten. Zur Anklage kam es in keinem Fall.

Die Diskussion ist verfahren: Die Wortführer einer Gesetzesänderung wünschen sich bessere Bedingungen für Todkranke, die ihrem Leiden ein vorzeitiges Ende machen wollen. Eine Reise zu Dignitas nach Zürich sei für viele der einzige Ausweg, obwohl sie viel lieber im eigenen Land sterben würden. Dazu gehörte die Ärztin Anne Turner, deren Gehirnkrankheit zunehmende Lähmungen verursachte. Vor ihrem Tod in Zürich appellierte sie an die britischen Behörden, Sterbehilfe durch Ärzte zuzulassen.

Keine Änderung in Sicht

Doch selbst wenn die Befürworter in der Ärzteschaft kommende Woche die Oberhand behalten, werden sich die Gesetze in absehbarer Zeit nicht ändern: Premierminister Gordon Brown hat sich klar gegen ein "Euthanasie-Gesetz" gestellt mit den Worten: "Wir müssen die Bedeutung menschlichen Lebens eindeutig klarstellen." (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD-Printausgabe, 23.6.2009)

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