"Ich will Sprecher und Zuhörer sein"

22. Juni 2009, 19:37
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Das durch den Spesenskandal schwer ramponierte Unterhaus hat mit John Bercow einen neuen Speaker

Der Konservative versprach von allen Kandidaten am klarsten Reformen.

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Am Ritual wird sich so schnell nichts ändern, schließlich haben die Briten kindliche Freude an lustigen Traditionen. Auch der neue Speaker des Unterhauses wird täglich in schmucken Roben aus dem 18. Jahrhundert von seinem Büro in den Sitzungssaal stiefeln, angeführt von seiner Amtsleiterin, begleitet vom Parlaments-Geistlichen, einem Privatsekretär und einem Schleppenträger. Auch in Zukunft wird ein Polizist die Schaulustigen in der Eingangshalle streng auffordern, für die Prozession die Hüte abzunehmen - angesichts der stets hutlosen Menge ein zusätzlicher Anlass zum Frohsinn.

Freilich wären viele Briten besser auf ihre politische Kaste zu sprechen, wenn die am Montagabend vollzogene Wahl von John Bercow zum 157. Präsidenten des Unterhauses inhaltliche Änderungen brächte. Dafür gibt es Anzeichen: Von allen ernsthaften Kandidaten versprach der 46jährige Konservative am deutlichsten Reformen: „Ich bin der Kandidat der klaren Veränderung."

Nach sechsstündigem Abstimmungsmarathon setzte er sich in der dritten Runde mit 322:271 Stimmen gegen seinen Parteifreund George Young durch. Nach der formalen Bestätigung durch die Queen muss der erste Jude im 1377 eingeführten Amt schnellstmöglich seine 645 Abgeordneten-Kollegen um sich scharen und das schwer angeschlagene Ansehen des Unterhauses reparieren.

Nach wochenlangen Veröffentlichungen im Daily Telegraph empörten die „ehrenwerten und sehr ehrenwerten Mitglieder" am vergangenen Donnerstag die Nation erneut, indem sie zwar Hunderttausende von Dokumenten über ihr Spesengebaren veröffentlichten, durch weitgehende Schwärzungen aber wertlos machten. Der Zorn der Briten über die ungenierte Abzocker-Mentalität ihrer Abgeordneten ist gross und hat Folgen: Mehr als ein Dutzend Übeltäter dürfen bei der nächsten Wahl nicht mehr antreten, gegen drei mutmassliche Betrüger ermittelt sogar die Kripo.

Um den weit verbreiteten Missbrauch in Zukunft auszuschliessen, hat das Parlament bereits eine Reform beschlossen: Gehälter und Spesen der Volksvertreter soll in Zukunft eine unabhängige Kommission festlegen.
Bercows Reform-Eifer erhielt Unterstützung durch die Bewerbungs-Ansprachen seiner insgesamt neun Rivalen. Er will die Parlaments-Ausschüsse sowie die Rechte von Hinterbänklern stärken und häufiger im Land unterwegs sein. „Ich will Sprecher und Zuhörer sein", sagte der neue Speaker.

Dass Bercow zwar Konservativer ist, aber bei vielen Labour-Abgeordneten hohes Ansehen geniesst, dürfte ihm entgegenkommen. Denn für viele Reformen braucht er die Unterstützung der Regierung.(Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2009)

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    John Bercow, Speaker

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    Großbritanniens Houses of Parliament an der Themse: Auch mit der Wahl des neuen Speaker werden sich die dunklen Wolken des Spesenskandals nicht so leicht verziehen. Zwar wird viel über Neuerungen diskutiert – noch ist aber unklar, wie eine Reform aussehen soll.

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