Es spricht vieles für "sehr dreiste Fälschung"

23. Juni 2009, 12:44
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Hörfunk-Redakteurin Barbara Ladinser im Chat über ihre Er­lebnisse in Teheran und die Machtverhältnisse im Iran

Barbara Ladinser berichtete für den Radiosender Ö1 über die iranischen Präsidentenwahlen. Sie erhielt dafür ein Zehn-Tages-Visum für den Iran, nach dessen Ablauf sie das Land verlassen musste. Im derStandard.at-Chat berichtet sie über ihre Erlebnisse in Teheran, den Einfluss der Revolutionsgarden und die Machtverhältnisse im Iran. Vorwürfe, dass das Wahlergebnis zugunsten Präsiden Ahmadinejads verfälscht worden sei, hält die Aulsandskorrespondentin für glaubhaft: Unter Verweis auf eine Studie der britischen Denkfabrik Chatham House spricht sie von einer "sehr dreisten Fälschung".

Über die Ziele der Protestbewegung erzählt Ladinser, dass die Menschen Veränderungen im Kleinen und mehr soziale und wirtschaftliche Freiheiten wollen – "im Grunde eine islamische Demokratie, wie sie die Revolution vor 30 Jahren versprochen hatte. Sie erzählt von ihren Erlebnissen auf Demonstrationen des Moussavi-Lagers und äußert die Befürchtung, dass dem Terror der radikalen Gruppen am rechten Rand des Regimes Terror linker Gruppen folgen könnte.

Moderator-Message: Wir begrüßen Barbara Ladinser im derStandard.at-Chat und freuen uns auf zahlreiche Userfragen.

Moderator: Wir begrüßen Barbara Ladinser im derStandard.at-Chat und freuen uns auf zahlreiche Userfragen.

Schneeglöckchen: S.g. Frau Ladinser! Wie gehen Sie mit Angst um, wenn Sie in Krisengebieten vorort sind?

Barbara Ladinser: Ich danke für die Einladung hierher zum derStandard.at Chat und freue mich, wenn ich ein bisschen was von dem, was ich im Iran erlebt habe, erzählen kann.

Flat Decider™: Seit wann sind Sie wieder in Österreich?

Barbara Ladinser: An Schneeglöckchen: Ich bin selten in Krisengebieten, weil ich da schon vorher Angst habe. Im Iran haben mich die Ereignisse überrascht. Ich hatte 1-2 Mal Angst und zwar in der Nähe von Demonstrationen, die von Sicherheitskräften auseinandergeprügelt wurden. Aber so wie jeder, bereitet man sich darauf vor, davonzurennen, wenn's ernst wird. Als es gewalttätiger wurde, war ich nicht mehr dort.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Wie ging ihre rückreise nach österreich vonstatten?

Barbara Ladinser: Ich bin vergangenen Mittwoch in der Früh in Wien gelandet. Man hatte mir ein Visum von nur 10 Tagen genehmigt, das auf meine Anfrage nicht verlängert wurde. Am Dienstag um Mitternacht, bei Ablauf des Visums war ich am Flughafen und reiste ab. Es verlief alles ohne jedes Drängen - ich hatte mich schlicht an die Regeln zu halten. Dass ich das Visum nur für 10 Tage bekommen hatte, war sicher kein Zufall.

ModeratorIn: Frage per Mail: Ich hätte gerne gewusst, wie Frau Ladinser die Menschen in den ersten Stunden NACH der Verkündigung des Wahlergebnisses erlebt hat. Was hat der überwiegende Teil der Wähler, mit denen sie DAVOR gesprochen hat, gesagt? Was waren deren

Barbara Ladinser: Die Euphorie vor der Wahl und die Sicherheit, dass Mir-Hussein Moussavi gewinnen würde, war vor allem in Teheran sehr groß. Umso größer war der Schock, als nicht einmal 2 Stunden nach Wahlschluss das Innenministerium einen angeblichen Erdrutschsieg Ahmadinejads verkündete. Aus meinem Hotel hörte ich gegen 1 Uhr nachts bei der naheliegenden Wahlzentrale Moussavis Lärm. Ich ging hin - da waren an die 100 Moussavi-Anhänger - Männer und Frauen, die bereits in Sprechchören protestierten. Plötzlich gab es Schreie - alle stoben auseinander. Sicherheitsbeamte mit Knüppeln tauchten auf, jagten Tränengas in unsere Richtung. Ich flüchtete mit ein paar Dutzenden in das Gebäude und wir saßen dort eine Stunde fest, ehe wir wieder raus konnten. Die Sicherheitskräfte waren offenbar längst auf zu erwartende Proteste vorbereitet. Die breite Entscheidung für Moussavi war weniger eine "für diesen" als eine "gegen Ahmadinejad". Moussavi ist ein absolut systemtreuer Politiker, gehört aber zum moderaten Flügel, der gewisse Änderungen des Systems befürwortet - kleine Dinge: weniger Zensur, weniger Sittenpolizei, mehr wirtschaftliche Sicherheit und ein milderes Gesicht des Irans nach außen. Dafür stimmten die Menschen, die für Moussavi bzw. Karrubi stimmten. Ahmadinejad-Befürworter argumentierten dieser sei ein mutiger Politiker, habe dem Iran Respekt im Ausland eingebracht und die Ehre der Nation vergrößert. Wie beim Reformpolitiker Khatami sind auch im Lager Moussavis der große Anteil Frauen, die im Iran gesetzlich viele Nachteile haben. An Moussavis Seite kämpfte dessen Frau. Sie trat für gleiche Rechte ein, was sicher auch viele Frauen von Moussavi überzeugte.

Rafaela: Haben Sie Kontakt mit Leuten, die derzeit im Iran sind?

Barbara Ladinser: Ja, allerdings zunehmend weniger. Gestern war z.B. kein einziges Handy mehr erreichbar. Auch am Festnetz muss man sehr geduldig sein, bis man durchkommt. Was obendrein den Kontakt erschwert, ist die Angst im Iran, dass sowohl Telefon, als auch eMail überwacht werden und Kontakte mit Ausländern als Spionagetätigkeit oder Verrat verfolgt werden könnten. Ich habe jedenfalls Hemmungen, mit Menschen in Kontakt zu treten.

schneckeschnirkl: Im Iran scheint die Überwachung wirklich sehr gut zu funktionieren. Wäre es möglich, ein Satelitenhandy zu benutzen? oder wird man da ständig kontrolliert?

Barbara Ladinser: Schwer zu sagen. Ich hatte meinerseits für die Radioübertragungen ein Satellitentelefon (kein Handy) mit dabei. Es hat bis zum letzten Tag, Dienstag Abend der vergangenen Woche tadellos funktioniert. Ich hatte das Gefühl, hier hat das Regime keinen Zugriff. Aber das ist meine laienhafte Einschätzung - ich weiß nicht, wie das jetzt wäre und ob Menschen dort Satellitenhandys haben oder ausprobieren.

Alex E: Wie groß ist die Protestbewegung? Sind das einzelne Gruppierungen oder ist das die breite Masse, die sich hier wehrt? Das ist aus der Distanz oft schwer erkennbar.

Barbara Ladinser: Der Höhepunkt der Proteste war jene Demonstration am Montag Nachmittag nach der Wahl. Die Zahlen schwanken zwischen 1,5 und 3 Millionen Menschen. Ich selbst bin 3,5 Stunden in diesem Menschenstrom mitgegangen und kann bezeugen, dass die Teilnehmer ein Ausschnitt aus der gesamten Gesellschaft waren. Da waren Hausfrauen, Bauarbeiter, Professoren, vor allem viele, viele Frauen und die Menschen kamen aus Nord-, Süd-, Ost-, und West-Teheran, wie sie mir versicherten. Die kleineren Demonstrationen der letzten Tage, die sehr viel Mut erforderten, wurden vor allem von jungen Menschen getragen. Aber auch die scheinen nun - immer mehr von der Gewalt der Sicherheitskräfte terrorisiert - lieber zu Hause zu bleiben.

Kedi Kedi: Hat die Protestbewegung Ihrer Ansicht nach eine reelle Chance, Veränderungen herbeizuführen?

Barbara Ladinser: Unmittelbar bin ich pessimistisch: eher nicht. Aber parallel zum Aufbegehren in der Bevölkerung spaltet ein tiefer Riss das System "itself". Dieser Bruch könnte langfristig zu Veränderungen führen. Aber niemand weiß, wie lang und wie schwierig so ein Weg sein kann.

agarthianer: wissen Sie ob sich Antonia Rados noch im Iran befindet ?

Barbara Ladinser: Das weiß ich nicht. Das könnte man wohl bei N-TV, wo sie arbeitet, herausfinden.

Peter Ladstätter1: Man hört und sieht "nur" von Protesten in Teheran. Gibt es in anderen Städten und Landesteilen auch Proteste und Demonstrationen?

Barbara Ladinser: Wie insgesamt sind auch hier die Informationen unsicher und mangelhaft. Fest steht, dass es in allen größeren Städten in den Tagen nach der Wahl Proteste gegeben hat. Unklar ist das Ausmaß, da die gleichgeschalteten Staatsmedien die Information kontrollieren und zum Vorteil des Regimes manipulieren.

ModeratorIn: Userfrage per Mail: Inhaltlich bitte ich um Ihre Meinung zur 3er Konstellation Militär, Pasdaran und Rasfanjani. Können Sie einschätzen, was da jetzt gerade im Hintergrund passiert und womit zu rechnen ist. Für mich sind das jetzt entscheidende Vari

Barbara Ladinser: Rafsanjani ist im Moment ein großes Rätsel, er ist seit der Wahl nicht mehr zu hören gewesen. Er ist einer der mächtigsten Männer im System und dürfte derzeit hinter den Kulissen agieren. Faktum ist, dass er in der Wahl hinter Moussavi stand, eigentlich dem moderaten Lager zugerechnet wird und als erklärter Feind Ahmadinejads gilt. Dass die Pasdaran hinter ihm stehen sollen, ist mir neu. Vielleicht Teile davon, man weiß es nicht. Faktum ist, dass die Pasdaran die wichtigste Stütze Ahmedinejads und seines Lagers der Hardliner sind.

mario de Piero: Können Sie bitte beurteilen, wie die Stellung der Armee ist. Wie ist die Heeresspitze.

Barbara Ladinser: Die iranische Armee ist salopp gesagt zweitrangig. Die tatsächliche militärische Macht sind die Revolutionsgardisten, die so genannten Pasdaran. Ihre Doktrin wurde vor kurzem umgeschrieben. Sicherten sie bisher das Land nach Außen, so sind sie jetzt für die innere Sicherheit zuständig. Sie waren mit ihrem Arm der freiwilligen Miliz zuletzt auf den Straßen, um die Protestbewegung zu ersticken. Sie stehen dem Revolutionsführer Khamenei sowie Ahmadinejad nahe. Ob sie nach Innen einer Meinung sind, weiß niemand genau. Die Experten sind hier unterschiedlicher Meinung. Es gibt solche, die hoffen, dass ein möglicher Bruch innerhalb der Pasdaran das Lager der Hardliner schwächen könnte. Über die Personen an der Spitze bin ich leider nicht sehr informiert. Der Kommandant der Pasdaran lässt es nicht an drohenden Parolen an die Demonstranten mangeln.

Haloander: Was wollen die protestierenden Menschen im Iran genau? Wollen sie einen systemtreuen Moussavi, den sie gewählt haben, als Präsident oder inzw. "mehr".

Barbara Ladinser: Die große Mehrheit möchte ganz einfach "Change". Veränderungen im Kleinen, mehr soziale und wirtschaftliche Freiheit, im Grunde eine islamische Demokratie, wie sie die Revolution vor 30 Jahren versprochen hatte. Niemand in der Bewegung würde laut das System selbst in Frage stellen. Der Hauptslogan bisher lautete ohnehin: "Wo ist meine Stimme?" Die Menschen sind überzeugt, dass das Regime diese Wahl in dreister Art gefälscht hat. Durch den Riss im System steht nun natürlich implizit dieses selbst in Frage.

Nope: Frau Ladinser, haben die Iraner eigentlich die Möglichkeit, die internationale Berichterstattung über ihr Land mitzuverfolgen oder senden sie nur Informationen nach Außen?

Barbara Ladinser: Allen Verboten zum Trotz haben die Mehrheit der Iraner in den Städten Satellitenschüsseln auf den Dächern. BBC und Voice Of America betreiben jeweils einen Sender in Persisch. Vor allem BBC erfreute sich großer Beliebtheit. Beide Sender sind seit Tagen nicht mehr zu empfangen. Offenbar wurde an den Satelliten manipuliert. Andere Auslandssender können empfangen werden, aber wer keine Fremdsprache kann, wird weder die Nachrichten des ZDF oder eines anderen internationalen Senders verstehen. Und offenbar wurde in den letzten Tagen massiv gegen Satellitenschüsseln Privater vorgegangen.

D Bangrah: Ein objektive Bewertung der Richtigkeit des Wahlergebnisses scheint schwierig - wie ist Ihre subjektive Meinung? Gefaelscht ja oder nein?

Barbara Ladinser: Ich zögere mittlerweile nicht mehr, zu sagen, dass das Wahlergebnis gefälscht war. Es gibt keine Beweise, aber die unzähligen Fragen, die unbeantwortet bleiben, sprechen für eine sogar sehr dreiste Fälschung. Stellvertretend für alle Zweifel verweise ich auf die englische Denkfabrik "Chatham-House" http://www.chathamhouse.org.uk , die eine detaillierte Studie vorgelegt hat, mit erdrückenden Indizien für einen Wahlbetrug in großem Ausmaß.

Nope: Warum wurde das Wahlergebnis so offensichtlich manipuliert, dass es nach einem Erdrutschsieg ausgesehen hat - wäre ein knapper Sieg Ahmedinejads nicht glaubwürdiger gewesen und vielleicht sogar hingenommen worden?

Barbara Ladinser: Ja, sie haben Recht. Man fragt sich wirklich, warum in diesem eklatanten Ausmaß. Und gewiss wäre jedes Argumentieren bei einem knappen Ausgang für Ahmadinejad schwierig gewesen. Hinter dem Erdrutschsieg Ahmadinejads steckt meines Ermessens politisches Kalkül: es ist die Botschaft an die, bei den Hardlinern verhassten, reformbereiten Kräfte, dass sie nur eine verschwindende Popularität genießen. In den Händen der Hardliner sind die Gewaltorgane, sie haben die Information unter ihrer Kontrolle, sie haben die wirtschaftlichen Monopole, sie kontrollieren die Ressourcen aus dem Ölgeschäft, sie haben alles und können daher bestimmen, was die Wahrheit ist.

kalind: Was fürchtete das Regime an einem Sieg von Moussavi, einem eigentlich systemtreuen Politiker?

Barbara Ladinser: Das politische System der islamischen Republik Iran ist kein monolithisches. Es vereinigte bisher verschiedene Flügel unter einer Machtpyramide. Was mit Moussavi zutage trat ist die Konkurrenz zwischen einem autoritär-autokratischen Flügel und einem moderat-reformbereiten. Es ist ein alter Widerstreit im System, bei dem es um die Richtung geht, in die sich die islamische Republik entwickeln soll. In eine den Willen des Volkes berücksichtigende eher demokratische oder in eine in der das oberste Führerprinzip das velayat-e faqih am Volk vorbei die alleinige Entscheidungsmacht hat.

ayatollahx: wie wahrscheinlich ist es, dass bisher friedliche Proteste in einen bewaffneten Widerstand gegen das Regime übergehen?

Barbara Ladinser: Es gibt diese Befürchtung, dass dem Terror der radikalen Gruppen am rechten Rand des Regimes Terror von Gruppen am gegenüber liegenden linken Rand folgen könnte. Aber das liegt bisher im Reich der Spekulation.

Moderator-Message: Die Stunde ist um. Leider konnten wir nicht alle Fragen der UserInnen stellen. Danke an Barbara Ladinser fürs Kommen!

Moderator: Die Stunde ist um. Leider konnten wir nicht alle Fragen der UserInnen stellen. Danke an Barbara Ladinser fürs Kommen!

ModeratorIn: Danke

Barbara Ladinser: Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und hoffen wir das Beste für eine humane Entwicklung im Iran.

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