Beichten

22. Juni 2009, 19:03
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Es war ein Wochenende der Beichten. Die mit dem Höchstgehalt an Spiritualität hatte am Sonntag, nicht überraschend, "Österreich" zu bieten: "Helmut Frodl im 1. Interview - Beichte eines Mörders"

Es war ein Wochenende der Beichten. Die mit dem Höchstgehalt an Spiritualität hatte am Sonntag, nicht überraschend, "Österreich" zu bieten: Helmut Frodl im 1. Interview - Beichte eines Mörders. Es war zwar nicht das 1. Interview, weil dieses bereits am Samstag und auch in "Österreich" erschienen war. Die Fellners wissen renommierte Persönlichkeiten angemessen auszuschlachten und haben dafür sogar die journalistische Form des Stotterinterviews erfunden, zu dessen Wesen es gehört, dass das 2. Interview sich vom 1. Interview inhaltlich nicht unterscheiden darf, aber auf Bunt- statt auf Rotationspapier erscheinen muss.

Anders als bei sonstigen im Beichtstuhl der Fellners gepflegten sakramentalen Plaudereien erbrachte jene Frodls die dem Lesernutzen geweihte Zusatzinformation: Wie Gott ihn auffing. Leider erwies sie sich als etwas unpräzise, weil sich rasch herausstellte, dass nicht Gott Frodl auf-, sondern Frodl im Rahmen eines inzwischen weitgehend abgeschlossenen Theologiestudiums Gott eingefangen hat, was aber für die Auflage von "Österreich" kaum von Belang sein dürfte.

Dramatischer verliefen da schon die Beichten, die Damen aus sogenannten Adelskreisen, aber auch einige Herren in ähnlich schweren Lebensumständen, bei "profil" über ihr Verhältnis zur hohen Kunst des Smalltalks deponierten. Die auf dem Titelbild einschlägig illustrierten Bekenntnisse schöner Seelen sollten auf intellektuell hochstehende Weise den Vorsprung wettmachen, den sich "News" vorige Woche mit der Coverstory Habsburgs schönste Tochter - Wie der Teen die Society bezaubert in der Society herausgeschunden hatte.

Das ist auch gelungen. Die Organisatorin des Opernballs gestand freimütig: Smalltalk ist sehr anstrengend. Eigentlich empfinde ich selten Vergnügen dabei. Aber es gibt Hoffnung, kann sie doch konstatieren, dass die Krise, was den Tiefgang von Gesprächen betrifft, viel Positives bewirkt hat. Die allgemeine Verunsicherung trägt dazu bei, dass die Menschen mehr aufmachen und plötzlich weniger belanglos werden.

Die Krise als Chance - endlich erhält dieser Satz seinen Sinn. Das theoretische Unterfutter dafür lieferte der Herausgeber des "Gault Millau" mit der tiefgedachten Sentenz: Die Diffamierung der Bedeutung, ein "leichtfüßiges Gespräch" führen zu können, zeugt von Ahnungslosigkeit. Und für alle, die von dieser Ahnungslosigkeit bedroht sind, hatte er die Differenzregel parat: Eine Konversation führt man mit dem Papst oder sehr schönen Frauen, mit allen anderen führt man ein Gespräch. Wenn einen Gott nicht auffängt - aus "profil" erfährt man nicht, wie man sich nun in Gesellschaft etwa eines Bischofs oder einer etwas weniger schönen Frau smalltalkend aus der Affäre zieht.

Ein Ratschlag hingegen ist ewig gültig: "Es gibt nichts Schlimmeres, als unbedingt originell sein zu wollen." Leider hatte ihn der Herausgeber der "Kronen Zeitung" noch nicht gelesen, als er einen leicht obszönen Wunsch beichtete, der ihm schon längere Zeit schwer auf der Seele gelegen sein muss: "Beide Prölls an die Spitze". Auch wenn seine wöchentliche Entäußerung in "Live" unter der Behauptung firmiert, das Gespräch führte Nadia Weiss, müsste man schon ein "profil"-geschulter Experte für Small Talk sein, um entscheiden zu können, ob es sich dabei um Konversation oder tatsächlich um ein Gespräch handelt. Zwar ist er nicht der Papst, aber um sich für unfehlbar und andere in diesem Aberglauben zu halten, muss er gar nicht erst ex cathedra operieren. Der Ablauf des Melange-Tratsches lässt eher darauf schließen, dass es sich dabei weder um ein Gespräch und trotz der papalen Stilistik auch nicht um Konversation handelt, sondern einfach um das öffentliche Selbstgespräch eines Boulevardpapstes, der jegliche Freude daran verloren hat, seinen Hund zu streicheln und deshalb die Öffentlichkeit an seiner Gewissenserforschung teilhaben lässt.

Leise Strömungen im politischen Geschehen unseres Landes wahrnehmend, meine ich zu spüren, dass die große Wendung kommen könnte, die ich für Österreich erwarte, nämlich, dass beide Prölls, der eine als Bundeskanzler, der andere als Bundespräsident, an der Spitze des Staates stehen, womit der heimische Investiturstreit zwischen "Krone" und Demokratie endlich entschieden wäre - nach echten demokratischen Wahlen, klar. Noch weiß er nicht, ob so eine Wendung, von der ich geradezu träume, auch von den Bürgern unseres Landes gewollt wird.

Eine kleine Chance haben wir noch - wenn Gott uns auffängt. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 23.6.2009)

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