Klimaerwärmung: Zu viel Hitze im Gefecht

22. Juni 2009 23:54

Was passiert, wenn Wissenschafter zu Dogmen-Verkündern mutieren - Von Christoph Matulla, Hans von Storch und Nico Stehr

Was passiert, wenn Wissenschafter zu Dogmen-Verkündern mutieren. - Klimaforscher müssen nun die eigene Vorgabe von zwei Grad Erderwärmung bis 2100 nach nur zwei Jahren als unrealistisch verwerfen. 

***

In den letzten Jahren spielte die Zahl 2 in der Klimaforschung, den Medien, in den Reden von Politikern bis tief hinein in die Gesellschaft eine bedeutende Rolle. Eine Gruppe von öffentlich sehr wirksamen Klimaexperten vertrat die Ansicht, wenn die globale Erderwärmung bis Ende dieses Jahrhunderts auf 2 Grad beschränkt werden könnte, blieben dem Planeten erhebliche Katastrophen erspart. Falls dies nicht gelänge, wären etwa Migrationsbewegungen unerhörten Ausmaßes, überbordender Terror und die Verödung gegenwärtig fruchtbaren Bodens in großem Maßstab die Konsequenz.

Zuerst stellt sich die Frage, wie es zu der Zahl 2 kam. Tatsächlich lassen sich unserer Ansicht nach nicht die oben geschilderten Katastrophen in einen strikten kausalen Zusammenhang mit einer Erderwärmung von 2, 2.1 Grad oder 4 Grad bringen. Vielmehr kommen die 2 Grad aus dem deutschen Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltfragen WBGU. Die dort aktiven Klimaexperten sind jetzt auch in Brüssel beim Alarmschlagen dabei. Tatsächlich scheinen die 2 Grad jene Temperaturzunahme zu sein, mit der "mindestens" am Ende des 21. Jahrhunderts zu rechnen ist. Die 2 Grad sind eine politische Zahl, keine wissenschaftliche, selbst wenn sie von Wissenschaftern zur Leitlinie erklärt worden ist. Nun muss diese Zahl (wenig erstaunlich) als zu optimistisch verworfen werden.

Weshalb aber werden von manchen Klimaexperten unrealistische Zielvorgaben zum Dogma erhoben, aus dem sich Handlungsanleitungen für die Regierungen und die gesamte Staatengemeinschaft (diverse Protokolle) ableiten sollen? Bestimmt kann nicht allen diesen Experten unterstellt werden, sie hätten von der Aussichtslosigkeit des "2-Grad-Zieles" nichts gewusst. Eine mögliche Antwort bestünde darin, dass unrealistische Ziele vorgegeben werden, um im wahrscheinlichen oder gar sicheren Falle deren Nichterreichung die Öffentlichkeit erneut zu alarmieren und zu größeren Anstrengungen anzuhalten.

Wir denken, dass ist der falsche Weg. Zunächst wird durch solches Vorgehen der Klimawandel an sich nicht ausreichend ernst genommen. Klimawandel findet statt und wird sich in den kommenden Jahrzehnten beschleunigt entfalten. Darauf stellt sich die Gesellschaft am besten mit mittel- bis langfristig angelegten Gegenmaßnahmen ein. Je mehr die Emissionen eingeschränkt werden können, umso geringer wird der Klimawandel ausfallen. Aber er wird nicht zum Stillstand kommen, und die Verminderung der Verletzlichkeit muss hohe Priorität in der öffentlichen Agenda bekommen.

Daher ist ein Aktionismus, der alle paar Jahre in einem unbestimmten Katastrophenalarm kumuliert, kontraproduktiv. Ein derartig kurzsichtiges Vorgehen untergräbt auch internationale Abkommen - da sie dieser Philosophie folgend schon nach wenigen Jahren hinfällig sind. Zuletzt ist zu befürchten, dass so die Klimaforschung das in sie (zu Recht) gesetzte Vertrauen verliert. Angesichts der tatsächlich vor uns liegenden Anpassungs- und Vermeidungsmaßnahmen wäre das ein kapitaler Schaden.

Mit Alarmismus und dem Schüren von Hysterie erweist man der Sache einen Bärendienst. Irgendwann werden sich auch die gutmütigsten Menschen, die ihren Abfall trennen, energiesparende Glühbirnen verwenden, bewusst saisonal und regional einkaufen und zumeist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, fragen, was sie denn noch beitragen können, um ihre Schuld am Verfehlen des 2-, 2.5-, 3-Grad-Zieles verringern zu können. Teilnahmslosigkeit könnte mittelfristig ein Resultat des Alarmismus sein. (Christoph Matulla, Hans von Storch, Nico Stehr, DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2009)

Zur Peson

Christoph Matulla leitet die Klimamodellierung am österreichischen Wetterdienst (ZAMG) und ist derzeit Lektor an der Uni Wien;

Hans von Storch ist Direktor des Instituts für Küstenforschung (GKSS) und Professor am Meteorologischen Institut der Uni Hamburg;

Nico Stehr ist ein deutscher Kulturwissenschafter und Inhaber des Karl-Mannheim-Lehrstuhls für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 84
    1 2 3
    Reza Tadayon
    23.06.2009 18:11
    Ach ja, der Klimawandel

    Heute morgen war es so kalt, daß ich den Heizlüfter im Bad einschalten mußte. Dazu Dauerregen seit mindestens 30 Stunden.

    Ach so, und den Unterschied zwischen Klima und Wetter kenne ich auch. Wenn es im gesamten Sommer eiskalt ist und ständig regnet, dann nennt man das Wetter. Wenn im Januar hingegen 1 Tag lang die Sonne scheint, ist dies ein Hinweis auf den Klimawandel.

    Michel Berger
    23.06.2009 17:46
    Es ist immer wieder faszinierend wieviele Experten und Spezialisten, gleichgültig zu welchem Thema, hier im Forum anzutreffen sind.

    Marcus Maccabaeus
    23.06.2009 16:59

    Wollte man nicht "Klimaleugnen" unter Strafe stellen?

    Silvio Lackner
    18.08.2009 10:39
    gute Nachricht:Sie können sich von der Erbschuld "Klimasünde" freikaufen!

    zB mit einem Elektrofahrrad, oder mit einer neuen Fassade, oder einer neuen Heizung, oder einem neuen Auto (nur immer "Klima-" voransetzen). Und dann können Sie zu den Klimapredigern gehen und sich ein Kreuz auf die Stirn zeichnen lassen und somit sind sie frei. Nur: mit nur a bisserl U-Bahnticket kaufen werdens noch nicht beim Ablass durchkommen, da müssens schon tiefer ins Börserl greifen.

    unter.tasse
    23.06.2009 16:00

    Vielleicht sollte man die Themen "Umweltschutz" und "Klimaerwärmung" nicht permanent aneinanderkoppeln, sondern durchaus als eigenständige Themen sehen, so wie Michael Berger schreibt, artet das nur in Panikmache aus (cui bono ? ist da die Frage...)

    Und im Übrigen: wenn man sich mit Geschichte befaßt, weiß man, daß es durch Naturereignisse (Ende der Eiszeit), Vulkanausbrüche usw. schon weit größere Klimaveränderungen gab als uns jetzt VIELLEICHT bevorstehen. Sowohl zum kälteren (zB 1500 bzw. 800 v. Chr.) als auch zum wärmeren hin (zB um 6000 v. Chr. und 1000 n. Chr.).
    PS: wenn es während der Römerherrschaft soviel geregnet hätte wie heute wären sie allesamt verrostet (die Rüstungen).

    Schlapsi
    23.06.2009 15:36

    Und ich hab soeben eingeheizt, am 23. Juni (!) damit scih das Klima zu Hause etwas erwärmt. Hoffentlich erwärme ich das Klima jetzt nicht zu sehr.

    Zarathustra
    23.06.2009 12:06
    Naja..so ist das...

    ...Wenn man nicht einmal das Wetter von morgen korrekt voraussagen kann, aber klimatische Bedingungen in 100 Jahren vorausberechnen will. Beides sind chaotische Systeme und damit von Grund auf unberechenbar. Kleinste Abweichungen führen zu vollkommen anderen Ergebnissen...ob die CO2-Story nun stimmt oder nicht.

    greenberetta
    23.06.2009 16:25

    So wie die Jahreszeiten ... das ist auch ein völlig chaotisches System.

    Zarathustra
    23.06.2009 16:47

    Nein, die hängen vom Umlauf der Erde um die Sonne zusammen, falls sie das in der Schule nicht gerlernt haben.

    E. Pagliacchi
    23.06.2009 14:20

    Klima ist nicht Wetter. Klima fasst das Wettergeschehen statistisch zusammen. Dadurch ist es abstrakt.

    Ein Vergleich mit dem Würfel:
    Angenommen ich hätte einen gezinkten Würfel, der bei der Augenzahl 6 ein bisserl schwerer ist.
    Dann weiß ich zwar nicht, welche Augenzahl beim nächsten, übernächsten Wurf erscheint. Aber wenn ich genügend oft würfle, wird die Augenzahl 6 öfter drankommen. Wenn ich den Würfel genau untersuche, könnte ich vielleicht prognostizieren, wie hoch die Häufigkeit sein wird.
    Was der Würfel im Einzelnen tut, weiß ich trotzdem nicht. Mikrokosmisches Chaos und makrokosmische Regelhaftigkeit sind vereinbar!

    So etwa ist das mit Wetter und Klima

    hlg
    27.06.2009 09:34
    na dann nehmen sie bitte jetzt eine kugel statt dem würfel...

    und sagen sie voraus wie sie liegenbleibt... ;-)

    her wig
    23.06.2009 15:49

    Gefällt mir, Ihre Darstellung. ABER: die makrokosmische Regelhaftigkeit liegt in den Jahreszeiten. Was über Jahre hinweg geht, ist wieder mikroskopisches Chaos, relativ zur nächsthöheren makroskopischen Regelhaftigkeit -- falls es so eine gibt, das war jetzt nur die logische Fortsetzung des Musters meinerseits.

    Das heisst, Klimaprognosen über Jahre und Jahrzehnte sind wie die Wetterprognose: man muss prüfen wie gut die Prognosen klappen auf 1, 2, 5, 10 Jahre im Voraus. Und man muss wissen welche KONKRETEN Trends dazu herangezogen werden, El Nino oder sowas. Rein abstrakt-statistisch bleibt nämlich nur die Würfelwurf-Vorhersage.

    E. Pagliacchi
    23.06.2009 14:24

    Ergänzung:

    In meinem Vergleich spielt der einzelne Wurf mit dem Würfel die Rolle des Wettergeschehens. Die Häufigkeitsverteilung der einzelnen Augenzahlen hingegen entspricht dann dem Klima.

    AlK
    23.06.2009 14:01
    naja...

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wett... vorhersage

    Heute ist eine Prognose für die kommende Woche ungefähr so zuverlässig, wie sie es vor dreißig Jahren für den nächsten Tag war. Die 24-Stunden-Vorhersage erreicht eine Eintreffgenauigkeit von gut neunzig Prozent. Die Treffsicherheit für die kommenden 3 Tage beträgt etwas mehr als 75%.


    es ist wirklich schwer an diese information zu gelangen....

    Mary R. Guthry
    23.06.2009 13:32
    Klimamodelllierung vs Wettervorhersage

    Dieser Kommentar ist grundlegend falsch und entbehrt jeder physikalischen Grundlage.
    mfg

    Zarathustra
    23.06.2009 16:45
    Hier haben sie ihre physikalischen Grundlagen:

    Aus wikipedia (Chaosforschung):

    "Das Wetter. Zur Zeit ist die Zuverlässigkeit der Wettervorhersage durch die grobe Kenntnis des Ausgangszustandes begrenzt. Aber auch bei vollständiger Information würde eine langfristige Wettervorhersage letztlich am chaotischen Charakter des meteorologischen Geschehens scheitern. "

    Ich wiederhole: Am chaotischen Charakter des meterologischen(!) Geschehens!

    Mucosaprolaps
    23.06.2009 13:55

    Tja, so ist das im Kronenzeitungs-Land: 90% sind so deppert, dass sie nicht einmal den Unterschied zwischen Metereologie und der Wettervorhersage in der Zeit im Bild kapieren.

    Zarathustra
    23.06.2009 13:49
    Können sie das auch begründen?

    Beides sind definitiv chaotische Systeme. Kleinste Abweichungen in den Anfangsbedingungen führen zu vollkommen anderen Ergebnissen. Hier spielen derartig viele Faktoren mit, die sich untereinander beeinflussen, aufschaukeln, abschwächen, usw. dass eine Vorhersage für 100 Jahre völlig unmöglich ist, noch dazu mit irgendwelchen linearen Computer-Simulationen.

    Silvio Lackner
    18.08.2009 10:47
    Aber genau das macht doch das IPCC?!

    Es prognostiziert einmal +2 Grad und dann wieder +1,785689 und dann wieder +4 Grad - je nachdem, woher der politische Wind weht.

    HansPeter10
    23.06.2009 12:05
    Und schon wieder !

    Von den 3 Experten wäre eigentlich zu erwarten, dass sie das Wort "Klimaerwärmung" nicht verwenden, weil es Blödsinn ist. Kommt zwar nur in der Überschrift vor, aber vielleicht stammt die nicht von Ihnen ?

    raff1
    23.06.2009 13:18
    ach,

    führt CO2 doch zu keiner Klimaerwärmung?

    E. Pagliacchi
    23.06.2009 14:22

    Das Klima kann sich aus logisch-sprachlichen Gründen nicht erwärmen, wie die Preise nicht teurer werden können.

    greenberetta
    23.06.2009 16:36

    Ihre logisch-sprachlichen Gründe sprechen dagegen - trotzdem wird immer gerade das Wort verwendet und jeder weiß, was gemeint ist.
    Starten Sie eine Kampagne für das richtige Wort oder schlagen Sie zumindest einmal eins vor.

    Michel Berger
    23.06.2009 11:34
    The phantom of the opera


    All die Übertreibungen bezüglich Klimawandel sind politisch gewollt - Disziplinierung der Massen durch Einimpfen von Zukunftängsten!

    Verängstigte Bürger sind leichter zu manipulieren, denn Angst ist immer ein schlechter Ratgeber.
    Hier wird der durchaus wünschenswerte und sinnvolle Umgang mit der Natur für Panikmache mißbraucht.

    Man frage sich nur kurz, wer hat von den geforderten Maßnahmen Nachteile un wer zieht Vorteil aus der Verteuerung und Verknappung der bereitgestellten Energie.

    Silvio Lackner
    18.08.2009 10:58
    Die Kirche hat immerhin Jahrhunderte von kreuzbraven Sündenablasszahlern gelebt.

    Heute glaubt man halt an die Ökosünde. Oberster Inquisitor ist das IPCC.

    Nicht dass ich nicht der Meinung wäre, dass wir über die Maßen konsumieren. Aber mit der Klimadebatte wird der Bock zum Gärtner gemacht, weil es nämlich genau darum geht: Klimaprodukte zu konsumieren. Halbwegs gewichste Fondsmanager sind schon aufgestellt. Der Stoffumsatz wird angeheizt. Der weltweite Auto - Fuhrpark muss künftig alle 4 Jahre ausgewechselt sein. Mit "sanftem" Zwang zum Klimaauto.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 84
    1 2 3

    Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.