Ein Priester, der offene Worte nicht scheut

22. Juni 2009, 18:11
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Josef Friedl macht Politik und Kirche das Leben schwer

Josef Friedl ist "schonungslos offen" , muss die Diözese Linz im- mer wieder feststellen. Denn der Pfarrer aus dem oberösterreichischen Ungenach "redet, wie sich die Sache ihm darstellt" . So hielt er der ÖVP Schamlosigkeit vor, als diese im Nachhinein abstritt, auf ihren Wunsch im Oktober 2007 die damals untergetauchte Arigona Zogaj in seiner Pfarre aufzunehmen. Trotz angeblicher Interventionen der ÖVP-Landesparteizentrale hielt der Geistliche daran fest, bei "einem Apfelstrudel im Pfarrhof" dies mit Innenminister Günther Platter besprochen zu haben.

"Ich hatte in meinem Leben schon immer eine große Standfestigkeit" , sagt der heute 64-jährige Innviertler. Ein derartiger, für viele Oberösterreicher berüchtigter Innviertler Sturschädel hat nicht nur die Politik in Verlegenheit gebracht. Seit seinem öffentlichen Bekenntnis, eine Beziehung zu einer Frau zu haben, beschert Friedl auch der Diözese ernsthafte Schwierigkeiten. Doch das Bestreben der Amtskirche, ihn wieder auf den rechten Weg zu geleiten, blieb vorerst erfolglos.

Als erste Reaktion wurde der Priester als Dechant von Schwanenstadt abberufen. Friedls Beharrlichkeit trieb Diözesanbischof Ludwig Schwarz so weit, dass er bei einer Pressekonferenz vorigen Freitag eine Erklärung herumreichte, wonach sich der Pfarrer bereiterklärt habe, fortan wieder zölibatär zu leben.

Doch auch mit medialem Druck will sich Friedl nicht in die Knie zwingen lassen. In gewohnter Selbstüberzeugung richtete er dem Bischof via Medien aus, dass er von dieser Erklärung "nichts weiß" . Grundsätzlich sei jeder nur seinem Gewissen und Gott verantwortlich, hatte Friedl schon seine Schüler gelehrt, als er in Vöcklabruck noch Religion unterrichtete.

Bestärkt in seinem Handeln wird der Geistliche heute von seiner Gemeinde, die "voll hinter ihm steht" , wie es im Gemeindeamt heißt. Sonntag für Sonntag kommen die Gläubigen in Scharen in die Kirche - und das schon seit mehr als 30 Jahren. In dem 1400-Seelen-Ort engagieren sich 175 Männer in der katholischen Männerbewegung und 225 Frauen in der Frauenbewegung. An Friedl schätzen sie seine Aufrichtigkeit.

Auch seine von allen Seiten bescheinigte grenzenlose Offenheit kennt Grenzen. Der Rummel um seine Person wurde dem Priester nun offenbar zu viel, deshalb ist er nach der bischöflichen Pressekonferenz im Pfarrhaus untergetaucht. Auch die dutzenden Nachrichten auf seiner Mobilbox, ließ er verlauten, werde er vorerst nicht beantworten. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2009)

 

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