Arzneimittelentwicklung zu stark an Männern ausgerichtet

27. Juni 2009, 10:00
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Herzerkrankungen: Forschung an weiblichem Koronarsystem birgt laut Expertin durch seine biologischen Vorteile viel "ungenutztes Potenzial" für alle

Pörtschach - Selbst wenn sie an der selben Krankheit leiden: Frauen und Männer sind nicht gleich krank. Unterschiede gibt es zum Beispiel bei Herzerkrankungen schilderte Vera Regitz-Zagrosek, vom Center for Cardiovascular Research an der Berliner Charité bei der Eröffnung der Tagung der Österreichischen Apothekerkammer in Pörtschach. Dort wurden am Wochenende die geschlechtsspezifische Aspekte von Gesundheit und Krankheit diskutiert.

Viele Krankheitsbilder haben unterschiedliche Manifestationen bei Männern und Frauen. So treffen Infarkte in der Regel bei Frauen zehn Jahre später als bei Männern auf. Schlaganfälle, Angina pectoris, akute Koronarsyndrome und Infarkte bei offenen Kranzarterien sind bei Frauen häufiger als bei Männern vorzufinden, schilderte die Herzspezialistin und Gründerin des "Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin" (GIM) an der Berliner Charité, Regitz-Zagrosek. Am plötzlichen Herztod würden überwiegend Männer sterben, während Herzarryhthmien mit verlängerter intraventrikulärer Erregungsdauer (QT-Zeit) vor allem Frauen betreffen.

Es gebe viele Hinweise, dass Medikamente in weiblichen Organismen anders wirken als in männlichen, so die Kardiologin: Der bei Männern hilfreiche Wirkstoff Digitalis zur Behandlung einer chronischen Herzschwäche erhöhe bei Frauen die Sterblichkeit. Es gebe auch Hinweise, nach denen Frauen auf Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen stärker reagieren als Männer und vermehrt unter Nebenwirkungen leiden. Auch hätten Frauen in der Regel mehr Blutungskomplikationen nach der Einnahme von Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmern. "Insgesamt sind Arzneimittelnebenwirkungen bei Frauen etwa 1,5-mal häufiger als bei Männern", so Regitz-Zagrosek.

In der Arzneimittelentwicklung würden die Unterschiede von weiblichem und männlichem Organismus und Stoffwechsel jedoch oft nicht berücksichtigt, kritisiert die Medizinerin: "Die Forschung findet in der Regel an jungen, männlichen Mäusen statt". Mausemännchen würden bevorzugt, weil sie billiger als weibliche seien, die zudem für die Zucht gebraucht würden. Die Männchen hätten auch keinen Zyklus, der zu Streuungen der Testergebnisse führe.

Vergleiche von männlichen und weiblichen Tieren hätten in der Kardiologie allerdings "überraschende Unterschiede" zutage gebracht: "Nach Myokardinfarkt sterben in den meisten Mausstämmen nur 30 Prozent der weiblichen aber 60 Prozent der männlichen Tiere. "Frauen scheinen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen biologische Vorteile zu haben. Welche das sind und wie wir diese Erkenntnisse auch für Männer nutzen können, ist ein vielversprechender Ansatz für die Arzneimittelentwicklung. Hier liegt ein enormes ungenutztes Potenzial", so die Berliner Forscherin. (APA)

 

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