Der große Unzeitgemäße seiner Zeit

22. Juni 2009, 17:55
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Am 25. Juni 1984 starb der französische Philosoph und Historiker Michel Foucault an Aids - der Historiker Paul Veyne erinnert sich an seinen langjährigen Weggefährten

Im Februar 1984 litt Michel Foucault an hartnäckigem Husten und ständigem leichten Fieber. Er bat seinen alten Freund Paul Veyne, dieser möge doch seine Frau, eine Ärztin, um Rat fragen. "Deine Ärzte werden sicher denken, dass du Aids hast" , meinte Paul Veyne im Scherz. "Aber gibt es Aids tatsächlich, oder ist es bloß eine moralisierende Legende?" Damals war die Krankheit noch mehr Mythos als Realität. Knapp vier Monate später war Michel Foucault tot. Gestorben im Alter von 57 Jahren - an Aids. Den Tod hatte er sich wahrscheinlich in einer Schwulensauna in San Francisco geholt. Deren Werbeplakat hing in seinem Büro im Collège de France - selbst dann noch, als Foucault längst klar war, wie es um ihn stand.

Es mag befremdlich wirken, wenn sich Paul Veyne über die Krankheit seines Freundes auslässt. Unwichtig ist es nicht. Es zeigt einerseits die Naivität, die damals in Bezug auf Aids herrschte, andererseits den zwiespältigen Umgang, den die Öffentlichkeit mit Foucaults Homosexualität pflegte. Er selbst machte nie ein Geheimnis daraus, schwul zu sein, nicht einmal in den 1950er-Jahren, als Homosexualität in den elitären Zirkeln der École normale als ungeheures Tabu galt. Als James Miller im Jahre 1993 in seiner Biografie Die Leidenschaften des Michel Foucault nicht nur über das Werk, sondern auch über die sado-masochistischen Neigungen des Philosophen schrieb, löste das Buch in den USA und Frankreich noch vor Veröffentlichung einen veritablen Skandal in akademischen Kreisen aus.

Foucaults Originalität bestand laut Veyne darin, dass er erforschte, wie sich die Wahrheit in der jeweiligen Zeit darstellte: "Woher kommt es, dass die Wahrheit so wenig wahr ist?" Er verneinte eine universelle, die Zeiten überdauernde Wahrheit; für ihn war die Vergangenheit ein Friedhof von toten großen Wahrheiten. Aus diesem Grund vertraute er auch keinem der Deutungssysteme, die zu seiner Zeit en vogue waren. Er glaubte weder an Marx noch an Freud, weder an die Revolution noch an Mao, und privat machte er sich über den naiven Fortschrittsglauben lustig. Sein großes Vorbild war Friedrich Nietzsche, wie er war auch Foucault von einem tiefen Skeptizismus durchdrungen. Friede den kleinen Fakten, Krieg den Allgemeinheiten.

"Verwendet das Denken nicht dazu, einer politischen Praxis einen Wahrheitswert zu verleihen" : Foucault vermied, sein politisches, quasi privates Engagement philosophisch zu verbrämen. Und so liegen jene, die Foucault gerne zitieren, um ihren moralischen Furor zu rechtfertigen, falsch.

Paul Veynes Buch ist Dokument einer langen, intensiven intellektuellen Freundschaft und zeichnet die großen Ströme in Foucaults Denken exemplarisch nach. Der Historiker Veyne legt das Werkzeug des Historikers Foucault dar, beispielsweise dessen zentralen "Diskurs" -Begriff. Diskurse sind Brillen, durch die in jeder Epoche Menschen Dinge wahrgenommen, gedanklich erfasst und betrieben haben. Jeder kann nur so denken, wie man zu seiner Zeit denkt. Keineswegs sind sie etwas, dass die einen erfinden, um die anderen zu unterdrücken. Diskurse sind für die Herrschenden ebenso bindend wie für die Beherrschten. Und sie lassen sich nicht auf das Gesagte reduzieren. Das Gesprochene ist nur die sichtbare Spitze des Eisberges. Zu glauben, man könnte die Gesellschaft ändern, indem man die Sprache verändert; das Zusammenleben schöner, gerechter, freier gestalten, wenn man Behinderte nicht mehr Behinderte nennt und das Wort Fräulein aus dem Wortschatz streicht, hat mit Michel Foucaults Diskurs-Theorie rein gar nichts zu tun.

Ideologie versus Freigeist

Paul Veyne nennt seinen Freund einen "Inaktuellen" : Foucault war der große Unzeitgemäße seiner Zeit. Aber während die anderen französischen postmodernen Philosophen der 1970er- und 1980er-Jahre fast nur noch in esoterischen Lesezirkeln rezipiert werden, erscheint Michel Foucault 25 Jahre nach seinem Tod präsenter denn je. Das mag auch an seinem ungeheuren literarischen Talent liegen, seinem neutralen Stil, der nur historischen Fakten verpflichtet ist. Um 1955 habe es für Foucault zwei literarische Lager gegeben, erinnert sich Veyne. Zu dem einen, dass er für unbedeutend hielt, gehörten Brecht und Sartre, zu dem anderen, das er bewunderte, Samuel Beckett, Maurice Blanchot und George Bataille. Hier jene, die ihr Werk in den Dienst einer Ideologie stellten; dort die Freigeister.

Am Morgen des 29. Juni 1984 versammelten sich hunderte Menschen hinter dem Hôpital de la Salpêtrière, um an der in Frankreich traditionellen Zeremonie des levée du corps teilzunehmen, dem Augenblick, da der Sarg die Leichenhalle verlässt. Ursprünglich waren nur Freunde eingeladen worden, doch dann wurde das Ereignis in Le Monde angekündigt. In einer Ecke neben der Leichenhalle bestieg der Philosoph Gilles Deleuze eine Kiste und las mit kaum hörbarer Stimme aus dem Vorwort von Foucaults Sexualität und Wahrheit: "Was sollte die Härtnäckigkeit des Wissens taugen, wenn sie nur den Erwerb von Erkenntnissen brächte und nicht in gewisser Weise das Irregehen dessen, der erkennt. Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterdenken oder Weiterschauen unentbehrlich ist." (Gerhard Pretting/DER STANDARD, Printausgabe, 23. 6. 2009)

  • Ein Samurai mit dem Schreibschwert: Michel Foucault, einer der
provozierendsten und kämpferischsten Philosophen des 20. Jahrhunderts.
    foto: magnum photos / martine franck

    Ein Samurai mit dem Schreibschwert: Michel Foucault, einer der provozierendsten und kämpferischsten Philosophen des 20. Jahrhunderts.

  • Paul Veyne: "Foucault - Der Philosoph als Samurai" , 218 Seiten, Reclam Verlag.
    coverfoto: reclam

    Paul Veyne: "Foucault - Der Philosoph als Samurai" , 218 Seiten, Reclam Verlag.

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