SPÖ schwankt zwischen Distanz und Diktat

22. Juni 2009, 23:39
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Die Folgen eines Liebesentzugs: Mehr Abstand zur "Kronen Zei­tung"? Müssen Fischer und Häupl um ihre Wahlchancen bangen?

Wien - Werner Faymann habe sich immer um ein gutes Verhältnis zu allen Medien bemüht, das hat er selbst stets betont. Ganz besonders aber war er der Kronen Zeitung verpflichtet, auch durch eine persönliche Verbundenheit mit Krone-Chef Hans Dichand. Daraus hat er kein Hehl gemacht. Noch besser als gut ist auch Faymanns Verhältnis zur Zeitung Österreich, mit deren Chef Wolfgang Fellner er seit Schülerzeitungstagen befreundet ist.

Das Verhältnis zu Dichand ist im vergangenen halben Jahr aber abgekühlt. Keine gemeinsamen Reisen mehr, praktisch keine privaten Treffen. Und das hat auch eine politische Dimension, wenn man die überraschende Liebeserklärung von Hans Dichand an die Familie Pröll, Landeshauptmann Erwin und Vizekanzler Josef, betrachtet. Den einen will Dichand als Bundespräsidenten, den anderen als Kanzler sehen. Das heißt im Umkehrschluss: statt Heinz Fischer und statt Werner Faymann.

Dichand als Dorn im Auge

Die Neupositionierung Dichands sorgt in der SPÖ für Gesprächsstoff - und sehr unterschiedliche Ansichten. Die einen halten die Distanz der Krone für positiv und strategisch anstrebenswert. Damit könnte man die Linksintellektuellen und Künstler, die sich von der SPÖ abgewandt hatten, wieder zurückgewinnen. Vielen in und vor allem am Rande der Partei war das gute Verhältnis von Faymann und Dichand längst ein Dorn im Auge. Wenn sich die Partei jetzt nicht mehr von der Kronen die Politik diktieren lassen müsse, könne das nur ein Vorteil sein.

Auf der anderen Seite wird ein Kollateralschaden befürchtet, wenn die Krone massiv für die Prölls kampagnisieren sollte. Das könnte Bundespräsident Heinz Fischer treffen, der sich offiziell noch nicht festgelegt hat, aber noch einmal kandidieren dürfte. Das Verhältnis Dichands zu Fischer war bisher von Respekt getragen. Das könnte sich ändern. Bisher hat das Staatsoberhaupt aber kaum Anlass für Tadel vom Boulevard geboten.

Für den 5. Juli hat Fischer der ORF-Pressestunde zugesagt, wo er sich punkto Kandidatur festlegen dürfte. Die SPÖ beginnt bereits, für Fischer zu mobilisieren: Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas unterstützt im Internet auf Facebook die Gruppe "Wiederkandidatur von Heinz Fischer!".

Im nächsten Jahr muss aber nicht nur Fischer eine Wahl schlagen. In Wien will Michael Häupl die absolute Mehrheit seiner SPÖ verteidigen - verliert nun auch er den Rückhalt der Krone? Im Rathaus kann sich das kaum jemand vorstellen, denn bisher zählte der Bürgermeister zu den Lieblingen des Kleinformats. Allerdings basiert dieser Bonus weniger auf einer persönlichen Beziehung. Häupl, dem Verhaberung entgegen seinem Image suspekt ist, treffe die Dichands nicht häufiger als andere Medienmacher, heißt es. Und von Privatausflügen wie bei Faymann könne schon gar keine Rede sein.

Der Chef wird nie geprügelt

Politisch ist das Verhältnis dennoch innig: Die beiden machen sich gerne gegenseitig eine Freude. Die Krone druckt Lobesartikel ab, Häupl revanchiert sich. Der Bürgermeister posiert auf Fotos für Krone-Kampagnen wie "Pro Hund" - oder macht sich in schwerwiegenderen Fällen verdächtig, Entscheidungen an Dichand anzupassen. Dass das Museumsquartier etwa keinen Leseturm bekam, roch nach dem Erfolg einer Krone-Kampagne. Fakt ist: Geprügelt werden im Blatt zwar SPÖ-Stadträte, aber nie der Chef selbst.

Das Zusammenspiel hat viele Facetten. Häupl verkörpert den großkoalitionären Volkstribun, der dem Dichand'schen Verständnis des Idealpolitikers nahekommt. Umgekehrt ist der Stadtchef wohl einfach überzeugt, das Massenblatt zu brauchen, wenn er von mehr als der Hälfte der Wiener gewählt werden will. Auf die Frage, ob man gegen die Krone regieren kann, gestand Häupl einmal: "Ich weiß nicht, ob das geht."

Es gibt personelle Verbindungen - der Häupl-Vertraute Josef Kalina wechselte von der SPÖ zur Krone und retour - und natürlich wirtschaftliche. Die Stadtregierung geht mit dem Kleinformat Kooperationen ein (aber auch mit anderen Medien) und schaltet reichlich Inserate. "Allerdings mit geringem Nutzen, weil wir damit erstaunlich wenig transportieren" , sagt ein Rathaus-Insider, der Dichands neues ÖVP-Faible nicht für wahlentscheidend hält: "Die Wiener SPÖ muss näher zu den Leuten und ihren Problemen. Das kann uns die Krone auch nicht abnehmen." (Gerald John, Michael Völker, DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2009)

  • Da war die Menage à trois noch intakt: SPÖ-Politiker Werner Faymann und
Michael Häupl anno 2001 in trauter Dreisamkeit mit "Krone" -Chef Hans
Dichand (Mitte).
    foto:standard/newald

    Da war die Menage à trois noch intakt: SPÖ-Politiker Werner Faymann und Michael Häupl anno 2001 in trauter Dreisamkeit mit "Krone" -Chef Hans Dichand (Mitte).

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