Salzburger Spiel von Frage und Abschied

22. Juni 2009, 18:41
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Mit dem Tod von Regisseur Jürgen Gosch und der Neubesetzung der "Jedermann"-Rollen steht Thomas Oberender vor letzten Herausforderungen

Salzburg/Berlin - Der kürzlich seinem Krebsleiden erlegene Starregisseur Jürgen Gosch wurde gestern auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof zu Grabe getragen: in der Nachbarschaft von Hegel, Heiner Müller und Brecht. Thomas Oberender (43), Theaterchef der Salzburger Festspiele und planerischer Leidtragender der Entwicklung, räumt gegenüber dem Standard ein, mit Blick auf die bald anlaufende Saison vor einer schwierigen Situation gestanden zu sein.

Gosch, ein Theaterkünstler "von so eminenter Bedeutung" , sei überhaupt erst durch ihn von den Salzburger Festspielen zum Inszenieren eingeladen worden. Oberender: "Als ich ihn vor nunmehr bald drei Jahren um die Inszenierung von Euripides' Bakchen gebeten habe, hat ihn das unwahrscheinlich gefreut. Da er wenig später schwer erkrankte, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble eine Konstruktion gefunden, die ihm diese Arbeit dennoch ermöglichte."

Es sei klar gewesen, dass "Gosch dieses Projekt unbedingt realisieren wollte" . Und: "Er ist tatsächlich nur wenige Stunden nach Probenarbeiten an den Bakchen gestorben." Alle, "voran die Schauspieler" , seien mit ihm "diesen Weg bis zum Schluss gegangen" , so Oberender.

Der aus Weimar gebürtige Theaterintellektuelle spricht heute von einem "Wettlauf mit dem Tod" . Die Bakchen werden in der Originalbesetzung (u. a. mit Corinna Harfouch und Ernst Stötzner) am 30. Juli als Leseaufführung im Landestheater vorgestellt (19 Uhr). Zugleich holt man nun Goschs umjubelte Inszenierung von Tschechows Die Möwe vom Deutschen Theater Berlin an die Salzach: "seine vorletzte Arbeit überhaupt" , die an sieben Abenden (ab 26. Juli) im Landestheater gezeigt wird. Gosch selbst habe diese Vorgangsweise vorgeschlagen - "falls die Bakchen scheitern" .

Lob der Charakterfarbe

Aber auch die blitzartige Bestellung eines neuen Jedermann mitsamt geeigneter Buhlschaft (Nicholas Ofczarek, Birgit Minichmayr ab 2010) hält Oberender in Atem. Hat ihn die Neubesetzung dieser Brauchtumsrollen nicht an eine behutsame Revision der Christian-Stückl-Inszenierung auf dem Domplatz denken lassen?

Oberender: "Jede Neubesetzung in diesen zentralen Rollen gleicht einer Revision! Sven-Eric Bechtolfs Teufel und Guter Gesell bringt z. B. eine ganz andere Sicht auf die Figur zum Vorschein als seine Vorgänger."

Oberender verteidigt das Vorhandene mit beredter Verve: "Die Revision des Jedermanns vollzieht sich immer durch die Besetzung. Das macht diese Inszenierung auch so erfreulich erhaben über den Zirkus des Regietheaters! Ofczarek und Minichmayr sind nun eine andere Schauspielgeneration." Oberender nennt sie "unmittelbare Persönlichkeiten" , versehen mit "frischen und starken Charakterfarben" , mit "Vitalität und Hunger auf die Situation" .

Unterm Strich bleibt jedenfalls stehen: "Ich schätze Christian Stückls Inszenierung sehr, und genauso seine Verführbarkeit durch Schauspieler und ihre Vorschläge." Die Zukunft unter dem designierten Festspielintendanten Alexander Pereira sollte freilich ohnedies eine Neuausrichtung des Schauspielprogramms bedingen.

Thomas Oberender besitzt zu seiner persönlichen Zukunft in Salzburg eine sehr dezidierte Ansicht. Er scheint auf Abschied eingeschworen: "Wenn ich 2011 hier aufhöre, werde ich nach fünf Jahren sowieso rekordverdächtig lange als Schauspieldirektor in Salzburg gewesen sein. Das hat, glaube ich, nur Peter Stein überboten. Seither ist niemand in dieser Funktion nach Salzburg gezogen, geschweige denn länger geblieben."

Der ehemalige Dramaturgie-Kopf von Neo-Burgdirektor Matthias Hartmann schlägt den Deckel des Salzburger Festspielbuchs bereits zu:"Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es, bei der gegebenen Struktur der Festspiele - und eine Änderung ist nicht in Sicht -, eines gewachsenen Vertrauens- und Arbeitsverhältnisses zwischen Intendant und Schauspielchef bedarf, und zwar bevor sie gemeinsam an den Start gehen. Das ist bei Alexander Pereira und mir nicht der Fall."

Damit scheint er mit Pereira freilich eines Sinnes. Dieser sagt dem Standard: "Es wird einen erstklassigen Schauspielchef geben. Gerade in diesem Bereich habe ich allerdings meine konkreten Vorstellungen, der Schauspielchef ist eine sehr persönliche Entscheidung. Es soll jemand sein, den man gut kennt, jemand, von dem ich weiß, dass die Chemie stimmt."

Angehende Chemieexperten blicken somit schon nach München, zu Martin Kušej. (poh, tos, DER STANDARD/Printausgabe 23.6.2009)

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    Thomas Oberender, ein nachdenklicher Salzburger Schauspielchef: Der gelernte Dramaturg und Autor wird 2011 seinen Festspielsessel räumen.

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