"Synergie aus Natur und Technik"

22. Juni 2009, 17:01
  • Die Lebensdauer einer Dachabdichtung, die der freien Witterung
ausgesetzt ist, wird aufgrund der Schutzschicht der Dachbegrünung um viele Jahre verlängert.
    foto: verband für bauwerksbegrünung - fricke

    Die Lebensdauer einer Dachabdichtung, die der freien Witterung ausgesetzt ist, wird aufgrund der Schutzschicht der Dachbegrünung um viele Jahre verlängert.

  • Christian Oberbichler: "Grundsätzlich ist es egal, ob sie eine Unterkonstruktion aus
Beton, Stahl, Holz oder aus Blech haben. Wenn die Tragkonstruktion von
der Statik her möglich ist und wenn man dem Dach rundum eine Einfassung
geben kann, kann man das Dach begrünen."
    foto: derstandard.at/putschögl

    Christian Oberbichler: "Grundsätzlich ist es egal, ob sie eine Unterkonstruktion aus Beton, Stahl, Holz oder aus Blech haben. Wenn die Tragkonstruktion von der Statik her möglich ist und wenn man dem Dach rundum eine Einfassung geben kann, kann man das Dach begrünen."

Warum gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Dachbegrünung wäre, erklärt Christian Oberbichler vom Verband für Bauwerksbegrünung im Interview

Gerade auch in der Phase der Sanierung eines Hauses sieht Christian Oberbichler vom Verband für Bauwerksbegrünung (VfB) den idealen Zeitpunkt für die Begrünung eines Daches. "Wir sanieren gerade alles  thermisch, wir packen jede Menge Dämmstoff drauf" - der Aufwand sei also schon da, so Oberbichler, man müsste nur einen Schritt weiter denken. Im Interview mit derStandard.at erklärt der Experte auch, warum sich mit einem Gründach eine Klimaanlage einsparen ließe und warum das Zusammenspiel von Solaranlage und Dachbegrünung ganz wunderbar funktioniert.

Die Fragen stellten Iris Seebacher und Martin Putschögl.

***

derStandard.at: Welche Dächer sind für eine Begrünung geeignet?

Christian Oberbichler: Das hängt einerseits von den statischen Möglichkeiten und andererseits von der Dachneigung ab. Die klassische Dachbegrünung findet auf dem Flachdach oder dem flach geneigten Dach statt. In letzter Zeit wurden aber bereits immer mehr Steildächer - also auch bis zu einer Neigung von 25 oder 35 Grad - begrünt. Grundsätzlich kann jedes Steildach begrünt werden, der technische Aufwand wird aber mit der Neigung höher, weil die aufgebrachten Aufbauschichten vor dem Abrutschen gesichert werden müssen.
Unterschieden wird zwischen Intensiv- und Extensiv-Begrünung. Extensiv sind die ganz dünnschichtigen Gründachaufbauten - beginnend bei acht oder zehn Zentimetern - mit so genannten Flachballen-Pflanzen bzw. Sedum-Pflanzen. Das sind Dickblattgewächse, die in Blattteilen Wasser speichern können und keine zusätzliche Beregnung brauchen. Diese Pflanzen kommen mit einer sehr dünnen Substratschicht aus.

derStandard.at: Wie geht man bei der Begrünung eines sanierungsbedürftigen Flachdachs vor?

Oberbichler: Beim Gründach arbeiten Statiker, Dachdecker/Spengler und Begrüner zusammen. Das Wichtigste in der Checkliste bei einer Sanierung ist die Frage der nachträglichen Auflasten, die ich vorher nicht hatte. Wenn vorher schon eine Kiesschicht drauf ist, dann kann man das leicht substituieren. Fünf Zentimeter Kies haben 80 Kilo, zehn Zentimeter Leichtdachaufbau vom Gründach haben auch diese 80 Kilo. Wenn man aber eine intensivere Begrünung will, kommen zusätzliche Lasten dazu, weil der Schichtaufbau höher wird. Das muss man dann mit einem Statiker abklären.

derStandard.at: Gibt es auch Dächer, die nicht geeignet sind?

Oberbichler: Bestehende Ziegeldächer müsste man abtragen, weil man die Begrünung nicht einfach auf die Ziegelschuppen draufsetzen kann. Es gibt zwar Modelle, wo man einzelne Ziegeln mit kleinen integrierten Schalen verwendet, in denen dann kleine Insel-Pflänzchen sitzen. Aber das würde ich dann eher eine "Behübschung" nennen.
Grundsätzlich ist es aber egal, ob sie eine Unterkonstruktion aus Beton, Stahl, Holz oder aus Blech haben. Wenn die Tragkonstruktion von der Statik her möglich ist und wenn man dem Dach rundum eine Einfassung geben kann, kann man das Dach begrünen.

derStandard.at: Was sind die Hauptkriterien, die für eine Dachbegrünung sprechen?

Oberbichler: Alles, was wir in der Dachbegrünung machen, ist eine Synergie aus Natur und Technik - altbewährt, aber völlig unterschätzt in der Wirkung. Die Lebensdauer der normalen Dachabdichtung, die der freien Witterung ausgesetzt ist, wird aufgrund der Schutzschicht der Dachbegrünung etwa um viele Jahre verlängert. Eine Dachbegrünung dämpft die Temperaturspitzen komplett ab, weil sie die freie Einstrahlung auf das Dach mindert. Sie haben 75 Grad auf einer nackten Dachabdichtung, aber nur mehr 10 bis 20 Grad unter einer Begrünung.
Würde man alle Flachdächer in Österreich dickschichtig begrünen, so könnten wir bis zu 75 Milliarden Liter Wasser zurückhalten, dieses Wasser würde über die Pflanzen wieder verdunsten und würde die Kanäle und Flüsse entlasten. Es würde eine Reduzierung der Abwassermenge um sieben Prozent pro Jahr bedeuten.

derStandard.at: Erkennt man in Österreich also den Wert einer Begrünung noch nicht?

Oberbichler: Bei uns herrscht noch immer die Meinung vor: Den Garten mache ich selber, der darf nichts kosten. Aber das Potenzial, das dahinter steckt - angefangen bei der persönlichen Zufriedenheit - das darf man nicht übersehen. Und die Entstehungskosten sind um so viel geringer als der Betrag, den die Immobilie dadurch an Wert zulegt. Die Qualität des Gartens entfaltet sich dann mit den Jahren. Dann haben sie plötzlich eine Wohnung mit einem traumhaften Dachgarten, für den Käufer um einiges mehr zahlen.

derStandard.at: Braucht man bei einem Gründach weniger Dämmmaterial?

Oberbichler: In Österreich dürfen wir das Gründach nicht zur Dämmschicht aufrechnen. De facto würden wir weniger Dämmung brauchen, weil die Dämmwirkung für winterlichen und sommerlichen Dämmschutz gegeben ist, aber es wird nicht angerechnet für die diversen Dämmstärkenberechnungen.
Grundsätzlich sind die Herstellungskosten eines Gründaches nur geringfügig höher als jene eines herkömmlichen Flachdachs. Langfristig kommt das begrünte Dach aber in jedem Fall billiger, vor allem, wenn man die volkswirtschaftlichen und ökologischen Kosten berücksichtigt.

derStandard.at: Lässt sich durch eine Dachbegrünung auch eine Klimaanlage einsparen?

Oberbichler: Ja, das ist nachgewiesen. Das Regenwasser, das in der Begrünung gespeichert wird, fließt einerseits nicht ins Kanalnetz, entlastet also die Abwasserspitzen. Zweitens fördert das Wasser, das "vor Ort" auf dem Dach verdunstet, das lokale Klima, und drittens lukriert man dadurch eine so genannte Verdunstungskälte. Das muss man sich vorstellen wie bei einer Gore-Tex-Funktionskleidung: Wenn die Kleidung nass geworden ist und trocknet, dann fröstelt einem drinnen.
Diesen Effekt nützen wir beim Gründach: Das Wasser verdunstet, dies erzeugt Kälte, und damit hat man eine passive Gebäudekühlung. Ein Gebäude mit Dachbegrünung frisst also weniger Energie für die Klimatisierung als ein Gebäude ohne Dachbegrünung.

derStandard.at: Verträgt sich auch eine Solaranlage mit der Dachbegrünung?

Oberbichler: Ja, absolut. Wir sehen ja gerade eine sehr spannende Zeit, weil wir mehrere unterschiedliche Funktionen auf den Flachdächern gemeinsam unterbringen müssen. Eine Solaranlage bringt sogar den Vorteil mit sich, dass im Halbschatten oder rund um die Kollektoren die Begrünung sehr gut funktioniert. Und der Kühleffekt durch die Wasserverdunstung kann wiederum für die Kollektoren in Anspruch genommen werden.

-> Weiter zu Teil 2: Christian Oberbichler über Förderungen in Österreich und die nicht mögliche Anrechnung als Dämmmaterial

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8 Postings
Schön und gut

Haben uns letztendlich dagegen entschieden, weil Du Dir die Kugel geben kannst, wenn das begrünte Flachdach undicht wird. Da kannst nicht schnell mal den Kies auf die Seite schieben, um nachzusehen...

Oh ja!

Ich wohn im Dachgeschoss, 6. Stock. Ich wünschte mir wirklich, dass ich ein begrüntes Dach über mir hätte - derzeit ists ein Blechdach. Die Hitzeentwicklung im Sommer kann man sich nicht vorstellen. Das ist irre!

ein wertvoller, ...

zum Nachdenken anregender Interview-Artikel. Bravo!

innen?
keine sorge, das grün wächst eh außen :-)

Ich habe noch ca. 9m² Kiesdach über.

Gibts dafür auch ein Förderung wenn ich Gemüse drauf anbau?

Gründächer sind wirklich schön.

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