Ein Vergleich auf niedrigem Niveau

24. Juni 2009, 15:53
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Das Schulsystem in Österreich gehört reformiert - Doch warum setzt man am Ende der Ausbildung an? - Von Sebastian Pumberger

Es wird wieder einmal über die Schulen gesprochen. Zur Diskussion steht der Vorschlag von Bundesministerin Claudia Schmied, die Maturafragen ab dem Schuljahr 2013/14 teilzentral zu erstellen. Die ÖVP ist dagegen, man nähert sich an. Es wird bemängelt, das Niveau der Absolventen sei (für Unis und Fachhochschulen?) nicht vergleichbar. Es wird betont, die Zentralmatura schaffe diese einheitlichen Standards. Alle MaturantInnen sollen zumindest in Teilen die gleichen Fragen gestellt bekommen. Österreichische Bildungspolitik wird ausverhandelt, nicht geplant. Was entsteht, wird genommen. Es hat sich ja scheinbar etwas bewegt, allein das ist ein Erfolg.

Doch das eigentliche Problem ist, dass die Schulbildung in Österreich nicht besser wird, wenn auf niedrigem Niveau eine Vergleichsbasis geschaffen wird. Eine zentrale Matura kann nicht Abschluss einer Schulbildung sein, bei der immer mehr auf Individualität und Schwerpunktsetzung gesetzt wird. Bis zu einer möglichen Zentralmatura werden die Schüler individuell benotet, die Lehrer nutzen die Spielregeln des Lehrplans. Am Ende der Ausbildung soll diesem individuellen Lernen und Lehren ein jähes Ende bereitet werden?

Doch anstatt das Bildungsniveau an sich anzuheben, setzt man am Ende der Ausbildung an. Eine schlechte Ausbildung wird durch ihre Vergleichbarkeit am Ende nicht besser. Im Gegenteil, man konzentriert sich auf die Notengebung, zeigt den Schülern schließlich nach vielen Jahren Schulbildung, was da "draußen" scheinbar wirklich zählt: Leistung nach dem Schema F am Tag X.

Nicht zuletzt führen einheitliche Maturafragen auch zu der Möglichkeit qualitative Zugangsbeschränkungen an Fachhochschulen und Universitäten einzuführen - wie in Deutschland mittels numerus clausus. Nicht zuletzt werden diese auf der Hochschulebene von den einen gefordert, den anderen vehement bekämpft. Wir sollten uns verabschieden von einer Vergleichs- und Messungsmentalität. Die Zeit zwischen den Messungen gilt es zu verbessern.

Anstatt ein System der punktuellen und zentralen Urteilsfindung einzuführen, sollte man die Oberstufen des Gymnasiums - neben vieler anderer Baustellen im Bildungsbereich - reformieren. Schon das heutige Maturasystem setzt an den falschen Punkten an. Es geht nicht um das (auswendig)lernen einzelner Fachgebiete, die am Tag X abgeprüft werden. Für die "Zukunft", auf die SchülerInnen vorbereitet werden sollen, sind analytische Fähigkeiten und die Gabe sich mit Themen intensiv und über einen längeren Zeitraum auseinanderzusetzen, unabdingbar.

Das hiesige Schulsystem kennt "Wahlpflichtfächer", doch dieses Gebilde eines Wahlsystems kann den individuellen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Österreich braucht ein zeitgemäßes Schulsystem, bei dem junge Menschen individuell ihre Stärken weiterentwickeln können. Zum Beispiel durch ein Kurssystem, mit weniger Fächern in den letzten zwei bis drei Jahren oder mit der Ermittlung der Endnoten über einen Jahres- oder Zweijahreszeitraum wie in Deutschland. Pädagogen haben hierfür sicherlich viele Konzepte in ihren Schubladen.

Darüber muss diskutiert werden und nicht über einer Zentralisierung der einzelnen Fragen. Weil - mit Verlaub - die Matura ist das Unwichtigste an unserem Schulsystem. Es sind die zwölf oder dreizehn Schulstufen auf dem Weg dahin, die entscheidend sind. Wenn wir hier ein gutes System schaffen und ein hohes Niveau an allen Schulen erreichen, dann können wir noch immer vergleichen wer, wo, wann, wie, was besser zu zentral-gestellten Fragen zu sagen hat. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 23.6.2009)

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