"Rocco": Die selbst bestimmte Fallhöhe

23. Juli 2004, 13:08
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Eine Jugend in Wien: Houchang Allahyaris aktuelles Filmdrama "Rocco"

Wien - Eilige Schritte über den Wiener Brunnenmarkt, hektische Bewegungen in einem Sportkäfig, die eine Handkamera nervös dokumentiert: Der jugendliche Rocco (Morteza Tavakoli) zieht mit seinen Freunden ziellos durch die Straßen; sein Zuhause - eine überbelegte Zweizimmerwohnung - meidet er hingegen, nicht zuletzt, weil sein Vater meist nur um sich schlägt.

Die ersten Szenen aus Houchang Allahyaris jüngstem Film Rocco skizzieren den Alltag eines Jugendlichen aus zweiter Generation in realistischen Bildern, die einem vertraut scheinen, obgleich nicht unbedingt aus dem heimischen Kino. Allahyari hat erstmals mit Digitalkamera gedreht, was dem Film einen direkteren Tonfall verleiht, da der reale Schauplatz so öfters in die Fiktion einfließt.

Aufstieg zum Absturz

Rocco übernimmt die Perspektive seines Helden und schildert seinen Versuch, auf eigenen Beinen zu stehen: ein geradliniges Drama, das zur Moritat wird, weil der Aufstieg nur die Fallhöhe des Absturzes vergrößert. Zunächst scheint sich für Rocco mit einem Arbeitsplatz die erhoffte Wende in seinem Leben einzustellen: Er findet bei einem Paar, das ein Café eröffnen will, nicht nur einen Job und eine gewisse Freiheit - mit Leila (Anna Franziska Srna) verbindet ihn alsbald auch eine leidenschaftliche Affäre.

Die Arbeit verschafft ihm aber auch Zugang zu delinquenten Kreisen: Rocco macht die Bekanntschaft einer Gruppe von Drogendealern, die ihn abermals in Abhängigkeiten bringen. Zwischen diesen Polen - der wechselhaften Beziehung zu Leila und dem beruflichen Aufstieg - entwickelt sich eine Dynamik, die Rocco immer weniger zu kontrollieren vermag.

So ergiebig dieses Grundthema ist, in der Umsetzung bleibt Rocco ungenau: Cameos bekannter Darsteller (etwa von Dolores Schmidinger oder Günther Tolar) wirken störend, weil sie mit dem Tenor des Films nicht übereinstimmen. Auch zentralere Figuren wie Leila geraten in ihrem unmotivierten Gesinnungswechsel zu schablonenhaft.

Überdies wundert man sich darüber, dass ausgerechnet ein Café in einem pittoresken Hinterhof von kleinkrimineller Kundschaft frequentiert wird. Dennoch: Rocco hat seine überzeugenden Momente, er gewinnt vor allem im Blick auf Jugendliche und deren körperliches Spiel, das auch am besten mit der wendigen Kamera harmoniert.

Und nach den leichten Komödien der letzten Jahre (Geboren in Absurdistan, Ene Mene Muh) kann es nur ein Erfolg sein, dass Allahyari zu den sozialkritischen Filmen seiner Anfänge zurückkehrt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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rocco-derfilm.at

Verleih Filmladen
  • Artikelbild
    foto: filmladen
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