Gespenstische Idylle

20. März 2003, 19:44
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Packendes Zeitstück vom Verdrängen: Franz Koglmanns Oper "Fear Death by Water" im MQ in der Regie von Michael Scheidl uraufgeführt

Wien - Das Stück beginnt mit dem Einlass, symbolträchtig wie in einem surrealistischen Film: Man tritt durch die verspiegelten Kastentüren eines Eheschlafzimmers - und spürt feines Geriesel unter den Schuhen: Mitten in der Halle E des Wiener Museumsquartiers, die man zum Schauplatz von Franz Koglmanns "Beach Opera" Fear Death by Water auserkoren hat, steht man am Strand. Wo eine gar nicht so fidele Kapelle - Koglmanns Monoblue Quartet auf den Spuren der kalifornischen Light House All-Stars der 50er-Jahre - sinistre Klänge intoniert, mit durch den Raum hallenden Formel-1-Motoren als technoidem Kontrapunkt.

Zwei Gestalten sind am Bühnensand auszumachen: Das um ihren toten Geliebten trauernde Mädchen (Sopranistin Morenike Fadayomi) und der blinde Seher Tiresias (großartig: Walter Raffeiner), als schmuddeliger Clochard auftretend, der resignativ über Vergessen und Erinnern räsoniert: "Gestrandete" Existenzen, Kontrastfiguren eines gespenstischen Sommersonnenidylls, das sich da zwischen dem Ehepaar (Birgit Doll, Alexander Waechter) und einem mafiosen "Kaufmann" (Nikolaus Kinsky) entspinnt.

Während das noch immer zwischen den Sanddünen stehende Publikum Sitzbänke in die Kniekehlen gedrückt bekommt. Hinsetzen, nun beginn's! "Ich war noch nie so glücklich! Ich will nicht, dass es anders ist!", wiederholt da die Ehefrau, Mutter ertrunkener Söhne, während ein zum Zombie erstarrter Matrose (Michael Pink) leeren Blicks umherwandert. Und der Klagegesang des Mädchens im Handumdrehen zum Pophit mutiert. Es ist eine korrumpierte, eine auf Sand gebaute Welt, in der man sich hier (wieder) findet.

Die krampfhaft gut gelaunte Oberfläche dieser Verdrängungsgesellschaft ist fragil, die dahinter klaffenden Abgründe sind umso tiefer. Da bedürfte es gar nicht plakativer Details wie der Erwähnung eines durch eine Tretmine zerfetzten Beachvolleyballers. Und auch nicht unbedingt der virtuosen Videocollage als aufwühlender Klimax der Sprachlosigkeit, in der Bilder von Krieg, Sport und Tod hypnotisierend überfluten. In der knisternden Dichte der Assoziationen entstehen im Kopf wie von selbst Gedankenbrücken zur aktuellen Weltlage ...

Ohne den Finger politisch korrekt zu erheben, entpuppt sich Fear Death by Water als packendes Zeitstück. Christian Baiers Libretto bietet durch kluge Reduktion auf essenzielle, oft formelhafte Kernsätze gedankliche Sturzräume, während Franz Koglmanns Musik, in der er unnachahmlich die mürben Cool-Jazz-Klänge mit den mild-expressiven Dissonanzen der klassischen Moderne (ensemble XX jahrhundert unter Peter Burwik) zusammenführt, sich unaufdringlich in den Dienst des Werks stellt.

Im sandigen Bühnenbild-Ambiente Nora Scheidls entwickelt das gemischte Schauspieler-Sänger-Ensemble unter Michael Scheidls Regie unmittelbare darstellerische Lebendigkeit und demonstriert, dass Musiktheater nicht zur Stehpartie verkommen muss. "Was morgen war, wird gestern sein", wiederholt Tiresias. Nach einer Stunde ist alles vorbei.

Das Publikum huldigt ratlos den Videos mit den sich verbeugenden Künstlern. Nein, hier kann man sich nicht so einfach die Beklemmung aus dem Leib klatschen und das Stück zur bloßen Bühnenangelegenheit erklären.
(DER STANDARD, Printausgabe, 20.3.2003)

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Entsetzen am Strand der bekämpften Erinnerung – Alexander Waechter und Birgit Doll als Ehepaar
in Franz Koglmanns erster Arbeit fürs Musiktheater.
    foto: netzzeit

    Entsetzen am Strand der bekämpften Erinnerung – Alexander Waechter und Birgit Doll als Ehepaar in Franz Koglmanns erster Arbeit fürs Musiktheater.

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