"Guardian" veröffentlicht Fotos von Verschwundenen und Getöteten

26. Juni 2009, 10:15
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Es wird ruhiger auf Twitter - 22-Jähriger soll nach Allahu-Akbar-Ruf auf Dach erschossen worden sein - Thinktank stellt Google Map mit Zusammenstößen ins Netz

Auf der Internetseite der englischen Zeitung "The Guardian" wurden Profile und Fotos von Verschwundenen oder Getöteten während der Demonstrationen im Iran veröffentlicht. Dabei beruft man sich auf Quellen wie "Human Rights Watch" und "Reporter ohne Grenzen".

Während in den vergangenen zwei Wochen täglich Zehntausende von Nachrichten über die Lage in Teheran bei Twitter verbreitet wurden, gibt es seit einigen Tagen kaum noch Informationen aus der iranischen Hauptstadt. Stattdessen formulieren europäische und amerikanische Twitterer Durchhalteparolen, meldet die FAZ in ihrer Freitagsausgabe. Die Regierung wolle ihre Gegner ruhigstellen, den Augenzeugen werd es immer schwerer gemacht, bei Twitter Nachrichten zu verschicken. Am Mittwochnachmittag sei es in Teheran schon vor Beginn der Proteste unmöglich gewesen, SMS zu versenden, schreiben sie.

Das Internet funktioniere in vielen Teilen der Stadt nicht mehr, die Telefonleitung seien gekappt worden, twittert persiankiwi am Mittwochnachmittag. Außerdem gebe es "Gerüchte, dass sie Telefonanschlüsse ausfindig machen, über die besonders viele Daten laufen, um Internetnutzer zu finden - wir müssen jetzt weg von hier."

rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users - must move from here now - #Iranelection

we must go - dont know when we can get internet - they take 1 of us, they will torture and get names - now we must move fast - #Iranelection

we must go - dont know when we can get internet - they take 1 of us, they will torture and get names - now we must move fast - #Iranelection

Am Mittwoch nachmittag schrieb persiankiwi seine bislang letzten Nachrichten: Das V-Zeichen oder die Hupkonzert der Autos sind ebenso zum Alltag in Teheran geworden wie die abendliche „Allahu akbar"-Rufe von den Dächern als Zeichen des Protests und der Solidarität. "Persiankiwi" erinnert auf Twitter daran:

Allah - you are the creator of all and all must return to you - Allah Akbar - #Iranelection Sea of Green

Change-for-Iran

Ein anderer vielgelesener Twitterer, change-for-iran, meldet sich am Donnerstagmorgen nach viertägigem Schweigen. Er gibt an, von Basidschi schwer verletzt worden zu sein und sich jetzt außerhalb Teherans zu befinden.

I'm only posting this to say I'm still alive & not in Tehran, I had a bad incident with Basij and couldn't use computer

Setrakian twittert weiter

Die ABC-Journalistin Lara Setrakian berichtet auf Twitter von einem Interview mit einem Analytiker, der behaupte, die iranischen Behörden selbst würden zu den neuen Protesten aufrufen, um so gezielter gegen die Demonstranten vorgehen zu können.

just intvwd analyst who thinks Iran authorities are calling the new protests, bringing out front line of protesters so they pick them off

Vor allem reiche Familien würden derweil ihre Kinder vom Demonstrieren abhalten wollen.

rich kids mostly absent from #iranelection protests - parents won't let them risk it. it's educated middle class. this isn't a class divide

Nedas Professor über den Tod der getöteten Studentin:

Neda's Professor to BBC: 'I've never seen such a thing..the bullets seemed to have blasted inside her chest. She died in less than 1 minute'

Außerdem auf ihrem Blog zu lesen:

girl protesters would hand out flowers to riot police to try to win them over, keep them from attacking #iranelection

from trusted source, eyewitness at #iranelection protests: the acid attacks were real, dumped on protesters from above.

Iran state tv says Saudi govt also behind #iranelection protests

Stinkefinger für Ahmadi-Nejad

Montage oder nicht, auf der Internetplattform Twitter kursiert ein Foto einer Demonstrantin, die vor dem Auto Ahmadi-Nejads steht und dem Präsidenten den Mittelfinger zeigt.

Youtube startet eigene Website

Das Videoportal YouTube hat angesichts der großen Interesses an Videos über die Proteste im Iran die Webseite "Citizentube" gestartet, wo aktuielle Beiträge gesammelt werden.

22-Jähriger nach Allahu-Akbar-Ruf auf Dach erschossen

Laut der Twitter-Meldung der ABC-Journalistin Lara Setrakian wurde in Mashad ein junger Mann erschossen, während er am Dach eines Hauses stehend den unter Moussavi-Anhängern als Code geltenden Ruf "Gott ist groß" gerufen hat:

just heard disturbing news of 22-yr-old in Mashad shot dead while chanting allahu akbar on roof. unconf, tho from trusted srce #iranelection

Website übersetzt Farsi-Texte:

http://tehranbroadcast.com/


Thinktank stellt Google Map mit Zusammenstößen ins Netz

Das American Enterprise Institute, ein konservativer US-Thinktank, hat eine Googlemap mit Zusammenstößen und anderen Ereignissen nach der Wahl im Iran zusammengestellt. Es finden sich sowohl bestätigte als auch nicht bestätigte Vorkomnisse darin. Daneben finden sich dort eine Vielzahl an Zahlen, Daten Fakten.

Dienstag, 23. Juni 2008: Milizen umstellen Botschaften, die Demonstranten aufnahmen

16:40

some embassys provided protection b4 but now they are all surrounded by militia - also if u are injured then they arrest u

Eine Bloggerin aus Teheran berichtet, dass einige Vertretungen westlicher Staaten zwar Zuflucht gewährten, mittlerweile aber Milizen die Botschaftsgebäude umstellt haben, um keine weiteren Demonstranten mehr durchkommen zu lassen.

11am:
Update on the pro-Mousavi footballers, spotted by Robert Tait.

Robert Tait berichtet auf dem Guardian-Live-Blog, dass den Spielern der iranischen Fußball-Nationalmannschaft ihre Reisepässe weggenommen wurden. Die Fußballer hatten während der WM-Qualifikation vergangene Woche gegen Südkorea in Seoul ihre Solidarität mit Mousavi demonstriert, indem sie grüne Schweißbänder getragen hatten. Außerdem soll ihnen verboten worden sein, Interview zu geben. Staatsnahe Medien haben währenddessen eine Kampagne gegen die Mannschaft gestartet, in der die zuständigen Behörden dazu aufgefordert werden, zurückzutreten.

Moussavi ruft laut Facebook zu Generalstreik auf

Laut seiner Facebook-Seite plant der offiziell unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir-Hussein Moussavi einen Generalstreik. Die UserInnen werden aufgerufen, Ideen zu schicken, wie dieser umgesetzt werden könnte.


3000 Dollar "Kugelgebühr" für erschossenen Sohn

Auf der Website der US-Zeitung Wall Street Journal schreibt Farnaz Fassihi, dass die Behörden 3000 Dollar "Kugelgebühr" von den Eltern eines erschossenen Demonstranten verlangt hätten. Der verzweifelte Vater, ein Veteran des Iran-Irak-Kriegs, verhandelte erfolgreich und bekam den Leichnam seines einzigen Sohnes "gratis" zurück. Allerdings unter der Voraussetzung, dass er nicht in Teheran begraben wird.

BBC als Umschlagplatz für "grüne" Videos

Die Financial Times Deutschland melden auf ihrer Website, dass die persische Redaktion des britischen Rundfunks BBC immer mehr zum Hauptumschlagplatz für Bilder und Videos aus dem von Zensur geprägten Iran wird: ""Uns erreichen sieben Videos pro Minute", sagt Amir Azimi, Chefplaner des persischen BBC-Programms. Das sind 420 pro Stunde, 10.080 pro Tag. Die iranische Opposition und ihre Sympathisanten sind unermüdlich, wenn es darum geht, die "grüne Revolution" zu dokumentieren."

Blogs gedenken getöteter Demonstrantin

Nazila Fath schreibt auf ihrem Blog der New York Times über die bei den Protesten in Teheran getötete Demonstrantin Neda Agha-Soltan und darüber, wie die junge Frau im Internet zur Ikone des iranischen Widerstands wurde.

Der Guardian Live-Blog berichtet darüber, dass es nun einen Wikipedia-Eintrag über Neda Agha-Soltan gibt.

Auf dem Blog wird außerdem Twitter zitiert:

8.16am:
The Guardian's foreign affairs specialist Simon Tisdall says Iran's opposition now faces a terrible dilemma on what to do next and the main danger now is that Iran seeking to blame the west for the crisis.

Aktuellste Twitter-Meldungen:

Persian Kiwi:

please remember always - Sea of Green is voice of people of Iran - we will resist and defend with our life

one of our ppl is injured badly by Militia - this was unprovoked attack

Again we say thank you to our friends who are helping from outside - you know who you are - Sea of Green

Obama über Iran

Auf dem US-Internetdienst Huffington Post berichtet Nico Pitney darüber, dass US-Präsident Obama heute eine Pressekonferenz abhalten werde, bei der er sich über die Lage im Iran äußern soll. Pitey werde anwesend sein und ruft die Leser dazu auf, ihm Fragen zu schicken. Er selbst, so er an die Reihe kommen werde, habe Fragen von Iranern, die er gerne stellen würde.

1:16 AM ET -- Allahu Akbar! "People in Tehran, in a gesture of defiance first used in the 1979 Islamic revolution and now adopted by pro-reform protesters, again chanted 'Allahu Akbar' (God is greatest) from their rooftops at nightfall on Monday."

12:40 AM ET -- A 19-year-old shot in the head and killed during the demonstrations... and Iranian officials asked his parents to "pay an equivalent of $3,000 as a 'bullet fee' -- a fee for the bullet used by security forces -- before taking the body back." One of the most tragic stories I've read in a long time, by the Wall Street Journal's exceptional Farnaz Fassihi.

12:20 AM -- 600+ miles from Tehran. They're in the streets there too, according to this video apparently filmed in Kerman.

Am Montag haben Aktivisten eine Gedenk-Website für Neda Soltan eingerichtet. Außerdem wurde eine Facebook-Seite in Gedenken an die erschossene Studentin fertiggestellt. (red)

Nota bene: Nicht immer lassen sich Nachrichten, die die Redaktion via Internetmedien wie Twitter und Facebook erreichen, nach den ansonsten üblichen journalistischen Kriterien überprüfen. Dies gilt natürlich mindestens ebenso sehr für Verlautbarungen der Regimepresse. derStandard.at bittet seine UserInnen um Verständnis und um besonders kritisches Lesen.

 

Link:

+ New York Times-Video: A Young Woman's Fate Resonates

+ Wikipedia über Neda Agha-Soltani

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