Public Zähneputzen

29. Juni 2009, 10:21
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Die wahre Nutzung öffentlicher Räume findet anderswo als im Museumshof statt

Es war vergangene Woche. Da zeigte A. auf den Mann am Brunnen und sagte, dass es schon ein bisserl absurd sei, wenn man per Feuilleton so tue, als wäre etwas neu - obwohl es doch ständig passiert. Bloß eben in Sphären, die die selbsternannten Eliten nicht wahrzunehmen beschlossen hätten.

Mehr noch, sagte A. und vergaß den Mann am Brunnen beinahe: Wenn sich ein paar hundert Leute im Museumsquartier räkeln wollen und dabei genau jene Probleme aufträten, die immer auftreten, wenn viele Menschen auf beschränktem Platz mit beschränkter Infrastruktur das gleiche tun und gewisse Mindestregeln nicht befolgt werden, nähmen wir davon mehr als bloß Notiz. Aber die gleichen Mechanismen würden ignoriert, wenn wir sie nicht im eigenen Wohnzimmer erleben: Die allwochenendlichen Grill- und Kartenspieltreffen der thai-asiatischen Community unter der Radabfahrt von der Reichsbrücke auf die Donauinsel etwa.

Balkangrillroute

Oder, setzte A. fort, das Gedränge und der Kampf um Platz und gegen Müll entlang der Balkangrillrouten weiter inselabwärts. Oder die Revierkämpfe die Hundebesitzer anstelle ihrer Hunde im Hundefreibad an der Alten Donau austrügen. Derlei, spottete A., sei uns egal. Wir nähmen es nicht wahr, weil es jenseits des Horizontes unseres beschaulichen Sozialaquariums stattfände. Aber wenn im MQ drei Security-Anfänger am ersten Abeitstag Unfug machen, dann würden daraus nicht nur mediale Affären, sondern es entstünde zuerst ein Ex- und dann sogar ein Diskurs. Über die Nutzung des öffentlichen Raumes. Obwohl der links und rechts von Scheuklappistan auch genutzt werde. Und damit war A. dann wieder beim Mann am Brunnen angelangt.

Wir frühstückten im Gastgarten des Eissalons am Margaratenplatz. Nach dem Schwimmen, vor der Arbeit. Und während wir den Müttern (und ein oder zwei Vätern) zusahen, wie sie Nachwuchs in den Kindergarten bugsierten, während Pensionisten sich beim Anker zwischen die hektische Officeweckerlkäufer stellten, um zumindest beim langsam Groschen-aus-dem-Börsel-zählen („Gnädigste, können sie nicht dann ihre Semmel kaufen gehen, wenn die Bezahler ihrer Pensionsbeiträge es nicht eilig haben?" - „Sie unverschämter Kerl, Sie!") stellten, um einmal am Tag das Gefühl zu haben, noch Teil des Lebens der Stadt zu sein und beim freundlichen Brantweiner nebenan die Herren von der Straßenreinigung Innendesinfektion betrieben, stand der Mann plötzlich beim Brunnen.

Verwahrlost

Er sah verwahrlost aus. Aber noch nicht so, das man ihm den Sandler auf den ersten Blick angesehen hätte: Ungepflegte Bärte und verfilzte Haare zu abgewetzt-durchgescheuerten Sakkos gibt es häufiger. Und mit einer Aktentasche in der Hand - und sei sie noch so abgestoßen - sieht man immer noch weniger obdachlos aus, als wenn man ausschließlich Plasticksackerln mit sich führt. Der Mann, sah man, versuchte den Anschein zu erwecken, Angehöriger der Normalität zu sein. Vermutlich auch, weil diese Scharade für das Selbstbild wichtig ist: Wo es noch ein paar Stufen hinunter gibt, ist man noch nicht ganz im Parterre - und solange man noch nicht ganz unten ist, hat man (sich) noch nicht ganz aufgegeben.

Wäre der Mann nicht zum Brunnen gegangen, wäre er uns vermutlich gar nicht aufgefallen. Aber als er aus seiner Aktentasche ein Waschset holte, fiel das doch auf: Der Mann nahm Zahnbürste und Zahnpasta aus dem Necessaire, gab Pasta auf die Bürste, spülte und putzte. So, als wäre das mitten im Frühverkehr am Margaretenplatz die natürlichste Sache der Welt.

Kamm

Danach wusch er sich das Gesicht, holte einen Kamm aus der Tasche, machte ihn nass und frisierte das filzige Haupthaar so lange, bis er ohne Hacker und Hänger durch seine schulterlangen Haare kam. Dann nahm er die Brille ab, wusch sie sorgfältig unter dem Wasserstrahl, setzte sie wieder auf und packte sein Zeug zusammen. Bevor er den Brunnen verließ, reinigte er noch das Becken. Zum Schluss nahm er ein verwaschenes Frotteehandtuch aus der Tasche, trocknete sich das Gesicht ab - und wischte den Rand des kleinen Bassins trocken.

Wir saßen da und glotzten. A. gab mir einen Fußtritt - aber M., der Sportschwimmer, war schneller. Er stand auf, ging zu dem Mann und fragte ihn, ob er schon gefrühstückt hätte. Und dass er ihn gern auf einen Kaffee und ein Croissant einladen würde.

Öffentliche Existenz

Der Obdachlose dankte und lehnt ab: Es sei ihm, sagte er, peinlich, dass wir ihn bei der Morgentoilette gesehen hätten. Aber das ließe sich eben nicht vermeiden, wenn man eine Person des öffentlichen Lebens sei. Er sagte das tatsächlich so. Auf hochdeutsch. Und als wir ihn fragend ansahen, lachte er kurz: Ja, es gäbe auch andere Menschen, die glaubten, Personen des öffentlichen Lebens zu sein. Aber deren Öffentlichkeit sei selbst gewählt. Also Inszenierung.

Er aber, sagte der Obdachlose, sei die andere Form der öffentlichen Existenz. Doch Orte, an denen man so leben könne, wie man wolle - oder, in seinem Fall, müsse, weil es eben gerade nicht anders ginge - würden rar und rarer. Er kenne, sagte er, auch andere Städte. In denen würde er es nicht wagen, an und in einem Brunnen Zähne zu putzen. Aber genau das, diese Form den öffentlichen Raum nutzen zu können, schätze er an Wien. Das sei ein Stück Lebensqualität, die man nur spüren können - und von der nichts in den diversen Manager-Lebensqualitätsrankings stünde. Und von der Menschen wie wir kaum je etwas mitbekämen. Weil wir das Wegschauen so gut gelernt hätten. Meistens jedenfalls.

Dann wünschte er uns einen schönen Tag, schnappte seine Aktentasche und sein Nylonsackerl - und zog dahin. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 22. Juni 2009)

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