"Kein Alleinanspruch"

21. Juni 2009, 19:05
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Marion Meyer, Chefin des Instituts für Klassische Archäologie in Wien, die selbst in Griechenland Ausgrabungen durchführt, über die Frage, wem die antiken Kunstschätze eigentlich gehören

Standard: Frau Professor, können Sie Verständnis für die griechische Forderung nach Rückgabe der sogenannten Elgin Marbles aufbringen?

Meyer: Das ist eine sehr heikle Sache, ich kann mich zum konkreten Fall nicht äußern. Nur so viel: Kulturgüter von allgemeinem kulturellen Interesse müssen zugänglich bleiben, zumindest für forschende Wissenschafter. Das gilt auch für Privatbesitz. Es geht nicht an, dass etwa irgendein japanischer Millionär einen van Gogh in einer Privatsammlung verschwinden lässt oder gar ins Grab mitnimmt.

Standard: Aber der Parthenon-Fries wirft schon die Frage auf, wem die antiken Kunstschätze aus vielerlei Kulturkreisen gehören?

Meyer: Kultur gehört uns allen, niemand kann sagen, der Parthenon-Fries gehört mir. Wichtig ist, dass die Kunstwerke pfleglich behandelt werden und öffentlich zugänglich sind.

Standard: Entspricht das neue Akropolis-Museum den modernen Anforderungen?

Meyer: Ich war vor kurzem dort, es hat einen wunderbaren Rahmen. Jedenfalls kann man nicht zulassen, dass irgendein Land sagt, das gehört mir. Man kann nicht sagen, die Taliban dürfen die Buddhas zerstören, weil das Land damals ihnen gehörte. Archäologen müssen gegen einen Alleinanspruch sein, sei es von Griechenland, sei es von Großbritannien. Derjenige, der das Kulturgut in Händen hat, ist sein Verwalter für die Menschheit, muss die Zugänglichkeit sichern. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 6. 2009)

Zur Person
Univ.-Prof. Marion Meyer ist Vorstand des Instituts für klassische Archäologie an der Universität Wien.

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