Voll verpokert

21. Juni 2009, 18:48
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Die einen verlieren Hab und Gut, die anderen verdienen sich eine goldene Nase - Mit der steigenden Zahl der Wettbüros und Casinos steigt auch die Zahl der Spielsüchtigen

Wien - Am liebsten würde er einen LKW mit Sprengstoff beladen und direkt in eines der Wettbüros steuern. Oder noch besser: In die Produktionshallen der Novomatic AG. Wenn es ein Recht auf Selbstjustiz gäbe, würde er das tun, sagt Wolfgang S. (Anm.: Name von der Redaktion geändert). Gibt es aber nicht. Also bleibt ihm nichts als seine „riesige Wut" und ein - für seine Verhältnisse - mindestens ebenso großes Minus auf dem Konto. Der Student steht mit rund 5.000 Euro in der Kreide. Dreimal mussten die Eltern des gebürtigen Süddeutschen schon einspringen, um die Schulden des Sohnes zu tilgen. Einen Selbstmordversuch und ungezählte durchzockte Nächte später ist die Stimmung in der Familie „mehr als angespannt". Mittlerweile bleibt der 22-Jährige lieber in Wien, als nach Hause zu fahren und brütet über einer 50-Cent-Gemüsesuppe aus dem Packerl über Gewinner und Verlierer: „Die Industrie, die da dahinter steckt, bereichert sich auf den Rücken weniger." Auch auf seinem Rücken, wie Wolfgang S. findet.

Während er eine Sportwette nach der anderen verliert, hat die „Novomatic Group of Companies" - österreichischer Marktführer und einer der größten Glücksspielkonzerne weltweit - im vergangenen Jahr rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht. 600 neue Automaten will die Novomatic AG, die ihren Hauptsitz im niederösterreichischen Gumpoldskirchen hat, demnächst im Wiener Prater aufstellen lassen. Lediglich von Seiten der Wiener Grünen kommt Widerspruch, denn Novomatic ist seit jeher gut vernetzt: Von 1997 bis 2003 war der heutige Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) Mitglied des Vorstandes und später Vorstandsvorsitzender, seit 2004 sitzt der ehemalige Innenminister Karl Schlögl im Aufsichtsrat.

An jeder Ecke

Der Konzern, zu dem auch der filialstärkste Wettanbieter des Landes, die „Admiral Sportwetten GmbH" gehört, betreibt derzeit über 800 elektronische Casinos und Spielbanken auf der ganzen Welt. Was von Firmenseite als Erfolg gefeiert wird, ist für andere schlichtweg „erschreckend. Praktisch an jeder Ecke gibt es mittlerweile solche Casinos", sagt Gertrude M. Schon der Weg zum Supermarkt, ins Kaffeehaus oder zur Straßenbahnstation wird dadurch für die 66-jährige Pensionistin und ihren 79-jähriger Mann Peter M. (Anm.: Namen von der Redaktion geändert) zum Spießrutenlauf: „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht ans Spielen erinnert werde."

Wie Gertrude und Peter M. geht es laut Izabela Horodecki, Psychologin und Leiterin des Therapiezentrums „AS" (Anonyme Spieler) täglich geschätzten 9.000 bis 17.000 Wienern und Wienerinnen, weitere 50.000 bis 70.000 gelten als suchtgefährdet. Genau beziffert werden kann die Zahl der Spielsüchtigen in Österreich nicht. Es wurde bisher keine Studie durchgeführt. Nach Angaben des Therapiezentrums nimmt die Anzahl der Betroffenen seit Jahren kontinuierlich zu. Gespielt wird vorzugsweise in Wettbüros und im Internet.

Nur Zahlen

Dort trifft man auch auf Wolfgang S. Seine Misere begann mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006: Damals setzte er mit Freunden in Wettbüros. Die Einsätze waren gering, mehr als 50 Euro pro Wette verspielte er nicht. „Irgendwie bin ich darauf hängen geblieben und habe begonnen auch auf Tennis und Basketball zu setzen". Schnell waren hunderte, dann tausende Euro weg. Wolfgang S. hatte den Überblick verloren: „Es waren auf einmal nur noch Zahlen. Ich hatte keinen Bezug mehr zum Geld."

Der Umzug von Stuttgart nach Wien sollte ein Neuanfang sein. Doch anstatt die Finger vom Spielen zu lassen, wird es noch schlimmer: „Hier gibt es an jeder Ecke Wettbüros." Außerdem beginnt S. im Internet zu wetten. „Online gibt es nur wenige Einschränkungen: Man meldet sich bei einem Einzahlungsdienst an, erstellt einen Account und der Betrag wird vom Bankkonto abgebucht. Fertig. Einen Ausweis braucht man nur, wenn man gewonnen hat."

Das Verlieren werde einem hingegen leicht gemacht. Das finden auch Gertrude und Peter M. Zwar könne man sich sperren lassen, bei Admiral nehme man das aber nicht so genau; das Entsperren sei lediglich Formsache. Gelockt wird außerdem mit kostenlosen Snacks und Getränken. Etwa 50.000 Euro haben die beiden innerhalb von zwei Jahren verspielt. Viel Geld für eine pensionierte Feinmechanikerin und einen ehemaligen Elektriker. Gespart haben sie beim Einkaufen: „Wenn ich einen Pullover gesehen habe, der mir gefallen hat, dachte ich `Wenn ich gewinne, dann kaufe ich ihn mir´", sagt die 66-Jährige. Gewonnen hat sie freilich selten. 1.000 Euro an einem Abend war das Höchste. „Man fährt nach Hause und beim Aufwachen denkt man `Probieren wir´s wieder´."

Sucht nach Automaten

Vor etwa vier Jahren hat das Ehepaar zu spielen begonnen. Anfangs waren es gelegentliche Ausflüge ins Casino Baden: Sich schön anziehen, ausgehen, die eben diagnostizierte Diabetes der Frau vergessen. Bald saßen sie täglich vor den Automaten: Wenn das Casino nachmittags um vier öffnete, sei sie schon zwei Stunden vorher nervös gewesen, sagt Gertrude M. „Wir haben nächtelang gespielt, bis sie uns hinausgeworfen haben. Man spürt keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst, wenn man spielt."

Einmal ist sie während des Spielens buchstäblich vom Hocker gefallen. Wegen Unterzuckerung. Tags darauf saß sie wieder dort. Bald mussten die M.s einen Kredit aufnehmen, der Tochter und dem Schwiegersohn erzählten sie nichts. „Wir haben Ausreden erfunden, warum wir nachmittags nicht zu Hause waren, weshalb wir nicht mehr auf Urlaub gefahren sind", sagt Peter M. „Wir sind nicht mehr zum Zahnarzt gegangen, haben keine Freunde getroffen. Unser gesamtes Geld und unsere Zeit hat Admiral geschluckt."

Vor zweieinhalb Jahren hat der 79-Jährige schließlich einen Schlussstrich gezogen und hat im Wiener Allgemeinen Krankenhaus eine Verhaltenstherapie begonnen. Seither gehen die beiden wöchentlich zur Sitzung der „AS", die ausgerechnet von Novomatic, den Casinos Austria und Admiral Sportwetten gesponsert werden. Ein Hohn, wie die M.s finden.

Inzwischen wissen auch Tochter und Schwiegersohn bescheid. Die Beichte ist den M.s schwer gefallen. Heuer fahren sie zum ersten Mal wieder auf Urlaub. Die Sucht bleibt: „Einmal Spieler, immer Spieler. Es ist wie bei einem Alkoholiker", sagt Gertrude M. „Früher war an jeder Ecke ein Wirtshaus, jetzt sind es Automatencasinos. Und: „Die Wirthäuser waren mir lieber." (derstandard.at, Birgit Wittstock, 21.06.2009)

  • Gertrude und Peter M.: "Unser gesamtes Geld und unsere Zeit hat Admiral geschluckt."
    foto: der standard/heribert corn

    Gertrude und Peter M.: "Unser gesamtes Geld und unsere Zeit hat Admiral geschluckt."

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