Wien ist, wo Meistertitel nicht stattfinden

21. Juni 2009, 18:10
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Die Staatsoper steht in Salzburg, das Burgtheater in Klagenfurt, das Volkstheater in Bregenz. Unvorstellbar? Unvorstellbar! Im Spitzensport indes stellt sich die Situation aus Wiener Sicht derzeit ganz genau so dar. Österreichs einzige Großstadt ist ein sportlicher Versager

Eine einzige Blamage. So hat Wien die abgelaufene Sportsaison zu bilanzieren. In den fünf großen Teamsportarten (Fußball, Eishockey, Handball, Volleyball, Basketball) holten die Männer der einen Metropole im Land keinen Meistertitel. Bei den Frauen sieht's kaum besser aus, allein die Post-Basketballerinnen und Volleyballerinnen gaben den anderen Bundesländern das Nachsehen. Ansonsten gab's für Wien gegen die, mit Verlaub, mehr oder weniger provinzielle Konkurrenz nichts zu holen. Die Fußballer von Rapid und die Volleyballer von Peter Kleinmann kamen immerhin als erste Verlierer an. Im Eishockey, Handball und Basketball hatte Wien mit der Entscheidung rein gar nichts zu tun.

Sport findet Stadt. So lautet ein Slogan aus der Ära der im März zurückgetretenen Vizebürgermeisterin Grete Laska, die fünfzehn Jahre lang für Sport zuständig war. Hinsichtlich Bewegungsangebot für die mehr oder weniger breite sportliche Masse mag er, sieht man vom Gedränge in Hallenbädern und Eishallen ab, teilweise stimmen. Wien profitiert nicht zuletzt von seiner Lage. Im nach der Stadt benannten Wald lässt es sich radeln und wandern, im Prater sind man und frau auf dem Laufenden, die Donauinsel ist ein Skaterparadies.

Sportstadt Wien? Wien statt Sport! Das passt für jene Bereiche, in denen um Titel gespielt wird. Eine Wurzel vielen Übels liegt jedenfalls in der Infrastruktur. Wien verfügt über keine einzige bemerkenswerte Sportanlage. Das wichtigste Stadion, jenes im Prater, ist knapp achtzig Jahre alt, es wurde vor der EURO zum wiederholten Male und um knapp vierzig Millionen Euro renoviert. Die wichtigste Halle (Stadthalle) feierte im Vorjahr den Fünfziger. Die Stadt ließ selbst Großevents à la Fußball-EM oder Eishockey-WM verstreichen, ohne neue Anlagen zu errichten. In die Stadien der Fußballvereine Rapid und Austria wird regelmäßig investiert, ohne dass sie punkto Größe, Architektur oder Mehrzwecktauglichkeit eine Chance auf mehr als europäisches Mittelmaß hätten. Kurz gesagt, in Wiener Sportstätten schlagen von Haus aus weder Sportler- noch Zuseherherzen höher. International spielt die zehntgrößte EU-Stadt sportlich rein gar keine Rolle.

"Eine neue Halle zieht per se schon Zuseher an", sagt Hans Schmid, Präsident des Eishockeyklubs Vienna Capitals. Beispiele dafür gibt viele. Schmid, dessen Capitals in Kagran nicht mehr als 4400 Fans versammeln können, hatte sich vehement für den Bau einer großen Mehrzweckhalle eingesetzt. In ihr hätten auch Ballsport, Konzerte und Kongresse Platz gefunden, Bürgermeister Michael Häupl hatte schon zugestimmt, nur noch der Standort schien offen.

Am Ende einigte man sich auf einen umstrittenen Kompromiss, nun wird die Kagraner Halle ausgebaut (Fassungsvermögen: 7000). Keine Rede mehr von Mehrzweck, Schmid gibt sich zufrieden. Ansonsten seien Wiener Sportvereine von vornherein im Nachteil. Schmid: "Spitzensport in Wien wird nicht gefördert. Es fehlt die gesetzliche Grundlage." Im Eishockey weiß man, dass die Kärntner Klubs KAC und VSV jährlich mit jeweils mehreren hunderttausend Euro von der öffentlichen Hand rechnen können.

Die großen Dachverbände (Askö, Union, Asvö) üben sich in gemeinsamer Kritik an der Wiener Sportpolitik, bekritteln ebenfalls die "im Vergleich zu allen anderen Bundesländern geringste Sportförderung". Auch dass die Austria - Kuratoriumsvorsitzender: Bürgermeister Häupl - 7,9 Millionen Euro für den Bau einer Akademie erhält und ein Nachwuchsprojekt Rapids - stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende: Vize-Bürgermeisterin Renate Brauner - wohl ähnlich intensiv unterstützt wird, führte zu einem Aufschrei in anderen Sportarten und im Breitensport.

Freilich zeigt sich frühestens in einigen Jahren, ob der Wiener Fußball von den Subventionen profitiert. In anderen Sportarten haben die Wiener Vereine wohl auf Dauer ihre liebe Not. Wien ist nicht, wo die Musik spielt. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Montag, 22. Juni 2009)

  • International spielt die zehntgrößte Stadt der EU eine sportliche Nebenrolle.
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    International spielt die zehntgrößte Stadt der EU eine sportliche Nebenrolle.

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