Gepflegte Selbstironie bei Wind, Regen und Schlamm

21. Juni 2009, 18:00
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Die US-Band Faith No More überzeugte beim Festival in Nickelsdorf

Nickelsdorf - So viel Selbstironie wäre nicht nötig gewesen: Ein roter Samtvorhang zierte die Bühne, um dem Mief, der Großfestivals anhaftet, die Aura eines intimen Etablissements zweifelhaften Rufes entgegenzusetzen. Die in dieses Ambiente schreitende Band trug Anzüge, die sie wie vom Leben übel abgewatschte Alleinunterhalter aussehen ließ.

Die legendäre kalifornische Band Faith No More eröffnet die Konzerte ihrer derzeit durch Europa ziehenden Reunion-Tour nicht mit einem Knall für adrenalinbefeuerte Rockbuben, sondern mit einem fingerschnippenden Soulklassiker: Reunited von Peaches & Herb. Am Wochenende war der Auftritt von Faith No More, von der FAZ zuletzt als „beste Rockband der 1990er-Jahre" bezeichnet, ein rarer Höhepunkt des Nova Rock Festivals im burgenländischen Nickelsdorf.

Mike Patton, der charismatische Chef von Faith No More, stolperte am Spazierstock ins Geschehen. Reunited - ein Song als Statement. Weiter entfernt von Metal und Rock wäre wohl nur eine schwule R-'n'-B-Oper, um jene Distanz zu demonstrieren, die Faith No More zur strengen Genrekonvention des Metal pflegen. Und als Veranschaulichung, dass diese Band in der Lage ist, das eigene Treiben kritisch bis argwöhnisch zu betrachten: Jaja, wir sind wieder da. Wir gehen schon am Stock, und uns plagt das Zipperlein. Ganz cool ist das nicht, aber - hey! - die Kohle würde wohl niemand in den Wind schießen wollen.

So viel Augenzwinkern ist zwar dick aufgetragen und die Selbstironie als Abgrenzungsstrategie längst überholt, ein passenderer Opener als Reunited muss einem aber erst einfallen.

Alter statt Nova Rock

Während der drei Tage des vergangenen Wochenendes haben rund 150.000 Menschen das Festivalgelände „Pannonia Fields" aufgesucht, um dort Bands zu erleben, die das nicht sonderlich weite Feld zwischen Metal, Rock, Punk und einer vage definierten Alternative Music beackern. Nicht einmal das prognostizierte Regenwetter, das bereits am Freitag spätabends einsetzte und am Samstag das Gelände für diverse Schlammschlachten aufbereitete, hielt die Massen vom Kommen ab.

Neuentdeckungen gibt es beim ausgerechnet Nova Rock benannten Festival selten bis gar nicht zu erleben. Das Programm setzt sich mehrheitlich aus alten und/oder immer wieder zurückkehrenden Helden zusammen. Namentlich waren das heuer Formationen wie Metallica, Die Toten Hosen, Placebo oder Slipknot.

Für Interessierte abseits des Immerwiederkehrenden war das Konzert von Faith No More der einzige Grund nach Nickelsdorf zu kommen. Die ursprünglich aus San Francisco stammende Band war Ende der 1980er, Anfang der 1990er wesentlich für die Etablierung einer Musik verantwortlich, die man Crossover nannte - oder auch „Rap-Metal" -, die die Gesetze einer trotz Punk und Postpunk erstarrten Rockmusik verändert hatte.

Klassische Gitarrenriffs wurden um Elemente aus Funk und _HipHop angereichert. Das kennt man heute zur Genüge: Parliament trifft Black Sabbath. So legte Faith No More die Schneise für das Genre Nu Metal und Bands, auf die man gerne verzichtet hätte: Korn etwa. Oder Limp Bizkit. Oder Guano Apes. Die beiden letztgenannten waren ebenfalls am Nova Rock zu sehen. Man kann sich nicht immer aussuchen, wen man beeinflusst.

Von Faith No More war mangels neuer Stücke ein Best-of-Konzert zu erwarten. Und so kam es auch. Es setzte Hit auf Hit: The Real Thing, Midlife Crisis, Caffeine und Epic, eines ihrer bekanntesten Stücke, mit dem sie den Durchbruch schafften. Der alte Gassenhauer We Care A Lot aus der Zeit vor Mike Patton fehlte jedoch.

Dafür gab es launigen Grunz-Metal mit Megafon, angejazzte Lounge-Nummern und die Weißbrotvariante von Funk. Dafür wurde Poker Face von Lady Gaga gegeben, einer Newcomerin im Mainstream-Pop. Patton, der während der Auszeit von Faith No More mit verschiedensten Bandprojekten wie Tomahawk, Fantômas oder Peeping Tom zum gefragten Vokalakrobaten zwischen Popmusik und Avantgarde aufgestiegen ist, greinte und gurgelte in vielerlei Zungen.
Die Show war eine Darbietung wie eine mit dem Lineal konstruierte Erleuchtung. Faith No More ist eine Band, die Entertainment als Beruf begreift, ein Konzert als Vehikel zur punktgenauen Abrufung von Nostalgie, von gelegentlichen technischen Problemen abgesehen durchexerziert wie ein Uhrwerk. Faith No More als die Rolling Stones, als die AC/DC einer nächsten Generation. Also irgendwie doch Nova-Rock-tauglich. Schade, aber toll. (Philipp L'Heritier/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 6. 2009)

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