"Das Regime hat noch lange nicht seine Macht ausgespielt"

21. Juni 2009, 17:51
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Um die Intensität der Proteste aufrechtzuerhalten, braucht die Oppositionsbewegung neue Taktiken, wie Streiks und zivilen Ungehorsam, meint der iranische Soziologe Asef Bayat

Mit ihm sprach Astrid Frefel.

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STANDARD: Wie beurteilen Sie die Strategie, wie Oppositionsführer Mir-Hossein Mussavi die protestierenden Massen führt?

Bayat: Da er aus dem politischen Establishment kommt, hätte ich gedacht, er würde zu einem Kompromiss bereit sein, aber er hat nicht eingelenkt und sich standhaft gezeigt. Er beharrt auf der Annullierung der Wahlergebnisse. Seine Erklärungen sind klar, aber er versucht auch, direkte Provokationen zu vermeiden. Er muss auch seinen Anhängern gegenüber vorsichtig sein. Zeigt er sich kompromissbereit, könnte er in den Augen der Massen seine Glaubwürdigkeit als Oppositionsführer verlieren.

STANDARD: Lassen sich die Proteste unterdrücken?

Bayat: Das Regime hat noch lange nicht alle seine Macht ausgespielt. Und es ist tatsächlich fraglich, ob sich die Proteste niederschlagen lassen. Vielleicht kurzfristig. Aber wie sich dieses Kräftemessen entwickelt und ob die Bewegung durch den Einsatz von Gewalt nicht radikalisiert wird, ist eine offene Frage.

STANDARD: Glauben Sie, dass die Dynamik auf den Straßen aufrechterhalten werden kann, nachdem auch viele Organisatoren verhaftet wurden und die Kommunikation immer schwieriger wird?

Bayat: Verhaftet wurden respektierte Denker und Strategen. Aber ich vermute, es kommen viele neue nach, die durch diese Bewegung geschaffen werden; lokale Anführer und lokale Strategien, die auch neue Methoden entwickeln werden. Damit die Intensität aufrechterhalten werden kann, braucht es neue Taktiken, zum Beispiel Proteste, die mit dem alltäglichen Leben zu tun haben, wie Streiks oder ziviler Ungehorsam, die das Land unregierbar machen. In der Revolution 1979 kam der große Durchbruch mit einem Generalstreik. Es waren insbesondere die Ölarbeiter, die die Wirtschaft zum Stillstand gebracht haben.

STANDARD: Mussavi ist nicht gerade das, was man sich unter einem Helden vorstellt.

Bayat: Er ist nicht charismatisch im konventionellen Sinn. Entscheidend sind seine politischen Verdienste als Regierungschef, dann seine Frau, eine wortgewandte Intellektuelle, und schließlich hat ihn Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad in der Fernsehdebatte durch seine rowdyhaften Angriffe in diese Position gehievt. Mussavi blieb ruhig, kontrolliert und höflich. Das sind Eigenschaften, die viele Leute ansprechen.

STANDARD: Haben wir es mit einem Ausbruch von Volkszorn, einer Revolte oder einer Revolution zu tun?

Bayat: Das ist eine Protestbewegung, mit dem Ziel, das Wahlergebnis zu annullieren, vor allem was die Führung betrifft. Ich glaube, wenn es gelingt, dieses Ziel zu erreichen, wäre die Mehrheit zufrieden. Aber jede Bewegung hat ihre Dynamik, und natürlich gibt es Demonstranten, die mehr wollen. Aber bereits mit der Korrektur der Fälschungen würde die Position der Regierung unterminiert. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2009)

ZUR PERSON: Der iranische Soziologe Asef Bayat ist Professor an der Universität von Leiden, Niederlande. Er befasst sich mit der Demokratisierung in islamischen Ländern und ist Autor des Buches „Street Politics - Poor People's Movements in Iran".

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