Das Comeback der Hypothekenzocker

21. Juni 2009, 18:18
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Während Amerika einige Verant­wortliche der Immobilienkrise zur Rechenschaft zieht, fallen andere straflos wieder auf die Füße

In Los Angeles nahm der Immobilienboom seinen Lauf. In Los Angeles platzte die Blase. In Los Angeles greifen die Behörden jetzt durch. Seit zwei Wochen sitzt Angelo Mozilo, Chef der einst größten und inzwischen bankrotten US-Hypothekenbank Countrywide dort auf der Anklagebank. Kein Institut vermittelte so viele Häuserdarlehen an Menschen mit schlechter Bonität wie Countrywide. Und keines reichte später, als die Blase platzte, so viele fast wertlose Hochrisikopakete gebündelt an Großbanken weiter. Der Prozess gegen den Hypothekenzocker ist das bisher schärfste Vorgehen in der Aufarbeitung der Finanzkrise. Der Professorin Laurie Levenson geht das jedoch nicht weit genug: "Andere gehen straflos aus."

2300 Meilen weiter östlich im US-Bundesstaat New York: In Worcester ist Amerika immer noch so unberührt, wie es einmal war. Deshalb wollte auch Donald C. Bozarth dort wohnen. Vor zwei Jahren, kurz vor dem Ende des Immobilienbooms, erfüllte sich der Pastor seinen Traum vom Eigenheim. Doch es folgte das böse Erwachen. Er hatte das Kleingedruckte in seinem Hypothekenvertrag nicht gelesen: eine variable Zinsbindung. Von einem Monat auf den anderen stiegen die Ratenzahlungen massiv an. "Ich bin nie leichtfertig gewesen und habe nie Schulden gemacht", seufzt der 69-Jährige, "aber der Agent schien so vertrauenswürdig: Hier auf unserem Sofa hat er gesessen und getan, als gehörte er zur Familie!"

Im Netz der Renditejäger: Bozarth ist kein Einzelfall. Zahllose Amerikaner wurden während des Immobilienbooms mit zunächst sehr niedrigen Zinsen zum Hauskauf animiert. Heute sind sie mit der Last ihrer Rückzahlungen überfordert. 2008 gab es in den USA über drei Millionen Zwangsvollstreckungen. Bozarth und seine Frau zahlten am Ende jeden Monat 2400 Dollar zurück. Er bangte um seinen Ruhestand, sie sparte am Essen, nichts half. Doch dann kam der Anruf, der alles veränderte. Eine Firma namens PennyMac bot Hilfe an. Sie senkte Bozarths Zinssatz von acht auf fünf Prozent, was die Last um immerhin 600 Dollar im Monat verringerte. "Keine Frage, diese Leute haben uns gerettet", sagt der Pastor.

PennyMac kauft faule Kredite auf, die die US-Regierung von den gescheiterten Banken übernommen hat, und zahlt dafür nur einen Bruchteil des ursprünglichen Wertes. Dann verhandelt die Firma mit den Schuldnern und kann teilweise deutliche Zinssenkungen in Aussicht stellen. Vielen Hausbesitzern ermöglicht das, ihr Haus zu behalten. Das auf den ersten Blick geniale Geschäftskonzept hat allerdings einen Haken: PennyMac wurde von ehemaligen hochrangigen Countrywide-Managern gegründet - jenen Geschäftsleuten also, die zusammen mit dem nun angeklagten Mozilo jahrelang Ramschhypotheken unters Volk brachten.

Eric Lipton, Reporter für die New York Times in Washington, hat das wundersame Comeback dieser Finanzjongleure aufgedeckt. "Diese Leute profitieren von der Krise, die sie selber angezettelt haben", sagt er. Seit seinem Artikel verweigert PennyMac jegliche Interviews. Millionengewinne stehen auf dem Spiel. Die Firma verspricht den Investoren 20 Prozent Rendite im Jahr, bislang kontrolliert sie Darlehen im Umfang von 800 Millionen Dollar, innerhalb der nächsten anderthalb Jahre sollen daraus 15 Milliarden werden. Das Geschäft läuft so blendend, dass sogar schon eine Börsennotiz beantragt wurde. Washington bekomme gerade einmal 60 Cent von jedem Dollar, den die PennyMac von den Schuldnern eintreibt, weiß Lipton: "Ein gewaltiges Verlustgeschäft für die Regierung und die Steuerzahler."

"Brandstifter"

Auch in der Finanzmetropole New York ist der Aufstieg der ehemaligen Countrywide- und jetzt PennyMac-Manager vielen ein Dorn im Auge. "Die sind wie Brandstifter, die nach der Tat die verkohlten Reste aufkaufen und mit Gewinn weiterverscherbeln", schimpft Jeffrey Norton. Der Anwalt vertritt US-Hausbesitzer in einer Sammelklage gegen Countrywide. Harsche Worte hat er vor allem für PennyMac-Chef Stanford Kurland. Die einstige Nummer zwei bei Countrywide, so Norton, habe eine "bedeutende Rolle bei der Vergabe von Ramschhypotheken" gespielt.

Tatsächlich wuchs das Countrywide-Portfolio unter Kurlands Führung von 62 Millionen auf 463 Millionen Dollar, drei Mal schneller als der nationale Hypothekenmarkt. Dennoch gibt es bislang keine Anzeichen, dass die US-Behörden den Manager zur Rechenschaft ziehen wollen. Fakt ist: Der Erfolg von PennyMac widerspricht jeder Wirtschaftsethik, einen Zusammenbruch der Firma könnten die USA jedoch nur schwer verkraften. Sie sind auf die Kreativität von vielleicht ruchlosen, aber doch erfahrenen Hypothekenzockern wie Kurland angewiesen, um den Schaden wenigstens ansatzweise zu begrenzen. Schätzungen zufolge werden bis Ende 2009 insgesamt zehn Millionen Amerikaner ihr Haus verloren haben. (Beatrice Uerlings aus New York, DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2009)

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    Das Ringelspiel dreht sich weiter: Der Ex-Chef steht vor Gericht, die Kumpane gewinnen aus faulen Krediten.

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