Kein Karneval in Tokio

  • Brasilia, im Juni 2008: Staatliche Feiern angesichts des 100-Jahre-Jubiläums der japanischen Immigration nach Brasilien

    Brasilia, im Juni 2008: Staatliche Feiern angesichts des 100-Jahre-Jubiläums der japanischen Immigration nach Brasilien

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    foto: archiv

    Ein Plakat wirbt in Japan um Plantagenarbeiter für Brasilien. 1908 brachte der Dampfer „Kasatu Maru" die ersten 165 japanischen Einwandererfamilien

  • „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt": Angelo Ishi, selbst ein Nikkeijin, lehrt Soziologie an der Musahi Universität in Tokio
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    foto: privat

    „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt": Angelo Ishi, selbst ein Nikkeijin, lehrt Soziologie an der Musahi Universität in Tokio

     

Brasilianer japanischer Abstammung waren in Japan lange willkommene Gäste - Nun will man sie zur Rückkehr bewegen

Tokio - Lange Zeit waren sie willkommen - doch seit April zahlt die Regierung brasilianischen MigrantInnen Geld, damit sie das Land verlassen. Umgerechnet mindestens 5000 US-Dollar macht der Staat pro Familie für die Flugtickets locker - rund 3000 US-Dollar für das "Familienoberhaupt", und rund weitere 2000 US-Dollar pro AngehörigeN. Bleibt Geld übrig, dürfen es die Rückkehrenden behalten. 

Die Kehrseite der Medaille: Hat man das Angebot erst einmal akzeptiert, erhält man in Japan drei Jahre lang keine Arbeitserlaubnis mehr. Erst sollte das Arbeitsverbot lebenslänglich gelten - doch das Rückkehrprogramm lief nur schleppend an: Nur 100 BrasilianerInnen meldeten sich an. Erst, als die Regierung das auf drei Jahre verkürzt hat, nahmen die Anträge zu. Rund 3.000 MigrantInnen hätten bisher einen Antrag gestellt, heißt es aus der brasilianischen Botschaft in Tokio.

„Schwer, schmutzig und gefährlich"

Allerdings ist Japan wegen des Mangels an Arbeitskräften auf AusländerInnen angewiesen - in den 90er Jahren hat die Regierung vor allem BrasilianerInnen japanischer Abstammung als IndustriearbeiterInnen ins Land geholt. Die Nachfahren der japanischen EmigrantInnen, die vor hundert Jahren nach Brasilien gezogen waren, würden wegen ihres Aussehens und ihrer japanischen Namen gut in die japanische Gesellschaft passen, so das Kalkül der Regierung.

Nikkei oder Nikkeijin nennen sich die BrasilianerInnen in Japan, in Anlehnung an die gleichnamige unbefristete Arbeitserlaubnis. Rund 300.000 leben mittlerweile in Japan, die meisten arbeiten in so genannten „3-K-Jobs": das K steht für: kitsui, kitanai und kiken - schwer, schmutzig und gefährlich. Die Nikkeijin bilden die größte MigrantInnengruppe unter den ArbeiterInnen. Und die Wirtschaftskrise trifft besonders sie: Schätzungen zufolge wurden rund die Hälfte aller brasilianischen Fabrikarbeiter entlassen.

Gastarbeiter

Sind die Entlassungen Grund dafür, dass die Regierung potentiellen BezieherInnen von Arbeitslosenhilfe einen kostenlosen Rückflug anbietet? Für Angelo Ishi, Soziologe an der Musahi Universität in Tokio, ist nicht so sehr die aktuelle Krise ausschlaggebend, sondern die japanische Gesellschaft: „Die Mehrheit der Japaner wünscht sich Migranten, die nach drei, vier Jahren harter Arbeit wieder abreisen. Einwanderer als Nachbarn, als Teil der Gesellschaft, lehnt die Mehrheit ab."

Dabei hatte die Regierung im vergangenen Jahr spezielle Integrationsmaßnahmen eingeführt -  Gratis-Sprachkurse, Weiterbildungsangebote oder spezielle Arbeitslosenunterstützung. „Wir dachten, endlich tun die Japaner auch etwas für uns", schildert die Brasilianerin Vilene S. ihre Hoffnung auf gesellschaftspolitischen Wandel.

Die 45-Jährige stammt aus São Paulo und kam vor 17 Jahren mit ihrem Mann nach Tokio. Sie arbeitet als Teilzeitkraft in einem Supermarkt, er ist Angestellter bei einem Transportunternehmen. Die Integrationsmaßnahmen habe sie nicht mehr nötig, betont Vilene S.: Sie und ihre Familie seien bereits integriert: „Wir sprechen Japanisch - und wir singen lieber Karaoke, als Samba zu tanzen."

Das Märchen von der Heimat Japan

Vilene S. sieht das Rückkehr-Programm pragmatisch: „Die Japaner hatten es vor hundert Jahren in Brasilien sehr schwer. Und nun haben es eben auch die Brasilianer in Japan schwer. Aber das ist noch lange kein Grund, wieder zurück nach Brasilien zu ziehen", sagt sie. „Unser Sohn ist hier geboren. Er wächst hier auf, er ist hier zuhause."

Keiner der Nikkeijin zieht freiwillig zurück nach Brasilien, betont auch der Soziologe Ishi. "Das wäre eine persönliche Niederlage. Aber viele haben wegen finanzieller Probleme offenbar keine andere Möglichkeit."  Das Rückkehrprogramm sei "eine massive Beleidigung für die Community", meint Ishi. „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt. Sie glauben allmählich nicht mehr an das Märchen, dass Japan die Heimat aller japanischen Brasilianer ist." (Christa Hager aus Tokio, derStandard.at, 11.8..2009)

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