Kein Karneval in Tokio

11. August 2009, 19:14
  • Brasilia, im Juni 2008: Staatliche Feiern angesichts des 100-Jahre-Jubiläums der japanischen Immigration nach Brasilien

    Brasilia, im Juni 2008: Staatliche Feiern angesichts des 100-Jahre-Jubiläums der japanischen Immigration nach Brasilien

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Ein Plakat wirbt in Japan um Plantagenarbeiter für Brasilien. 1908 brachte der Dampfer „Kasatu Maru" die ersten 165 japanischen Einwandererfamilien
    foto: archiv

    Ein Plakat wirbt in Japan um Plantagenarbeiter für Brasilien. 1908 brachte der Dampfer „Kasatu Maru" die ersten 165 japanischen Einwandererfamilien

  • „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt": Angelo Ishi, selbst ein Nikkeijin, lehrt Soziologie an der Musahi Universität in Tokio
 
    foto: privat

    „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt": Angelo Ishi, selbst ein Nikkeijin, lehrt Soziologie an der Musahi Universität in Tokio

     

Brasilianer japanischer Abstammung waren in Japan lange willkommene Gäste - Nun will man sie zur Rückkehr bewegen

Tokio - Lange Zeit waren sie willkommen - doch seit April zahlt die Regierung brasilianischen MigrantInnen Geld, damit sie das Land verlassen. Umgerechnet mindestens 5000 US-Dollar macht der Staat pro Familie für die Flugtickets locker - rund 3000 US-Dollar für das "Familienoberhaupt", und rund weitere 2000 US-Dollar pro AngehörigeN. Bleibt Geld übrig, dürfen es die Rückkehrenden behalten. 

Die Kehrseite der Medaille: Hat man das Angebot erst einmal akzeptiert, erhält man in Japan drei Jahre lang keine Arbeitserlaubnis mehr. Erst sollte das Arbeitsverbot lebenslänglich gelten - doch das Rückkehrprogramm lief nur schleppend an: Nur 100 BrasilianerInnen meldeten sich an. Erst, als die Regierung das auf drei Jahre verkürzt hat, nahmen die Anträge zu. Rund 3.000 MigrantInnen hätten bisher einen Antrag gestellt, heißt es aus der brasilianischen Botschaft in Tokio.

„Schwer, schmutzig und gefährlich"

Allerdings ist Japan wegen des Mangels an Arbeitskräften auf AusländerInnen angewiesen - in den 90er Jahren hat die Regierung vor allem BrasilianerInnen japanischer Abstammung als IndustriearbeiterInnen ins Land geholt. Die Nachfahren der japanischen EmigrantInnen, die vor hundert Jahren nach Brasilien gezogen waren, würden wegen ihres Aussehens und ihrer japanischen Namen gut in die japanische Gesellschaft passen, so das Kalkül der Regierung.

Nikkei oder Nikkeijin nennen sich die BrasilianerInnen in Japan, in Anlehnung an die gleichnamige unbefristete Arbeitserlaubnis. Rund 300.000 leben mittlerweile in Japan, die meisten arbeiten in so genannten „3-K-Jobs": das K steht für: kitsui, kitanai und kiken - schwer, schmutzig und gefährlich. Die Nikkeijin bilden die größte MigrantInnengruppe unter den ArbeiterInnen. Und die Wirtschaftskrise trifft besonders sie: Schätzungen zufolge wurden rund die Hälfte aller brasilianischen Fabrikarbeiter entlassen.

Gastarbeiter

Sind die Entlassungen Grund dafür, dass die Regierung potentiellen BezieherInnen von Arbeitslosenhilfe einen kostenlosen Rückflug anbietet? Für Angelo Ishi, Soziologe an der Musahi Universität in Tokio, ist nicht so sehr die aktuelle Krise ausschlaggebend, sondern die japanische Gesellschaft: „Die Mehrheit der Japaner wünscht sich Migranten, die nach drei, vier Jahren harter Arbeit wieder abreisen. Einwanderer als Nachbarn, als Teil der Gesellschaft, lehnt die Mehrheit ab."

Dabei hatte die Regierung im vergangenen Jahr spezielle Integrationsmaßnahmen eingeführt -  Gratis-Sprachkurse, Weiterbildungsangebote oder spezielle Arbeitslosenunterstützung. „Wir dachten, endlich tun die Japaner auch etwas für uns", schildert die Brasilianerin Vilene S. ihre Hoffnung auf gesellschaftspolitischen Wandel.

Die 45-Jährige stammt aus São Paulo und kam vor 17 Jahren mit ihrem Mann nach Tokio. Sie arbeitet als Teilzeitkraft in einem Supermarkt, er ist Angestellter bei einem Transportunternehmen. Die Integrationsmaßnahmen habe sie nicht mehr nötig, betont Vilene S.: Sie und ihre Familie seien bereits integriert: „Wir sprechen Japanisch - und wir singen lieber Karaoke, als Samba zu tanzen."

Das Märchen von der Heimat Japan

Vilene S. sieht das Rückkehr-Programm pragmatisch: „Die Japaner hatten es vor hundert Jahren in Brasilien sehr schwer. Und nun haben es eben auch die Brasilianer in Japan schwer. Aber das ist noch lange kein Grund, wieder zurück nach Brasilien zu ziehen", sagt sie. „Unser Sohn ist hier geboren. Er wächst hier auf, er ist hier zuhause."

Keiner der Nikkeijin zieht freiwillig zurück nach Brasilien, betont auch der Soziologe Ishi. "Das wäre eine persönliche Niederlage. Aber viele haben wegen finanzieller Probleme offenbar keine andere Möglichkeit."  Das Rückkehrprogramm sei "eine massive Beleidigung für die Community", meint Ishi. „Viele Nikkeijin sind massiv gekränkt und verletzt. Sie glauben allmählich nicht mehr an das Märchen, dass Japan die Heimat aller japanischen Brasilianer ist." (Christa Hager aus Tokio, derStandard.at, 11.8..2009)

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25 Postings
Kein Carnaval in Tokio

Viele Brasilianische Migraten werden sicher dieses Angebot annehmen mit dem Geld was übrig bleibt lässt sich sicher etwas besseres in Brasilien anfangen, viele haben ja Familie in Brasilien, hauptsächlich in Sao Paulo wo über 1 Million Japanische - Brasilianer leben


www.manerex.at

Ich hielt das "N" anfangs für einen Tippfehler.

Liebe Zensur,

wenn ihnen mein Folgepost nicht genehm ist, darf ich sie ersuchen, mir zu erläutern, was "AngehörigeN" bedeuten soll, und, falls sie keine Erklärung dafür finden sollten, wie es - trotz moderner Rechtschreibprüfungen - online gegangen sein kann.

Vielen Dank.

Das ist quasi ein Außen-N als Pendant zum Binnen-I.
pro Angehörige (weibl) und Angehörigen (männl)

Mit Deutsch hat das nichts mehr zu tun.

Was man sagen will ist " ... und rund weitere 2000 US-Dollar pro Angehörigem oder Angehöriger ... ".

"AngehörigeN" bezeichnet weder noch.

Ich finde man sollte mit dem Unsinn aufhören.

Was man damit erreicht, ist allerhöchstens eine verschwindende Minderheit zu bedienen. Der Preis dafür ist jedoch, eine Mehrheit, die ohnehin nie ein Problem mit der Gleichberechtigung gehabt hat, zu verprellen.

-gem plus -ger = schon mal wenigstens 2 = plural = -eN

broschüre lesen, beispiel verstehen, dann auskennen und nicht mehr fragen

(damit kein falscher eindruck entsteht: ich würde diese verwirrung vermutlich vermeiden, schriebe ich hier die artikel)

„Die Mehrheit der Japaner wünscht sich Migranten, die nach drei, vier Jahren harter Arbeit wieder abreisen. Einwanderer als Nachbarn, als Teil der Gesellschaft, lehnt die Mehrheit ab."

Das ist in Österreich nicht anders, wie auch schon der Name Gastarbeiter aussagt.
Bloß hat das die Regierung nie gekümmert.

Die Mehrheit hat halt noch eine im Wesentlichen der Nazizeit entstammende Vorstellung von "Volk", "Rasse" und so weiter; Dichand schert sich in seinem Propagandablatt ja einen Dreck um die Verfassung.

Dass der Wunsch, jede Aufenthaltsgenehmigung müsse befristet sein, kaum realistisch ist, muss jedem klar sein, der sich auch nur einige Stunden lang ernsthaft mit Migration und der Geschichte Österreichs vor dem WWII befasst.

"Allerdings ist Japan wegen des Mangels an Arbeitskräften auf AusländerInnen angewiesen"

Nein, stimmt einfach nicht. Das ist nur ein Totschlagargument.
Nirgends in Japan fehlen Arbeitskräfte.
Überhaupt sehr schlecht recherchiert, von jemander, die nicht Japanisch versteht.

???

Niegends in Japan fehlen Arbeitskräfte in Japan? Arbeitskräfte fehlen ja wirklich nicht, aber die Unternehmen brauchen billigere Arbeitskräfte als Japaner. Wissen sie gar nicht, dort wo es grosse Fabriken gibt z.B. die Stadt Toyota (die Stadt heisst wie die Automarke Toyota) voll mit ausländische Arbeiter waren, die mittlerweilen grosstenteils gefeuert wurden? In meiner Heimatstadt gibt es auch eine grosse brasilianische Gemeinde. Sie arbeiten in einer Elektrofabrik.

Die schlechte Konjunktur in Japan war die Ursache

Viele Immigranten aus Brasilien sind Arbeitslos wegen der Schliessung der Fabriken. Es waeren guenstiger fuer die japanische Regierung diese Nikkei wieder zurueck nach Brasilien zu schicken, als ihnen in Japan durch Sozialhilfe weiter leben lassen. Wenn Japan wieder Arbeitskraefte braucht, kann Japan sie wiederzurueckrufen.

Wegschicken, zurückrufen... moderne Arbeitssklaven. Menschen kann man so nicht behandeln.

jemander?

und das in einem land mit bevölkerungsregression...

man nennt das vermutlich rassismus

bin schon gespannt wieviele

sich gekränkt fühlen werden, wenns nicht nur um jobs sondern um
- das letzte fass öl
- das letzte saubere glas wasser
- den letzten fisch oder das letzte hendl
gehen wird.

dauert beim derzeitigen bevölkerungswachstum ja nicht mehr so lange...*blick auf die uhr* - es ist 11:58 Uhr
http://www.youtube.com/watch?v=F-QA2rkpBSY

Nur ist Japan ein Land, dessen Gesellschaft massiv überaltert ist. Da geht's dann eher um den letzten Pensionseinzahler.

die leute werden dann

ihre pensionen essen (weil essen kaufen kann man dann nicht mehr mit geld)?
aha, verstehe...

"Nikkei oder Nikkeijin nennen sich die BrasilianerInnen in Japan, in Anlehnung an die gleichnamige unbefristete Arbeitserlaubnis"

Wird wohl eher umgekehrt sein: Die Arbeitserlaubnis trägt den Namen der Erlaubnisinhaber. Nikkei bedeutet "von japanischer Abstammung".

(Wenn man über Japan schreibt, kann man alles schreiben und Wörterbuch braucht man auch keins. Versteht ja sowieso niemand.)

(Allein die Wiener Japanologie hat 20 Lehrbeauftragte. Die werden vermutlich auch einige Studenten haben. Japanisch ist in Europa nicht mehr so fremd wie manche Journalisten glauben.)

richtig! gar nicht mehr fremd.
fahrens mal nach düsseldorf.
mir gefällts dort wahnsinnig gut :)

bleibt zu hoffen,

dass deutschland und österreich niemals die emigranten die 45 nach argentinien gingen bezahlen um zurückzukommen...

a wurscht - die meisten

sind eh nie weg...

oje aber

dann muesste ja hr. ex-kanzler klima in argentinien bleiben.
naja, ein paar euronen werden sich finden in der oiag, stadt wien oder giro-kredit.

schon klar, daß sich vergleiche nicht ziemen, aber pampa findet er auch in österreich

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