Im Iran tobt nie dagewesener Machtkampf

20. Juni 2009, 20:30
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"Comeback der iranischen Mittelklasse" in der Politik - Molavi befürchtet blutige Niederschlagung der Proteste

Hamburg/Wien - Als einen "Machtkampf, wie ihn Iran noch nie gesehen hat" hat der Iran-Experte und Buchautor Afshin Molavi ("Persian Pilgrimages: Journeys Across Iran") im Gespräch mit dem "Spiegel" (Online) die Ereignisse nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad charakterisiert. In Teheran sei man mittlerweile "überwiegend der Ansicht, dass diese Wahl ein Staatsstreich von Anhängern eines neuen Machtzentrums in Iran war" - und zwar von Unterstützern Ahmadinejads vor allem im Sicherheitsapparat.

Auf der anderen Seite stünden Vertreter "der alten Ordnung". Durch die geistlichen Führer des Landes ginge ein Riss. Es sei nicht sicher, dass Ayatollah Ali Khamenei von dem angeblichen Coup "überhaupt wusste", meinte Molavi, der davon ausgeht, dass Khamenei keine Kehrtwende in seiner Unterstützungserklärung für Ahmadinejad riskieren wird.

"Comeback der iranischen Mittelklasse"

Die Proteste der Bevölkerung gegen die Wahl bezeichnete der beim unabhängigen US-amerikanischen Think Tank "New America Foundation" forschende Molavi am Freitag als "Comeback der iranischen Mittelklasse in der politischen Arena. Diese Mittelklasse ist vital, modern, gut vernetzt, am Rest der Welt interessiert - und hungert nach sozialen und politischen Freiheiten sowie einer besseren Wirtschaftspolitik." Etwas Vergleichbares wie die aktuellen Proteste habe man "auf den Straßen Irans noch nie gesehen". Trotz Demonstrationsverbotes gingen die Menschen in Teheran auch am Samstag für eine Neuauszählung der Stimmen auf die Straße. Berichte über einen Anschlag mit unterschiedlichen Opferzahlen verdächtigten ausländische Beobachter der Lancierung, um härter gegen die Opposition vorgehen zu können.

Die Demonstrationen im Iran sieht Molavi getrieben vor allem von "Zorn" über die Ungereimtheiten nach dem Urnengang. "Die Menschen wollten eigentlich keine Revolution anfangen - doch ihr Protest hat sich nun zu einer Massenbewegung ausgeweitet, die sich generell gegen den Status Quo richtet", so Molavi. Ahmadinejads Gegenkandidat Mir-Hossein Moussavi, zunächst ein "Kompromisskandidat" für die Gegner des erzkonservativen Ahmadinejad, habe mittlerweile "wirklich die Menschen in Iran hinter sich".

In der Ausweisung ausländischer Journalisten und der Abschaltung von Webseiten erkennt der Iran-Kenner Anzeichen für eine geplante gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen: "Mein einziger Trost ist, dass so etwas immer schwerer für sie wird, je mehr Menschen demonstrieren." (APA)

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