derStandard.atInternationalNahostIran

21.06.2009 16:19

Regime schlägt gegen Protestbewegung los
Die genaue Zahl der Todesopfer ist unbekannt - Sicher ist, dass die Sicherheitskräfte am Wochenende die Demonstranten mit großer Brutalität angriffen - Mit Video - 3 Fotos, 1 Video

Teheran - Das iranische Regime hat am Wochenende brutal gegen Demonstranten losgeschlagen, die sich nicht an das vom religiösen Führer Ali Khamenei am Freitag ausgesprochene Versammlungsverbot gehalten haben. Sowohl am Samstag als auch am Sonntag gingen wieder Tausende - genaue Zahlen sind nicht bekannt - in Teheran und anderen Städten auf die Straßen. Die Ziffern der bei den Unruhen getöteten Menschen schwanken stark. Während die Behörden 19 Todesopfer meldeten, sprachen Beobachter von bis zu 300 Toten landesweit.

Wegen flächendeckender Zensur gibt es nur wenige zuverlässige Berichte. Sicher ist, dass bereits am Samstag Personen, die lediglich auf der Straße stehenblieben, den Gehsteig verließen oder in Gruppen beieinanderstanden, angegriffen wurden. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Wasserwerfer mit kochend heißem Wasser ein.

Ein Video, das seit gestern im Internet kursiert ( CNN-Seite iReport und Seite Euronews), hat viele
Menschen im Iran schockiert. Laut Augenzeugen war eine junge Frau namens Neda mit ihrem Vater unterwegs, um die Proteste zu beobachten. Sie wurde von einem Heckenschützen - vermutlich einem Mitglied der Basiji-Milizen - mit einem gezielten Schuss ins Herz getötet. Ein Arzt, der nicht mehr helfen konnte, hat das Video im Internet hochgeladen. Neda gilt nun als das "offizielle" Gesicht der Protestbewegung. Auch deshalb, weil "Neda" übersetzt "Stimme" bedeutet.

Es gab unterschiedliche Berichte darüber, wer gegen die Demonstranten vorging: Laut einigen Augenzeugen waren es hauptsächlich Basij-Milizen, während sich die Polizei eher zurückhielt. Es gibt auch wieder Gerüchte über ausländische - arabische und afghanische - Hit-Teams.

Das iranische Staatsfernsehen machte am Sonntag bewaffnete „Terroristen" für die Unruhen verantwortlich. Am Samstag wurde ein Selbstmordattentat am Khomeini-Schrein mit einem Toten gemeldet, Oppositionelle bezweifelten den Wahrheitsgehalt der Meldung. Auch am Sonntag wurde ein Brand in einer Moschee gemeldet.

Der Führer der Protestbewegung, der bei den Wahlen offiziell unterlegene Mir-Hossein Mussavi, forderte in einem Kommuniqué die Sicherheitskräfte dazu auf, nicht gegen ihre Landsleute vorzugehen. Die Demonstranten, deren Kommunikationsmittel wie SMS und Handy immer wieder gestört sind, geben nun eine Internetzeitung namens Straße heraus.

Der große Abwesende bleibt Expräsident Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, der seit den Wahlen nicht mehr gesehen wurde. Er reagierte auch nicht auf die Rede Khameneis, in der ihn dieser vor Angriffen von Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad in Schutz genommen hatte. Rafsanjanis Tochter Faezeh wurde am Wochenende vorübergehend festgenommen. (red, guha, DER STANDARD, Prinausgabe, 22.6.2009)

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Links

BBC News: 'Ten killed' in Iran clashes - state TV

The New York Times: Violence Grips Tehran Amid Crackdown

Euronews: Jagdszenen in Teheran

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