Bei Kindergruppen wird der Sparstift angesetzt

21. Juni 2009, 21:39
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"Ein Schnellschuss vor der Wahl": Wiens elternverwaltete Kindergruppen sehen mit dem neuen Fördermodell einen Abbau von Betreuungsstandards kommen

Kindergärten sind nicht die einzige Möglichkeit, den Nachwuchs in außerfamiliäre Betreuung zu geben. Aus der deutschen "Kinderläden"-Bewegung entstanden, sind seit den 80ern und 90ern elternverwaltete Kindergruppen in ganz Wien und im restlichen Bundesgebiet – bis auf das Burgenland – aus dem Boden gesprossen, haben sich in Wohnungen und Häuser eingemietet, funktionieren als private, ja vertraute Betreuungseinrichtungen, die Maßstäbe an qualitativer Betreuungsarbeit vorgeben. Kleine Gruppen, die als Vereine geführt werden, mit engagierten BetreuuerInnen – und die Eltern bestimmen die Abläufe maßgeblich mit. Sie organisieren die gesamte Infrastruktur, kochen, putzen, verwalten, kassieren, reparieren, sind Obfrau/Obmann, SchriftführerInnen.

Doch jetzt ergeben sich auch für Wiens Kindergruppen im Zuge der Reformen im Kinderbetreuungsbereich neue Herausforderungen, die mit unter einfach nur Probleme sind, zum Teil existenzgefährdende. Es werde versucht, bei den Kindergruppen massiv den Sparstift anzusetzen, weil die immer schon als "elitär" verschrieen waren, meint Kinderbetreuuer Erwin Schürz, den Birgit Tombor für dieStandard.at zu den Hintergünden eines aufkeimenden Protests der Gruppen gegen die Polit-Pläne befragt hat.

Wiens Kindergruppen suchen aktuell die Öffentlichkeit. Ihr organisiert zum Beispiel am Montag auf dem Heldenplatz eine Veranstaltung, um zu informieren. Worüber?

Das neue Fördermodell, über das noch im Juni im Gemeinderat entschieden wird, sieht eine Förderung pro Kind vor. Wir befürchten, dass es dadurch bei den kleineren Kindergruppen finanziell enger wird und die Betreuungsstandards sinken. Kleine Gruppen haben nämlich den gewaltigen Vorteil: Die Betreuungsqualität ist um einiges höher, wenn auf eine/n Betreuer/in nur sieben Kinder kommen.

Bislang hat die Stadt Wien Eltern mit geringeren Einkommen stärker unterstützt, bei Höchstförderung lag ihr Beitrag für die Kindergruppen unter maximal 50 Euro pro Monat. Mit dem neuen Modell würde das für Einkommensschwache wie zum Beispiel AlleinerzieherInnen bedeuten, dass sie zwischen 80 und 170 Euro Selbstbehalt im Monat zahlen müssen. Die können sich die Gruppen dann einfach nicht mehr leisten.

Dafür sollen beim Grundbeitrag jetzt Krippenplätze um einiges höher gefördert werden. Eine Empfehlung vom Magistrat lautet deshalb auch, dass die Gruppen mehr Kleinkinder aufnehmen sollten, um die Beiträge leistbar zu halten. Der Betreuungsbeitrag unterscheidet bei den 0-3-Jährigen im Gegensatz zum Grundbeitrag nicht, ob das Kind ganz- oder halbtags in der Einrichtung betreut wird. Bei den Größeren wird das mitberechnet: Je kürzer das Kind in der Gruppe ist, desto weniger Fördergelder bekommt die Gruppe.

Beide Maßnahmen bedeuten: Je mehr 0-3-Jährige eine Gruppe hat, umso mehr kann sie künftig kassieren. Das passt aber nicht wirklich gut ins Konzept der Kindergruppe, weil die ja altersgemischt funktionieren und eine Balance hinsichtlich des Alters da wichtig wird. Kleinkinder haben einen anderen und höheren Betreuungsaufwand als Ältere.

Wie lautet eure Forderung?

Die Unterscheidung nach Gruppengrößen soll fallen. Das betrifft vor allem die Differenzen bei den Verwaltungspauschalen. Zur Zeit ist vorgesehen, dass kleine Gruppen 500 Euro im Monat bekommen, zu Trägern zusammengeschlossene – ab 50 – 1.000 Euro pro Gruppe erhalten, und ab 150 Gruppen – wie die Kinderfreunde – geht's dann um 1.500 Euro. Die Großen haben also pro Gruppe ein ganz anderes Budget. Was zu bedenken ist: Die "Verwaltungspauschale" führt in ihrer Bezeichnung in die Irre, da sie nicht für die Verwaltung genutzt wird. Die Eltern erledigen diese Aufgabe ehrenamtlich. Die Pauschale wird für die Kinderbetreuung eingesetzt, und nicht zu vergessen für die Mieten, die mit unter sehr hoch sein können. Eine Angleichung hier ist uns wichtig, damit die kleineren Gruppen nicht schlechter aussteigen. Jedes Kind sollte gleich gefördert werden. Jeder Träger, jede Betreuungseinrichtung sollte gleich gefördert werden.

Wenn das nicht geändert wird, werden die Kindergruppen gezwungen, sich größtmöglich zusammenzuschließen, um auf die fetten Fördertöpfe Zugriff zu haben. Viele Kindergruppen haben daran aber wenig Interesse, weil sie mit jetzigen Gruppengrößen, BetreuerInnen-Ausgaben und Mietpreis gut funktionieren. Diese Gruppen können ihren Elternbeitrag von 30 bis 50 Euro pro Monat halten. Bei einer neuen Trägerschaft müssten bestehende Mietverträge gekündigt und neu verhandelt werden, da der neue Träger als neuer Mieter gelten müsste. Und was das bei den Mietpreisen zur Zeit bedeutet – noch knapperes Budget, das überbleibt. Sie müssten stark einsparen, um überhaupt weiter existieren zu können.

Gibt es Vorschläge der politisch Verantwortlichen, wie sich die Gruppen "über Wasser halten" können?

Wie der Sparstift angesetzt werden kann, kann man sich beim Magistrat vorrechnen lassen. Ich war bei einer Durchrechnung dabei: Da werden massiv Betreuungsstunden gekürzt, von 80 auf 60 pro Woche. Was für ein BetreuuerInnen-Team von drei Leuten bedeutet, dass ein Posten wegfällt. Dann wurde auch gleich die Supervision weggekürzt, die eigentlich für alle Berufssparten, wo man mit Menschen arbeitet, fix sein sollte. Als drittes wurden die Ausgaben für Fort- und Weiterbildung gestrichen, die aber verpflichtend ist. Es scheint so, als sollen die durch das neue Modell aufgeworfenen Probleme am besten Kindergruppen-intern gelöst werden. Mit der neuen Förderung wird auch der jetzige Dachverband abgesägt, weil der dann keine Förderung mehr bekommt – wodurch er seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann, die einerseits die individuelle Aufteilung des großen Fördertopfes an die einzelnen Gruppen je nach Bedürfnissen ist. Andererseits hat er auch spezielle Weiterbildungsprogramme für die Kindergruppen-BetreuerInnen organisiert. Das wird es nicht mehr geben, das wird an die Volkshochschulen ausgelagert, nicht zuletzt weil's die günstiger anbieten.

Es scheint, als wolle man bei den Kindergruppen massiv den Sparstift ansetzen, weil die immer schon als "elitär" verschrieen waren – was ich als Humbug empfinde. Wenn Eltern eine ganz wichtige Phase ihrer Kinder begreifen und sich eine optimale Betreuung für sie suchen, ist das nicht elitär, sondern verantwortungsvoll. Ich würde es eher andersrum formulieren: Alle Betreuung, die nicht dem Standard einer Kindergruppe – der übrigens EU-weit empfohlen wird – entspricht, ist eigentlich unmenschlich. In Zukunft wird eine Betreuung, die auf Masse setzt, viel mehr Probleme aufwerfen als die jetztige kurzsichtige Reform ausbügeln kann. Ein Schnellschuss vor der Wahl.

Das Gratis-Kindergartenjahr hat einen integrationspolitischen Hintergrund, Stichwort sprachliche Entwicklung. Habt ihr denn viele Kinder mit Migrationsgeschichte?

Mittlerweile schon. Als ich vor fast zehn Jahren als Betreuer zu arbeiten begonnen habe, waren die Eltern, die Kindergruppen gesucht haben, fast immer mit deutscher Muttersprache. Das hat sich geändert, wir haben Kinder aus Holland, Belgien, Polen, Türkei, Mexiko, auch aus dem afrikanischen Raum. Das ist auch vom Bezirk abghängig, wo die Kindergruppen installiert sind. Ich arbeite im Zweiten, und da läuft es eher multikulturell.

Was rechnet ihr euch für Chancen aus, dass eure Förderungen in der Gemeinderatssitzung gehört werden?

Wir sind eigentlich sehr zuversichtlich, dass da noch etwas passiert, weil wir in letzter Zeit viel Medienarbeit betrieben haben. Der Dachverband und die Organisierenden haben eine PR-Firma engagiert, weil die Kindergruppen unter einem zeitlichen Druck gestanden sind. Und wenn etwas basisdemokratisch organisiert ist, wenn viele verschiedene Interessen zusammen kommen, das auch bedeuten kann, dass die sich gegenseitig blockieren – besonders bei Zeitdruck. So hat man das ausgelagert und die Sache schnell in Gang gebracht. (bto/dieStandard.at, 22.6.2009)

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Verein der Wiener elternverwalteten Kindergruppen
Der Dachverband vertritt zur Zeit an die 40 elternverwaltete Kindergruppen in Wien.

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  • Wiens elternverwaltete Kindergruppen sehen mit dem neuen Fördermodell eine Umverteilung von unten nach oben kommen: Da es keine Höchstförderungen für Einkommensschwache mehr geben wird, werden diese mit hohen Beiträgen konfrontiert, die sie letztlich dazu zwingen werden, ihre Kinder nicht mehr in Kindergruppen zu geben. Dabei ist das KiGru-Konzept laut Erwin Schürz auch deshalb so wertvoll, weil nicht nur die Kinder dabei lernen, sondern auch die Eltern.
    foto: erwin schürz

    Wiens elternverwaltete Kindergruppen sehen mit dem neuen Fördermodell eine Umverteilung von unten nach oben kommen: Da es keine Höchstförderungen für Einkommensschwache mehr geben wird, werden diese mit hohen Beiträgen konfrontiert, die sie letztlich dazu zwingen werden, ihre Kinder nicht mehr in Kindergruppen zu geben. Dabei ist das KiGru-Konzept laut Erwin Schürz auch deshalb so wertvoll, weil nicht nur die Kinder dabei lernen, sondern auch die Eltern.

  • Oder aber: Die Kindergruppen bauen Betreuungsstunden, Supervision und Weiterbildung ab, um den Beitrag noch leistbar gestalten zu können. Was bedeutet, dass die Qualität der Betreuung, die in den Gruppen vorbildhaft passiert, sinkt.
    foto: erwin schürz

    Oder aber: Die Kindergruppen bauen Betreuungsstunden, Supervision und Weiterbildung ab, um den Beitrag noch leistbar gestalten zu können. Was bedeutet, dass die Qualität der Betreuung, die in den Gruppen vorbildhaft passiert, sinkt.

  • Am Montag, dem 22. Juni veranstalteten die Kindergruppen eine Informations- und Protestaktion am Heldenplatz, um auf Ihre Anliegen hinzuweisen.
    foto: erwin schürz

    Am Montag, dem 22. Juni veranstalteten die Kindergruppen eine Informations- und Protestaktion am Heldenplatz, um auf Ihre Anliegen hinzuweisen.

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