Die Krise in der Krise, oder: Wie krank ist das System?

19. Juni 2009, 19:17
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Leidet der Kapitalismus nur an einem Blasenkatarrh, oder droht ihm der Infarkt? - Kommentar der anderen von Konrad Paul Liessmann

Leidet der Kapitalismus nur an einem Blasenkatarrh, oder droht ihm der Infarkt? Keiner weiß es, aber viele tun so, als könne man einen möglichen Herzfehler mit Vitaminpillen korrigieren. Das kann nicht gesund sein.

Vom deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel stammt die sinnige Bemerkung, dass man erst dann weiß, wann etwas begonnen hat, wenn es zu Ende ist. Die Menschen, die den Schwarzen Freitag des Jahres 1929 erlebten, wussten nicht, dass dies der Beginn eines der furchtbarsten Kapitel der neueren Geschichte war. Die Menschen, die im Jahre 2008 den Zusammenbruch traditionsreicher Banken und Automobilhersteller erleben, wissen nicht, welche Seite im Buch der Geschichte damit aufgeschlagen wird. Erst im Rückblick werden wir erkennen, ob überhaupt und in welcher Krise wir uns am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts befunden haben.

Diese Überlegung ist keine unnötige geschichtsphilosophische Spekulation. Denn sie zeigt, dass die Einschätzung der Lage und, davon abhängig, die Frage, was zu tun sei, selbst in hohem Maße Spekulation ist. Wann ist eine Krise eine Krise? Wenn die Börsenkurse abstürzen? Wenn das Wirtschaftswachstum zurückgeht? Wenn die Inflation steigt? Wenn die Arbeitslosenrate zunimmt? Wenn in Umfragen Angst und Zorn bekundet werden? Oder ist eine Krise erst eine Krise, wenn es politische Radikalisierung, Massendemonstrationen, Barrikaden, Streiks, Plünderungen, brennende Stadtviertel gibt?

Weil wir keine verlässlichen Indikatoren haben, um das Ausmaß und den Charakter der Krise festzustellen, haben wir auch keine wirklich plausiblen Theorien über die Ursachen dieser Krise. Insofern bietet die Krise tatsächlich jedem eine Chance: Jeder kann die Ursache dort sehen, wo es ihm gerade beliebt. Der unregulierte Finanzsektor, die Gier der Manager, die Gier der kleinen Anleger, die faulen Kredite der Amerikaner, der Kasinokapitalismus, eine falsche Industriepolitik, zu viel oder zu wenig Staat, zu viel oder zu wenig privat, das Versagen der Märkte oder der Eingriff in diese: Die Liste ließe sich fortsetzen und spiegelt doch nur die Interessen derjenigen wider, die sich mit der einen oder anderen Vermutung darauf setzen.

Sollte diese Krise tatsächlich gravierende soziale und politische Folgen haben, wird man noch in Jahrzehnten darüber streiten, was nun die tieferen Ursachen und die eigentlichen Auslöser waren; sollte diese Krise nach einer kurzen Rezession wieder zu einer Erholung der Wirtschaft und zur Fortsetzung des Üblichen führen, wird sie nicht viel mehr als eine Fußnote für die Diskurse der Zukunft abgeben.

Eine Krise, so legt es die Etymologie dieses Wortes nahe, ist eine Phase, in der sich die Dinge scheiden. Diese Bestimmung teilt die Krise mit der aus derselben Wurzel stammenden Kritik. Nur während wir in der Kritik Unterscheidungen vornehmen, werden wir in der Krise von Unterscheidungen getroffen. Krise ist vorab ein Synonym für Differenzerfahrungen. Es ändert sich etwas, und es steht zu erwarten, dass nachher nichts mehr so sein wird wie vorher. Verfolgt man den Krisendiskurs der letzten Monate, wird einem schnell klar, dass nicht einmal darüber Einigkeit herrscht, ob wenigstens diese Basisbestimmung der Realität entspricht. Versicherte man uns zuerst, dass es sich "nur" um die Krise des US-amerikanischen Finanzsektors handle, die kaum auf Europa übergreifen werde, sprach man nach der raschen Widerlegung dieser These durch die Wirklichkeit von einer fundamentalen System- und Strukturkrise, die nur durch eine grundsätzliche finanz- und gesellschaftspolitische Neuorientierung bewältigt werden könne, aber kaum erholten sich die Börsenkurse wieder, war die Talsohle der Krise auch schon durchschritten, von Systemkritik spricht nun fast niemand mehr. Dass diese Gläubigkeit an die Börse, dieses gebannte Starren auf das Verhalten der "Anleger", dieses Vertrauen in schon längst diskreditierte Bewertungsverfahren übrigens selbst ein Moment der Krise und nicht der Maßstab ihrer Bewältigung sein könnten, wird dabei schon nicht mehr wahrgenommen.

Was hat sich also so verändert, dass wir von einer Krise sprechen müssen? Konjunkturzyklen und damit verbundene steigende oder sinkende Zahlen von Arbeitslosen, platzende Spekulationsblasen, das Auf und Ab an den Börsen, Insolvenzen und Neugründungen von Unternehmen, stagnierende oder sinkende Wachstumsraten: All das gehört zum Alltag des Kapitalismus. Früher sagte man gerne, dass der Kapitalismus prinzipiell krisenanfällig ist, ja geradezu von diesen krisenhaften Zyklen lebt. So gesehen wäre die Krise des Kapitalismus keine Krise, sondern seine Normalität. In den letzten Jahren haben wird uns aber gerne einreden lassen, dass es gelungen sei, dieser Krisenanfälligkeit Herr zu werden, und dass die Normalität des Kapitalismus nun ein ständiges Wachstum sei, von dem alle, die einen mehr und schneller, die anderen langsamer und weniger profitieren.

Keiner von den renommierten Wirtschafts-, Trend- und Zukunftsforschern hat deshalb auch diese Krise kommen sehen. Sie gehörte nicht mehr zum Bild unserer Welt. Man könnte also auch sagen: Was jetzt geschieht, ist die Rückkehr zu einer vergessenen Normalität. Und diese erleben wir paradoxerweise als Krise.

Diese Rückkehr zur "Normalität" zeigt sich in vielen Bereichen der Gesellschaft. Krisen, wenn es welche sind, holen die Fiktionen und Illusionen einer Gesellschaft zurück auf den Boden der Realität. Dafür muss man den Blick schärfen. Jetzt zeigt sich: Ohne Staat, das heißt ohne politische Entscheidungen, geht nichts. Egal, was man den Märkten alles zutraut und wie man die Ursachen der Krise definiert: Dass der Ausweg nur über staatliche Interventionen, Garantien und Bürgschaften führen kann, war bald klar. Wie schnell sich allerdings die ehemaligen Propagandisten der freien Märkte nun bei dem lange lächerlich gemachten Staat um Aushilfszahlungen, ja sogar um Teilverstaatlichungen anstellten, ist einigermaßen verdächtig. Wer so schnell seine Gesinnung ändert, hatte offenbar gar keine – oder er ändert sie gar nicht, sondern holt sich nur, wo es etwas zu holen gibt.

Die beliebte These, dass nun der Staat – also die verpönte öffentliche Hand – einspringen soll, um zu retten, was zu retten ist, um dann, wenn die Krise vorbei ist, sich vornehm und ausgeblutet zurückzuziehen, um dem privaten Gewinnstreben wieder das Feld zu überlassen, ist nicht nur ein wenig frivol, sondern zeugt vor allem davon, dass wir von einer wirklichen Renaissance des Politischen und einer damit verbundenen Neutralisierung des Primats der Ökonomie noch weit entfernt sind.

Eher drängt sich manchmal die Vermutung auf, dass die Krise bewusst auch beschworen wurde, um mit ihrer Hilfe das zu bekommen, was ohne Krise nur schwer möglich gewesen wäre. Erst jetzt sind Massenentlassungen kein Problem mehr, denn wer wollte in einer schweren Krise noch überzogene Forderungen stellen? Natürlich hat jede Krise disziplinierende Wirkung, und manche Rede zur Krise kann ihre Nähe zur barocken Predigt auch nicht verleugnen.

Die Rückkehr zur "Normalität" zeigt sich aber auch darin, dass auch die "virtuelle" Ökonomie hart auf dem Boden der Wirklichkeit gelandet ist. Es ist noch immer die Irritation der Realwirtschaft und dort in erster Linie die klassische industrielle Produktion, die den Maßstab für die Tiefe der Krise abgibt und wo auch die die schärfsten sozialen Auswirkungen zu spüren sind.

Von der Wissensgesellschaft sind wir in der Krise weiter entfernt denn je; und wäre es nicht so traurig, dann könnte man auch darüber staunen, dass gerade auch von Unternehmerseite, die sich ja schon ständig in der Zukunft wähnte, nun Krisenbewältigungsvorschläge kommen, die ganz an den frühkapitalistischen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts orientiert sind: Lohnverzicht und Arbeitszeitverlängerung bei gleichzeitiger realer Kurzarbeit und Massenarbeitslosigkeit. Es mag schon stimmen, dass nur durch solche Maßnahmen kurz- oder mittelfristig die Wirtschaft wieder in Schwung kommen kann; aber man muss das weder ein zukunftsorientiertes Konzept noch eine postindustrielle Gesellschaft nennen.

Auf den Boden der Realität zurückgeholt wurde aber auch die gesamte Leitbildideologie der letzten Jahre. Galten bis vor kurzem der "Manager" und das "Unternehmen" noch so sehr als Modelle für alle Lebensbereiche, dass Professoren zu Wissensmanagern und Museumsdirektoren zu CEOs avancierten, und man nicht nur öffentliche Institutionen, Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und Kirchen, sondern die "res publica" insgesamt am liebsten als "Unternehmen" gesehen hätte, das nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten gewinnorientiert zu führen war, sind diese Denkmuster nun einigermaßen ramponiert.

Galt vor kurzem der Satz: "In der Privatwirtschaft wäre dies nicht möglich" als schlechterdings unwiderlegbares universales Argument, weiß man mittlerweile, was in der Privatwirtschaft so alles möglich ist. Das bedeutet nicht, dass man zu alten, antiquierten Leitbildern bürokratischer Herrschaft zurückkehren muss; aber die Einsicht, dass es für verschiedene Tätigkeiten auch verschiedene Anforderungen gibt, die nicht alle im Modell des Managers oder Unternehmens Platz haben, könnte die Krise schon mit sich bringen. Und angesichts dessen, was in letzter Zeit an Spitzenmanagern zu sehen war, gewinnt das Bild des unbestechlichen Beamten doch wieder etwas an Charme.

Wenn die Krise eine Krise ist, dann wären auch die Werte in der Krise, die unserem bisherigen Denken und Handeln zugrunde liegen. Stimmt es, so müsste man fragen, dass unter den Bedingungen des Marktes private Laster – Gier, Neid, Rücksichtslosigkeit, Arroganz – tatsächlich stets zu öffentlichen Tugenden werden? Stimmt es, dass Wettbewerb, Effizienz, Wachstum und Gewinnstreben solch zentrale Werte sind, dass sie alle Lebens- bereiche durchdringen müssen? Brauchen wir nicht auch andere, vielleicht sogar ganz neue Werte?

Aber Vorsicht: Die Konzeption moralischer Werte ist selbst eine Anleihe aus der Ökonomie, die erst im 19. Jahrhundert vorgenommen wurde und einen eindeutigen Sinn hatte: Die moralischen Regeln, Imperative, Maximen und Tugenden, die verbindlich gedacht waren, sollten dem freien Spiel der subjektiven Präferenzen überantwortet werden. Denn wie in der Ökonomie drücken Werte in erster Linie subjektive Wertschätzungen aus, die sich jederzeit ändern können. Es liegt in der Natur der Werte, dass sie stets abgewertet, aufgewertet und umgewertet werden können. Wertvoll sind Dinge oder Eigenschaften, die man entweder selbst gerne hätte, oder von denen man nicht will, dass andere sie haben. Der Ruf nach "neuen Werten" ist so in erster Linie ein Indikator für sich verändernde Präferenzen, er konstituiert keine neue Moral. Deshalb funktioniert der Markt auch im Bereich der Werte ziemlich gut, weil er uns signalisiert, was uns unsere Werte tatsächlich wert sind, und welche Werte unserem Handeln tatsächlich zugrunde liegen – es sind in der Regel nicht die Werte der Sonntagsreden.

Anbei: Der Markt selbst braucht natürlich keine Moral, außer einer: der Zahlungsmoral. Und wenn es stimmte, dass die "Gier" ein entscheidendes Motiv dieser Krise ist, dann benötigte man zu deren Korrektur keine neuen Werte, sondern es genügte die Erinnerung an das antike Ideal des rechten Maßes.

Es geht nicht darum, das Streben des Menschen nach Glück und Erfolg, Geld und Gewinn zu denunzieren, sondern jenen Moment zu erkennen, in dem dieses Streben übermäßig und deshalb kontraproduktiv werden kann. Was wir vielleicht wirklich verloren haben, ist die Sensibilität dafür, was in bestimmten Situationen tatsächlich noch angemessen oder eben unangemessen ist. Und wir haben keinen Begriff mehr davon, dass etwas auch an eine Grenze kommen kann, anders formuliert: dass etwas gelingen kann. Wer nur das "Immer weiter" und das "Immer mehr" kennt, verliert letztlich auch die Fähigkeit zum Genuss – denn dazu bedarf es eines Innehaltens. In seinem Innersten ist der Kapitalismus nach wie vor eine asketische Religion.

Die Unsicherheit, wie wir die Gegenwart verstehen sollen, drückt sich in letzter Instanz aber in unserem Verhalten aus. Würde diese Krise tatsächlich an die Wurzeln unseres Systems reichen – was noch nicht ausgeschlossen werden kann -, müssten wir versuchen, mit einer prinzipiellen Kritik des Kapitalismus darauf zu reagieren. Die Geschichte hat uns aber in dieser Hinsicht die Hände gebunden. Die furchtbaren Erfahrungen, die die Menschheit mit allen Versuchen, den Kapitalismus zu überwinden, gemacht hat, erlauben es uns nicht mehr, blauäugig an einer großen Alternative zu basteln, obwohl sie natürlich denkmöglich wäre. Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz, auch wenn das manche seiner Apologeten gerne so sehen würden – und sich wegen des Scheiterns realsozialistischer Experimente die Lektüre von Marx zu ersparen ist nicht besonders klug. Aber am historischen Horizont zeichnet sich keine Perspektive einer Überwindung des Kapitalismus ab. Realistischer wäre unter der Annahme einer fundamentalen Systemkrise der Versuch, jene Balancen zwischen privaten Interessen und öffentlichem Wohl, zwischen Markt und Staat, zwischen individueller Freiheit und sozialer Sicherheit, zwischen schrankenloser Gier und verantwortungsbewusster Mäßigung wieder zu finden oder überhaupt erst herzustellen, an denen es offenbar mangelt.

Gerade jetzt wäre es Zeit, Modelle zu entwickeln, die zumindest die Folgen der Krise erträglicher machen und die Lasten und Kosten gleichmäßiger verteilen, wenn die Krisen schon nicht vermieden werden können. Deshalb wäre es richtig, über ein generelles Grundeinkommen und seine Finanzierungsmöglichkeiten, über einen neuen Arbeitsbegriff, der den sozialen und technologischen Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft gerecht wird und den Faktor Arbeit steuerlich entlastet, über eine Tobin- und Maschinensteuer, über Reformen des globalen Finanz- und Kreditwesens, über das Geld und die Möglichkeiten komplementärer Währungen, über das Verhältnis von Entscheidungsmacht und Verantwortung wenigstens vorurteilsfrei nachzudenken.

Kaum eine der aktuell formulierten Ideen und Maßnahmen geht in diese Richtung. Was getan wird, sind vielleicht notwendige Ad-hoc-Aktionen, die alle darauf schließen lassen, dass das System im Prinzip nicht infrage gestellt wird. Nicht einmal den offenkundigsten Exzessen auf den Finanzmärkten, die diese Krise sichtbar werden ließen und deren Beseitigung und Bändigung das System ohnehin nicht entscheidend beeinträchtigen würden, wurde bislang Einhalt geboten. Weiter wird nicht gedacht.

Offenbar ist die Krise in den Köpfen noch nicht wirklich angekommen. Oder aber – und dieser Eindruck drängt sich mitunter auf – die Krise ist gar keine Krise. Dann aber ist die Krise in der Krise.

Zur Person

Konrad Paul Liessmann, geb. 1953, ist Professor für Philosophie an der Universität Wien, Essayist und Literaturkritiker; 2006 war er österreichischer "Wissenschafter des Jahres"; zuletzt erschienen: "Theorie der Unbildung", "Zukunft kommt" (Piper/Styria)

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    Konrad Paul Liessmann: Von welcher "Krise" reden wir eigentlich?

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