Die Rede Khameneis: Trotzkis Umarmung

19. Juni 2009, 19:11
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Es wird Mussavi nicht leichtfallen, den Protest weiterzuführen

Nach der Rede des religiösen Führers steht die iranische Protestbewegung am Scheideweg. Denn Ali Khamenei stellte mit aller rhetorischen Wucht die Fronten klar: das iranische „Wir" auf der einen Seite - zu dem durchaus auch die Antiregierungsdemonstranten gehören -, die „fremden Mächte", die dem Land Böses wollen, auf der anderen. Es ist dies ein Versuch, das System, wie es ist, zu retten, eine Kohabitation der verschiedenen Gruppen wiederherzustellen, indem die verirrten Schafe zur Rückkehr zur Herde eingeladen werden.

Wenn sie die Einladung ausschlagen, dann stellen sie sich außerhalb des Systems: mit allen Folgen für sich selbst - und für das System, das nach dem Zerbrechen des Mythos eines nationalen Konsenses neugestaltet werden müsste.
Bei allen impliziten Drohungen: Khamenei kam seinen Gegnern so weit entgegen, dass er Expräsident Ali Akbar Hashemi Rafsanjani - gegen dessen Kinder noch am Tag zuvor ein Reiseverbot ausgesprochen worden war - lobend würdigte und Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad für dessen Angriffe auf Rafsanjani tadelte. Der Kampf um die Präsidentschaft zwischen Ahmadi-Nejad und Mir-Hossein Mussavi, der Identifikationsfigur des Protests, wird ja meist als Stellvertreterkonflikt für jenen zwischen Khamenei und Rafsanjani gesehen. Stalin und Trotzki à la iranienne - und die Frage, ob Rafsanjani wie Trotzki enden könnte. Vorerst einmal wurde er jedoch öffentlich umarmt.
Es wird Mussavi nicht leichtfallen, den Protest weiterzuführen. Man sollte sich nicht wundern, wenn er es nicht tut. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.6.2009)

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