Rittlings auf der Grenze zwischen Geist und Tat

19. Juni 2009, 18:58
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Erinnerung an Ralf Dahrendorf (1929-2009) - von Volker Kier

Innezuhalten und den Versuch zu wagen, sich von Ralf Dahrendorf zu verabschieden, ist bedrückend und befreiend zugleich. Es ist das Aufspüren erster eigener Annäherungen an ein geistiges Universum redlicher Offenheit und mutigen Engagements.

Die Tür, durch die ich in den späten 1960ern und frühen 1970ern die beklemmende Enge der österreichischen Provinzialität verlassen sollte, hatte mir Karl-Hermann Flachs Streitschrift Noch eine Chance für die Liberalen einen Spalt breit geöffnet. Da gab es doch tatsächlich politische Menschen, die sich einer gelebten Demokratie verpflichtet hatten. Als mir dann Ralf Dahrendorf in seinen Schriften begegnete, war ich endgültig - ohne es damals mit diesen Worten benennen zu können - in einer "Welt der angewandten Aufklärung" angekommen.

Vorbild und Orientierung

Da gab es doch tatsächlich eine demokratische republikanische Öffentlichkeit, wo Konflikte klar benannt und offen ausgetragen werden konnten, ohne dabei die Integrität anderer zu verletzen. Konsens zu suchen war mit einem Mal nicht mehr nur hinter sozialpartnerschaftlichen Polstertüren möglich und legitim.

Sich in dieser paternalistischen Republik Österreich dem politischen Liberalismus zuzuwenden war plötzlich vorstellbar und eine reale Möglichkeit geworden. Es war einfach nicht richtig und schon gar nicht unausweichlich, die politische Teilhabe am Geschäft des "wohlwollenden Staates" widerstandslos der Obrigkeit zu überlassen. Eine offene Gesellschaft ist vital auf transparente Entscheidungsprozesse angewiesen, sich dafür einzusetzen möglich, legitim, unverzichtbar.

Zu lernen gab es viel: Wie politische Freiheit erhalten, sozialer Zusammenhalt gewährleistet, die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftens ermöglicht und die Demokratie verteidigt werden, sind Fragen die jede und jeden angehen. Gestern, heute und morgen. "In meinen Haltungen und Meinungen ... bin ich entschieden modern, allerdings klassisch modern, Immanuel Kant, Adam Smith, den Autoren der Federalist Papers und anderen des aufgeklärten, liberalen 18. Jahrhunderts verpflichtet." (Ralf Dahrendorf: Über Grenzen).

Damit war eine Geisteswelt erschlossen, die in Österreich weder Tradition noch Ansehen hatte. Ein Fundus an Nachdenklichkeit und Anregungen. Ein Lückenschluss für das eigene historische Bewusstsein - abseits von Habsburg-Nostalgie und Gegenreformation. Eine "Anleitung" zum unverdrossenen Selber-Denken. Eine Abkehr vom Grundsatz, es möge alles so bleiben, wie es ist, nur ein bisserl mehr vielleicht.

Unvergessen ist mir seine Vorsitzführung im Kuratorium des Institutes für eine offene Gesellschaft. Auf diese Weise eine persönliche Beziehung des Disputes leben zu können war einer der Glücksfälle meines politischen Lebens. Dass er sich im IOGE engagierte, zeigt auf, dass ihm als Europäer Österreich und natürlich ganz besonders die Entfaltung liberalen Gedankengutes in unserer Republik am Herzen lag.

Dahrendorf war für viele - und wird dies wohl lange bleiben - Vorbild und Orientierung. Seine Fragen bleiben gültig, die Antworten müssen stets aufs Neue erstritten werden. Wie eine Ermutigung klingen Passagen seiner Dankesrede anlässlich der Überreichung des Preises der Schrader-Stiftung (sie fördert den Dialog zwischen Gesellschaftswissenschaften und Praxis) am 7. Mai 2009:

"Um das Regime der Philosophen-Könige zu verhindern, bin ich bereit, auf die Barrikaden zu gehen. Aber zwischen den Philosophen und den Königen ist Raum für eine eigene Kategorie. Auf Englisch nenne ich sie "straddler", denn sie sitzen rittlings auf der Grenze zwischen Geist und Tat. Die Grenze ist wichtig. Man soll sie nicht verwischen. Aber es ist gut, in einem Land zu leben, in dem es Menschen gibt, die sozusagen als Tagespendler die Grenze mal in diese, mal in jene Richtung überschreiten. (...) Ich bin ein "staddler", den die Überzeugung nicht verlassen hat, dass wir die menschlichen Dinge mit immer neuen Versuchen - und Irrtümern - voranbringen können. Opportunity und Diversity, Chancen für alle in der bunten Vielfalt des Daseins: So etwas schwebt mir vor."

Das ist mehr als ein Kompass, es ist für Liberale Verpflichtung und Ansporn zugleich, nicht müde zu werden im Kampf für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.(Lord Dahrendorf 1968 bei seinem legendären Streit- gespräch mit Rudi Dutschke
am FDP-Parteitag in Freiburg. (Volker Kier/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 6. 2009)

 

Volker Kier, ehemals NR-Abgeordneter des Liberalen Forums und Mitglied im IOEG-Kuratorium, ist Unternehmensberater in Wien.

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    Lord Dahrendorf 1968 bei seinem legendären Streitgespräch mit Rudi Dutschke am FDP-Parteitag in Freiburg.

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