Feen ohne Sommerzeit

19. Juni 2009, 19:00
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Die Roma von Prilep sind Integrations-Meister und führen Jahrhunderte und Religionen zusammen

Viele kennen die Meidlinger Hauptstraße in Wien so gut wie den Marschall Tito Boulevard in ihrer mazedonischen Heimatstadt.

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Auf dem Gipsgeländer der Veranda sitzen goldene Löwen, die das schönste Haus im Roma-Viertel in Prilep bewachen. Am Fenstersims steht ein kleiner indischer Gott, daneben ein Gartenzwerg, ein rosa Vorhang weht launig am Fenster. Vor dem Haus stehen Denis, Ayhan und ein paar andere junge Männer in Trainingsanzügen, ihre Goldketterln blitzen. Sie stecken die Köpfe zusammen und staunen laut: "Aus Wien bist? Echt? Welcher Bezirk bist du?"

Ayhan hat im zwölften Bezirk gelebt: "Kennst du Meidlinger Hauptstraße?" Aber er mag auch den Zehnten gern. Bevor er vor einem Jahr nach Prilep zurückgekommen ist, um hier als Polizist zu arbeiten, hat er drei Jahre lang in der Wiener Schnellbahn geputzt und nach der Arbeit im Zehnten seine Bizepse trainiert. Das tut Ayhan auch in Prilep, nur heute nicht, denn heute gehen die Roma auf die Dabnica Planina, einen Berg über der Stadt, um Djurdjevdan, den Tag des Heiligen Georg, zu feiern. Von den Roma in Zentralmazedonien wird der Sommer auf diese Weise herzlicher willkommen geheißen als sonst wo auf der Welt.

Ayhan und Denis gehören der größten Minderheit in Europa an. Wahrscheinlich schon seit dem 10. Jahrhundert - möglicherweise wegen einer Hungersnot - wanderten verschiedene Volksgruppen aus dem Nordwesten von Indien nach Persien aus und gelangten ab dem 14. Jahrhundert nach Nordafrika und Europa. Durch die Sprache der Roma, Romanes genannt, kann man den Weg der Migration grob erschließen.

Romanes ist verwandt mit dem Sanskrit, der "heiligen" Sprache der Hindus, hat sich aber seit 800 Jahren unabhängig davon entwickelt. Viele armenische und griechische Lehnwörter lassen vermuten, dass sich die Roma auf ihrer Reise nach Europa längere Zeit in Armenien und im byzantinischen Reich aufhielten.

Während sie aufgrund ihrer handwerklichen Fähigkeiten auf dem Balkan zunächst sehr willkommen waren, wurden sie in Mitteleuropa schnell zu Sündenböcken gemacht und waren seit dem 16. Jahrhundert fortwährend Verfolgungen und Vertreibungen ausgesetzt. Auf dem Balkan, wo der Islam vorherrschte, war man hingegen toleranter. Die Roma leben hier bereits seit vielen Jahrhunderten ortsfest. In Prilep nennen sie sich "Arlije", ein Ausdruck, der laut dem Wiener Romaforscher Mozes Heinschink vom türkischen "yerli" kommt, was so viel heißt wie "einem Platz zugehörig".

Auf Ayhans Kappe steht "Che Guevara". Er grinst keck, zieht sein T-Shirt an der rechten Hüfte hoch, sodass eine schwarze Pistole zu sehen ist. Auf seinem Leiberl, das schwarz und grün gefleckt ist, klebt ein Abzeichen, auf dem "Policija" steht. Der Weg auf den Berg führt an Steinen mit schwarzen und grünen Flechten vorbei. Die jungen Haselnussblätter glänzen in der Mittagssonne. Ayhan klettert auf den größten der Felsen, die hier eiförmig auf Steinflächen herumliegen. Er stellt sich ganz an den Rand des riesigen Granit-Eis, hebt seinen Arm und zerreißt die Ruhe auf der Alm mit einem Schuss aus seiner Pistole.

"Gemma, nächste Baustelle"

"Gemma, nächste Baustelle", sagt er dann knapp. Er weiß, wie man in Wien sagt, wenn es Zeit zum Aufbruch ist. Und viele Roma in Prilep verstehen ihn, weil sie selbst als Gastarbeiter in Wien gelebt haben. Die nächste "Baustelle" ist eine Wiese mit weißen, gelben und violetten Blumen und Hummeln, genannt Samovilec, der Ort der Feen, an dem ein paar Esel grasen. Darüber türmen sich abstrakte Felsgesichter, meterhohe Steinköpfe schachteln sich übereinander.

Zum Heiligen Georgstag, so glauben die Roma, kommen drei Feen hierher. Die erste Fee kommt aus der Kirche Sveta Bogorodica vom gegenüberliegenden Berg: Es ist die Heilige Maria von den Christen. Die zweite Fee ist aus einer Kirche aus dem Ort Prisad, es handelt sich ebenfalls um Maria, erklärt Indiran, die zu Djurdjevdan - in osmanischer Tradition Ederlezi genannt - extra aus Mannheim angereist ist, wo sie seit vielen Jahren lebt. Den Namen der dritten Fee kenne man nicht.

In Indirans Herkunftsfamilie wird Ederlezi nicht gefeiert, weil das Fest zu wenig "muslimisch" sei, erzählt sie. Tatsächlich werden zu Ederlezi Geschichten aus verschiedenen Religionen vermischt. "Jeder kommt mit seinem eigenen Glauben, aber alle mit dem gleichen Gott", erklärt Indiran. Und niemand wird missioniert. Der Absolutheitsanspruch einer Religion hat bei dem Fest nichts verloren. Die Roma sagen etwa nicht zu den Christen: Du sollst unseren Glauben haben. "Wenn wir zu Mutter Maria nach Sveta Bogorodica gehen und ihr unsere Probleme sagen, dann bleiben wir ja auch Muslime", erklärt die 44-Jährige mit dem lachenden, runden Gesicht. Die Religionszugehörigkeit der Roma hängt in hohem Maß von der umgebenden Mehrheitsreligion ab. Muslimische Roma leben in der Türkei, Mazedonien, Bulgarien und Albanien. Sie zeugen damit auch von der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft auf dem Balkan. Die Roma in Prilep sprechen neben Romanes, Mazedonisch und Serbisch deshalb auch bevorzugt Türkisch.

Auch Evgenia und Marija, zwei orthodox-christliche Mazedonierinnen, sind auf den Berg der Feen gepilgert. Vor dem Becken zwischen Steinen, in dem sich Wasser gesammelt hat, steht ein Glas mit Wiesenblumen, daneben liegt ein Bündel dünne gelbe Kerzen. Evgenia hat das Hemd ihres achtjährigen Sohnes vor die Quelle an einen Stein gehängt. Sie hofft, dass die Feen ihm helfen werden und er endlich zu sprechen beginnt. Marija betet, dass ihre Migräne vergeht.

Die christlich-orthodoxen Mazedonier feiern am 5. Mai den Heiligen Georg, einen Märtyrer, der mit seiner Lanze Drachen tötet. Für die muslimischen Roma ist Georg al Hadr, ein islamischer Heiliger, genannt der "Grüne", der aus einer Quelle das ewige Leben schöpfte. In Palästina und der Türkei wurde der Heilige Georg bzw. al Hadr auch mit dem Propheten Elias und dem samaritanischen Priester Pinehas verschmolzen, es entstand eine einzigartige religiöse "Kompositfigur", die in allen drei monotheistischen Religionen zuhause ist und alle verbindet. Das Wort Ederlezi setzt sich etwa aus Elias und al Hadr zusammen. Die Roma, die in allen Kulturen und Religionen zuhause sind, konnten die verschiedenen Ederlezi-Traditionen zu einem Eigenen vereinen. Auf dem Balkan und in der Türkei feiern sie den Georgstag am ausgiebigsten, aber weil sich auch alle anderen darin wiederfinden können, feiern sie gerne mit den Roma mit.

Iso, der Hodscha, der islamische Religionslehrer der Roma in Prilep, erklärt sogar, dass al Hadr der Grüne ursprünglich Buddha gewesen sei, der sieben Jahre unter einem Baum saß, bis er zur Erleuchtung kam, und um den, wohin er auch ging, alles zu ergrünen begann. "Der Koran ist nur das Dach für alle anderen Religionen", erklärt er. Und auch für den Ritus um Djurdjevdan. Die Roma kommen an den Ort der Feen, um aus einer Quelle zu trinken, die in ihrem Glauben in dieser Nacht mit "heiligem" Wasser gefüllt wird.

Iso hebt die Hände und flüstert Gebete, während ein anderer Mann den Kopf eines Schafs zurückhält und die Kehle durchschneidet, das Blut fließt hellrot bis vor die Quelle. Die Schafe wurden von Roma, die im Ausland leben, gespendet. Das Geld kommt aus der Schweiz, Österreich und den USA. Deshalb heißen auch die Blechhütten auf dem Berg der Feen: Schwejzarija, Austrija und Amerika.

Iso will das letzte Mal in Prilep Djurdjevdan feiern, weil er zu seinem Sohn nach New York ziehen wird. In der Bronx leben etwa 2000 Roma aus Prilep. Dort möchte er sterben. Iso war sein Leben lang Gastarbeiter. In den Siebziger- und Achtzigerjahren lebte er in Österreich. "Zwanzigster, Rauscherstraße, kennst du?", fragt der braungebrannte Hodscha mit den dicken Händen. "Am liebsten war ich im Zweiten", erinnert er sich. "Praterstern halt. Wegen den Weibern", erklärt er. Isos weiße Bartstoppeln lächeln mit.

Ein junger Mann klopft rhythmisch auf eine Regentonne. Andere Burschen legen ihre Hände auf die Schultern ihres Nachbarn: zwei Schritte rechts, einer zurück. Alle singen. Oben vom Felsen aus, sieht der Kreistanz aus wie ein Ring aus dunklen Köpfen, der sich langsam dreht. Darunter ist das Tal zu sehen. Die Schafe hängen gehäutet an den Blechhütten, Männer und Esel schleppen Brennholz vom Berg. Rund um die Quelle flackern immer mehr Feuer auf. Jugendliche bauen sich mit Plastikplanen und Zweigen Höhlen zwischen den Felsen, in denen sie schlafen werden. Wer eine Pistole besitzt, steht hier im Mittelpunkt. Und wer schießt, bekommt anerkennende Blicke.

Demo organisiert seit 40 Jahren das Fest Ederlezi am Berg der Feen. Warum hier alle herumschießen? "Die Feen müssen auf uns aufmerksam gemacht werden", erklärt er. Kurz vor Mitternacht wird das Blechtor vor der Quelle geschlossen. Dann würden die Feen kommen und in dem Wasser baden. "Sie holen das Wasser aus 25 Meter Tiefe herauf. Es ist das Signal, dass der Sommer da ist", erläutert Demo. Wenn die Menschen davon trinken, würden ihre Wünsche erfüllt: Sie bekämen etwa ein Kind oder würden gesund.

Sejdije ruft zum Essen. Menschenschlangen bilden sich vor den riesigen Töpfen mit Bohnensuppe und Lammfleisch, das in Blechteller verteilt wird. Die Frau mit dem langen weichen schwarzen Rock regiert wie eine Königin in der Blechhütte "Austrija". Der soziale Zusammenhalt einer Romagemeinschaft basiert auf der Großfamilie und dem Zusammenschluss von Großfamilien. So einem Verband steht ein Ältester vor, manchmal sind das auch Frauen.

Der Innenraum der Hütte ist mit Karton ausgekleidet. Am Boden liegen Teppiche, es gibt Tee und Kuchen. Die Nacht ist kalt am Berg. Die Frauen haben jetzt ihre Schuhe ausgezogen und liegen vor dem Eisenofen, in den ab und zu ein Holzzweig geworfen wird. Sejdije erklärt, dass das Wasser zu Djurdjevdan am meisten Kraft habe. "Aber wer ein unehrliches Herz hat, dem helfen auch die Feen nicht", warnt sie. Wichtig sei, richtig zu beten. Wenn man etwa einen Partner suche, müsse man sagen: "Dieses Jahr komme ich allein. Dieses Jahr komme ich allein. Nächstes Jahr komme ich zu zweit." Dann müsse man das Gesicht mit dem heiligen Wasser waschen. Das helfe dagegen, dass bei manchen Leuten "das Glück zugeschlossen ist", erläutert Sejdije.

Es ist Mitternacht, draußen sind Schüsse zu hören. Ob es nicht Zeit ist, zur Quelle zu gehen? Die Feen müssten doch schon da gewesen sein. "Aber nein. Jetzt noch nicht, erst in einer Stunde", erklärt Sejdije beinahe bemutternd. "Die Feen kennen doch keine Sommerzeit." Selbstverständlich richten sich Sejdije und die anderen Roma danach. Erst gegen ein Uhr in der Nacht bildet sich vor der Quelle eine lange Menschenschlange. Die Musik zum Ritual kommt aus den Handys. Nachdem das Tor zur Quelle geöffnet wurde, füllen die Menschen ihre Plastikflaschen mit Wasser. Um sechs Uhr am nächsten Morgen steigen sie wieder den Berg herab.

Die Roma hier leben nach der gleichen Zeitrechnung wie alle anderen Europäer. Und dennoch leben sie auch in einer Zeit vor der Aufklärung, in der Feen entscheiden, ob jemand gesund wird oder krank bleibt oder jemand zu sprechen beginnt. Sie leben in einer Zeit der Ehrfurcht vor Geistern.

Leben vom Tabakanbau

Unten im Tal sprießen hellgrüne glatte Blätter aus der dunklen Erde. Die meisten verdienen ihr Geld hier mit Tabakanbau. 250 Dinar, ein bisschen mehr als vier Euro, bekommt man für das Kilo. Ein Feld kann man um 50 Euro pachten. Ohne Maschinen muss man sich ein halbes Jahr lang täglich bücken, um die Pflanzen zu pflegen. Sejdije arbeitet etwa in der Tabakfirma Tutuski Kombinat. Ihr Rücken schmerzt sie meistens.

In Mazedonien liegt die Arbeitslosigkeit bei 35 Prozent, unter den Roma ist sie noch höher. Nur die Schattenwirtschaft sichert das Überleben. "Ab Jänner müssen alle, die kein Gewerbe haben und erwischt werden, 50 Euro Strafe zahlen und 24 Tage für den Staat arbeiten", empört sich Indiran. "Wie soll das gehen? Wenn ein Arbeiter hier für fünf Euro am Tag arbeitet, dann kann er nicht auch noch Steuern zahlen." Legale Arbeit gebe es immer weniger, die Unternehmen aus jugoslawischer Zeit seien fast alle eingegangen: "Die Marmorfabrik Mermeren, die Druckerei '11. Oktober', der Schlachthof , nicht einmal eine Kaserne haben wir mehr."

Während sich die Lebensbedingungen für viele Roma allein durch die wirtschaftlichen Transformationsprozesse der letzten 20 Jahre in Südosteuropa verschlechtert haben, kam es während der Balkankriege in Bosnien zu einer zusätzlichen Ethnisierung, der auch die Roma zum Opfer fielen. Im Kosovo wurden während des Krieges ganze Romasiedlungen niedergebrannt. Mazedonien und Montenegro blieben hingegen vom Krieg verschont. Hier riecht es nicht nach Elend und Gewalt.

In dem Viertel am nordöstlichen Rand der Stadt mit den kleinen Vorgärten hinter hübsch geschmiedeten Toren wächst Flieder. Die Veranden sind gekehrt. Ein Mann fährt mit einem Rollstuhl vorbei. Menschen tratschen vor Geschäften und Cafés. Das Roma-Viertel in Prilep ist nicht mit Ghettos in der Slowakei zu vergleichen.

Dass Romakinder wie in Mittelosteuropa praktisch ausnahmslos in Sonderschulen abgeschoben werden und rechtsextreme Gruppen Anti-Roma-Kundgebungen organisieren, oder dass es wie in Italien seit 2007 vermehrt zu Zwangsvertreibungen kommt, ist in Mazedonien nicht vorstellbar. Das hat auch mit der Zeit vor dem Zusammenbruch des Kommunismus zu tun. Im ehemaligen Jugoslawien hatten die Roma vergleichsweise gute Bildungs- und Arbeitschancen. In Bulgarien waren sie schon während des Kommunismus stärker von Armut betroffen. "Früher gab es Beleidigungen", erzählt Indiran, "aber heute nicht mehr, weil alle Roma in die Schule gehen." Heute gebe es auch mehr Mischehen. So wie viele andere Mazedonier leben auch die Roma von dem Geld jener Familienangehörigen, die als Gastarbeiter im Ausland sind. Von den 20 Euro Sozialhilfe im Monat kann man höchstens das Brot bezahlen.

Hierzulande würde man die mazedonischen Roma als "integriert" bezeichnen. Sie werden von der Mehrheitsgesellschaft nicht vorrangig als "andere" gesehen. Und deshalb sind sie es auch nicht. Sie selbst haben auch die Mehrheitsgesellschaft integriert. Weil ihnen nichts fremd geblieben ist, blieben sie selbst keine Fremden.

Anerkannte Minderheit

In Mazedonien sind Roma als Minderheit anerkannt. Seit heuer steht Romanes auch auf den Lehrplänen und muss an Universitäten und Schulen mit großem Roma-Anteil unterrichtet werden. Schätzungsweise 110.000 bis 260.000 Roma leben hier, in Prilep sind es etwa 9000. Die Stadt selbst hat 70.000 Einwohner.

Auf der Wiese im Osten von Prilep, auf der die Roma nach der Nacht am Berg der Feen zusammenkommen, um Ederlezi zu feiern, riecht es nach gegrilltem Schaffleisch. Die Roma nennen diese Wiese Pindo, zu deutsch Fuß. Ein kleiner grüner Traktor fährt vorbei. Auf der linken Seite hat jemand "Al Capone" draufgepinselt. Das pastellbunte Ringelspiel mit Sitzen an eisernen Ketten sieht so aus, als wäre es vor 40 Jahren gestrichen worden. Auch die Zuckerwatte hat eine vergilbte Farbe. Auf der Anhöhe stehen verstreut Autos mit dem Schriftzug "Zastava", ein Campingbus und ein alter Mercedes mit Wiener Kennzeichen. Ab und zu galoppieren Männer auf Pferden zwischen den Picknicken hindurch und schießen mit Gewehren hinauf zu den weißen Schäfchenwolken. Trompeten glänzen in der Sonne, die Musik bewegt die Zehenspitzen unter den Grashalmen. Unten am Fluss fährt ein roter Mazda rückwärts durchs Wasser.

Wer heute auf dem Boulevard von Pindo, einer Schotterstraße mit Löchern, spazieren geht, kann leicht von al Hadr dem Grünen erwischt werden. Indiran umwickelt alle, die ihr entgegenkommen, mit grünen Kletten, die ihre Widerhaken auf jedem Stoff festzurren. "Das macht jemanden verliebt in dich!", erklärt sie. Heiße dicke Motorräder tragen junge Männer mit hochgekämmten Haaren über die Wiese. Die Burschen zeigen ihre Oberarme, auch die Frauen mit glitzernden Pailletten auf den Schuhen und grünen Al-Hadr-Liebespflanzen um die Taillen haben den Sommer entdeckt.

Almir wirft ein kleines Mädchen mit einem rosabauschigen Kleid in die Luft. Der 20-Jährige, den alle den "kleinen" Hodscha nennen, war vier Jahre lang in einer Medressa in Skopje, um den Koran zu studieren. Er wurde von den Prileper Roma als Religionslehrer ausgesucht, weil er durch schnelle Auffassungsgabe und Denkvermögen auffiel. Er trägt blauseiden glänzende Trainingshosen und hat das Gesicht eines tibetanischen Mönchs. Auf seinem T-Shirt steht "Love kills slowly". In einem Jahr, wenn der große Hodscha Iso nach New York gegangen sein wird, wird auch Almir zelebrieren, wie gut ein Muslim an Feen glauben kann. ( Adelheid Wölfl, DER STANDARD Print-Ausgabe, 20./21.06.2009)

Zur Person:

Adelheid Wölfl schloss 1999 ihre journalistische Ausbildung bei Profil ab und arbeitete danach im Ressort Innenpolitik. Nach Auslandsaufenthalten kam sie 2004 zum Standard, wo sie sich auf Außenpolitik, besonders Südosteuropa, spezialisierte.

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    Die Roma hier leben nach der gleichen Zeitrechnung wie alle anderen Europäer. Und dennoch leben sie auch in einer Zeit vor der Aufklärung, in der Feen entscheiden, ob jemand gesund wird oder krank bleibt oder jemand zu sprechen beginnt.

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