Nachlese

"Heroin auf Kranken­schein" als Überlegung

19. Juni 2009, 18:41

Heimische Politiker überlegen, wie man nach deutschem Vorbild synthetisches Heroin an Süchtige abgeben könnte

Wien - "Wir denken natürlich gut darüber nach, was wir jenen Suchtkranken anbieten können, die wir mit oral eingenommenen Substitutionsmedikamenten nicht erreichen können", sagt der Wiener Drogenbeauftragte Alexander David. Denn wer den Ersatzstoff für Heroin nicht schluckt, tendiert dazu, sich weiter die Spritze zu setzen. Wäre in dieser aber synthetisches Heroin, würde das die Überlebenschance deutlich heben.

Am 28. Mai verabschiedete der deutsche Bundestag gegen die Stimmen von CDU/CSU ein Gesetz, das unter strengen Auflagen die medizinische Abgabe des künstlichen Diamorphins auf Kosten der Krankenkasse an Süchtige ermöglicht. Damit wurde ein Modellversuch in den "Regelbetrieb" übernommen, sind Suchtexperten angetan. Man ist damit aber nicht allein, auch in der Schweiz gibt es eine derartige Regelung.

Befürwortet wird diese Möglichkeit auch von heimischen Fachleuten. Etwa Christoph Lagemann vom Institut für Suchtprävention in Oberösterreich. "Das ist ein Weg, den man zumindest diskutieren muss, da es aus der Schweiz und Deutschland ja genügend Studien gibt, die belegen, dass man damit Gruppen von Schwerstsüchtigen erreichen kann." Allein: "Es ist bei uns ein politisches Tabu, es findet einfach keine Diskussion darüber statt."

Womit er nicht ganz Unrecht hat. Auf Anfrage des Standard bei den Gesundheitssprechern der Parteien kamen von der SPÖ, der FPÖ und dem BZÖ keinerlei Reaktion. Kurt Grünewald von den Grünen ist von den Modellen der Nachbarstaaten durchaus angetan. "In Fällen, in denen Schwerkranken Verelendung und frühzeitiger Tod droht, ist auch die Substitution mit synthetischem Heroin gerechtfertigt." Man wolle darüber nun eine faire und vorurteilsfreie Diskussion starten.

Aber auch der Gesundheitssprecher der ÖVP, Erwin Rasinger, lehnt die Idee nicht grundsätzlich ab. "Es würde sicher kein Fahnenstreit mit uns werden, wenn Experten sagen, eine kleine Gruppe von Süchtigen braucht das. Aber es ist eine medizinische Frage und keine politische", sagt der Allgemeinmediziner.

Im Gesundheitsministerium wehrt man dagegen ab. "Unsere Experten sind der Meinung, die bestehenden Therapiemöglichkeiten mit Substitol oder Methadon reichen aus", sagt Sigrid Rosenberger, Sprecherin von Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ).

In Wien sind derzeit fast 7000 Menschen mit Ersatzstoffen versorgt, zeigt der vom Drogenbeauftragten David und dem Wiener Drogenkoordinator Michael Dressel präsentierte Drogenbericht. Insgesamt gebe es rund 10.000 Abhängige von "harten Drogen", schätzt Dressel. Dieser Wert sei aber relativ stabil geblieben, verweist er auf die Statistik. Auch bei den anderen legalen und illegalen Drogen blieben die Wiener Konsumenten bei Gewohntem.

Populäre Schlaftabletten

Einzige Ausnahme: Der Konsum von Tabletten, besonders Schlafmittel, hat deutlich zugenommen. Für die Süchtigen hat "Benzodiazepine ("Benzos") mehrere Vorteile. "Sie sind billig und halblegal, die Polizei verfolgt sie nicht besonders streng", weiß David. Aber auch in der übrigen Gesellschaft werde Tablettenkonsum populärer, glaubt er.

Sicher geändert habe sich das Konsumverhalten Jugendlicher - es werde exzessiver, sagt Dressler. Was nicht unbedingt bedeutet, dass härtere Drogen genommen würden. "Es ist das Gemisch aus Tabletten, illegalen Drogen und Alkohol, das das Problem ist." Bei Alkohol sinke übrigens das Alter des Erstkonsums. (Michael Möseneder, DER STANDARD Print-Ausgabe, 20./21.06.2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 225
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Luxi
00
das sehe ich anders...

"[...]was wir jenen Suchtkranken anbieten können, die wir mit oral eingenommenen Substitutionsmedikamenten nicht erreichen können"...
ich denke, diese Suchtkranken, die nicht erreicht werden können, können deshalb nicht erreicht werden, weil sie von sich aus damit gar nicht aufhören wollen! Weil sie die Droge weiterhin brauchen / wollen, weil sie sich weiterhin zudröhnen und die Welt um sich vergessen wollen. Da hilft auch GRATIS-heroin nicht! Ich sehe die Gefahr von "gratis-Heroin" viel eher darin, dass dann zahlreiche Junkies, die sonst vielleicht eh auf Substitol, Subutex etc. gehen würden, dann halt lieber das Heroin nehmen. Also ein Schuß nach hinten!

Jan Sommer
00
12.8.2009, 09:06
Da jault die Drogenbekämpfungsmafia in trauter Zweisamkeit


mit den Rauschgifthändlern ganz besonders laut auf !

Wird doch durch diesen logischen Vorgang die eigene Existenzberechtigung und vor allem das stetig wachsende Bekämpfungsbudget gefährdet.

Den Rauschgifthändlern nimmt man die Profite, welche sich so bequem durch Ausbeutung der Süchtigen erzielen lassen bösartigerweise auch noch weg.

Jetzt braucht man nur noch schauen, wer am lautesten gegen diese Vermeidung von Beschaffungskriminialität und Leid wettert.

Da hat man dann ganz besonders Ahnungslose und (vom wem wohl) gesponsorte Lobbyisten samt bornierten Ideologen mit Scheuklappen engstens
versammelt.
js

Andreas Haunholter
 
20
jetzt mal ganz ehrlich!

Ich hab mir den sch*** - Artikel gar nicht durchgelesen und weiß schon was da drin stehen wird.

Aber was glauben die, was Ersatz-Heroin ist?

Das ist als wenn man einem Alkoholkranken statt Whiskey Rum gibt

Andersen
00
24.8.2009, 23:31

Schwachsinniger Vergleich...eher würde passen wenn man einem Schwerstalkoholiker der sich verunreinigten Spiritus reinkippt mit qualitätsüberprüften Schnaps versorgt.

Micstar69
31
23.7.2009, 10:15

Neulich in der apotheke
"a schachterl aspirin und 2Gr Heroin auf rezept bitte"
"ich schenk ihnen a spritzerl und a feuerzeug dazu"

A. E. Neumann
00
23.6.2009, 12:27
"... dass man damit Gruppen von Schwerstsüchtigen erreichen kann..."

Also das wundert mich nicht, dass man mit der Abgabe von Heroin auch "Gruppen von Schwerstsüchtigen" erreichen kann. Speziell dann, wenn der Stoff gratis ist.

Das Problem ist vielmehr: Welche Pharmafirma wird dabei Geld verdienen? Wieviel wird verdient? Wer kontrolliert die abgebenden Ärzte, damit das alles nicht ausufert wie beim Substitol?

Mein Ansatz: Gesetzlich den Preis für das Heroin festlegen, der knapp bei den Herstellungskosten liegt (Gewinnstreben entfällt). Kontrolle der Ärzte durch lückenlose Produktverfolgung. Wenn bei einer unangemeldeten Kontrolle durch die Polizei eine Einheit fehlt, muss der Entzug der Befugnis drohen.

Philodoofi
02
25.6.2009, 21:17
was haben sie gegen diese ärzte?

derzeit gibt es in bestimmten gegenden keine ärzte, die entsprechend dem neuen gesetz substitutionstherapie machen!
die verdienen fast nix daran, haben eine sehr schwierige klientel und zores noch und noch! ich mach das nicht mehr, was mir von bestimmter politischer seite (bewährungshelfer!) einmal den vorwurf eingebracht hat, ein schreibtischtäter zu sen!
also auf legale weise ist noch kein arzt damit reich geworden!

A. E. Neumann
00
27.6.2009, 22:05

Ich habe nichts gegen "diese Ärzte". Ich habe gegen keinen Arzt etwas. Aber weil eben, wie Sie schreiben, noch kein Arzt auf legale Weise mit diesem Zeug "reich geworden" ist, das Zeug aber das Potential zum "reich werden" hat, bin ich für eine Kontrolle der Drogen. Das ist alles.

human ic
01
27.7.2009, 11:07

auch dieses potential zum reichwerden, das monopol der mafia, kann man loswerden. die produktion kost ja kaum was.

A. E. Neumann
00
27.7.2009, 16:08

Wenn keine Pharmafirma an der Produktion beteiligt ist und der Staat das macht, dann bin ich dafür. Die Alternative ist, dass der Staat den Großhandelspreis so stark reguliert, dass die Pharmafirmen de facto nichts mehr am Produkt verdienen. Mal sehen, wie gerne die dann noch etwas für die armen Drogensüchtigen tun. Vermutlich nichts mehr. Weils dann halt kein Geschäft mehr ist. Aber: Soll man Drogensucht zu einem Geschäft machen? Wäre das im Sinne der Süchtigen?

frank franki
00
30.8.2009, 13:04

"Aber: Soll man Drogensucht zu einem Geschäft machen?"

drogenkonsum IST ein geschäft. ein schmutziges geschäft auf dem rücken der armen und süchtigen, das nur der mafia nützt.
man müsste sich natürlich etwaige, legale beschaffungsmodelle genau und ideologiefrei nach nutzen ansehen, aber grundsätzlich halte ich beinahe alles für besser, als irgendwelchen drogenbaronen den "markt" zu überlassen.

A. E. Neumann
00
30.8.2009, 20:49

Autodiebstahl ist ein schmutziges Geschäft, das nur der Mafia nützt, denn die hat die Ressourcen, das Zeug über Grenzen hinweg zu verschieben. Da das die Polizei offenbar auch nicht in den Griff kriegt, könnten wir Autodiebstahl legalisieren! Eine gute Idee, nicht? Immerhin würde man dann der Automafia den Markt nicht überlassen. Ausserdem würden dann in den Städten endlich wieder ausreichend Parkplätze zur Verfügung stehen...

frank franki
00
31.8.2009, 14:20

der vergleich hinkt aber gewaltig. bei einem diebstahl schädigen sie immer jemand anderen, beim drogenkonsum primär sich selbst. dieser unterschied rechtfertigt auch ein anderes vorgehen.
nach ihren postings zufolge dachte ich, wir wären hier prinzipiell einer meinung?

A. E. Neumann
00
31.8.2009, 22:03

Nein, der Vergleich hinkt nicht. Sie argumentieren, dass der Staat Sachen legalisieren soll, wo er in seiner Funktion als Kontrollinstanz versagt. Nun, dieser Fall liegt auch anderswo vor und dort kommt keiner auf die Idee, eine Legalisierung bzw. eine Anpassung der Gesetze zu fordern. Eine Legalisierung weil die Mafia den Markt besetzt ist 100%ig der falsche Ansatz. Als nächstes kommen dann nämlich Menschen- und Organhandel dran, "weil man eh nix machen kann." Bullshit ist das. Natürlich kann man was machen. Und das erste, was man machen muss ist, die Korruption in Polizei und Justiz abstellen. Und dann kommt das "anfüttern", also das legale korrumpieren der Volksvertreter, dran. Denn Korruption wirkt wie Drogensucht: Es ist nie genug.

frank franki
00

sie sind mit keinem wort auf mein argument eingegangen...

die frage ist nicht alleine, ob der staat als kontrollinstanz versagt, sondern auch, ob die illegalität überhaupt ein probates mittel zur kriminalitätsbekämpfung darstellt. die prohibition in amerika ist ein gutes bsp dafür, wie sich eine kriminalisierung kontraproduktiv auswirken kann.
ich kann nur etwas effektiv kontrollieren, wenn ich von der herstellung bis zum vertrieb die sache überprüfen kann. überprüfen kann ich nur, wenn ich weiß, wer, wann und wo. das ist nur bei einem legalen produkt möglich.

die vorteile wären also eine schädigung der mafia, der einer ihrer größten betätigungsfelder wegfallen würde; das geld würde im legalen kreislauf verbleiben und nicht verbrecher

frank franki
00

und verbrechen, wie zb auch korruption, finanzieren; die qualität der suchtmittel könnte kontrolliert werden...

und noch einmal. der unterschied zu ihrem autobsp ist, dass sie damit immer jemand dritten schädigen. das ändert sich auch nicht, wenn sie den autodiebstahl legalisieren.
drogenkonsum kann ich jedoch mit dem recht auf selbstbestimmung, was auch das recht auf selbstschädigung einschließt, begründen.

rizzla
09
21.6.2009, 16:10
Bin dafür

Auch wenn es die Vorstellungskraft der Krone-Leserschaft überstrapaziert: In Deutschland waren die Programme mit Diamorphion ein voller Erfolg. Für die Polizei eine notwendige Entlastung, sich nicht mit der Beschaffungskriminalität von Junkies rumschlagen zu müssen. Für das Gesundheitssystem billiger als als die Folgen von verunreinigtem Heroin.



toberfrau1
02

.. und die Dealer werden um ihr Einkommen gebracht, die Armen!!

prusiner
83
21.6.2009, 11:44
ein bisserl Opiatsüchtig

ist ja ned so schlimm, gibt ja Substis und am End´ gar noch Heroin auf Krankenschein .. macht also nix, können wir wirklich mal probieren, ist ja cool und mit div. Substis kann man eh weitertun;

Leben mit einer derartigen Sucht ist kein normales Leben, egal wie substituiert

Prolet
01
22.6.2009, 10:59
Das ist ein Argument dem sicher alle Süchtigen Beachtung schenkten!

Weil es so frackwürdig ist - sind Sie Dealer?

Einst Erwin, jetzt wieder Hund...
04
22.6.2009, 08:49
"Es ist bei uns ein politisches Tabu, es findet einfach keine Diskussion darüber statt."

Höchstens mal ein paar dümmliche Plattitüden von kranken Menschen, die ande Kranke lächerlich machen wollen.

hanslblasta
00
21.6.2009, 10:34
billiger ist es jedenfalls

und was billig ist, ist bekanntlich gut ...

was die Ersatztherapie betrifft: wozu brauchen Menschen Kaffeefilter, wenn sie zur Apotheke gehen?

Der Biber
94
21.6.2009, 08:55

Es ist wie ein Faustschlag ins Gesicht von wirklich kranken Menschen. Bei deren Medikation wird auf die billigen Generika umgestellt, die nicht wie behauptet 1:1 die gleiche Wirkung wie das Markenpräparat haben. Für selbstverschuldete Suchtis stehen dann plötzlich nicht vorhande Budgetmittel zur Verfügung.

Suchtkranke existieren nicht, wie wärs mal mit ein bisschen Selbstverantwortung. Aber so ist es halt bequemer egal ob Spiel-, Alkohol- oder Drogensucht. "Ich kann nichts dafür, ich bin Krank"
Zum Kotzen.

melora
00
Selten so einen dum men Kommentar gelesen

Suchtkranke sind "wirklich kranke" Menschen.
Das sieht man schon an der Mortilitätsrate.

Selbstverständlich ist es sinnvoll, Suchtkranke, denen nicht anders geholfen werden kann, mit einer adäquaten Ersatzdroge zu versorgen, damit kann die Beschaffungskriminalität minimiert und den Kranken zu einem halbwegs würdigen Leben verholfen werden.

Ich weiß, mein Posting kommt ein bissl spät.

Der Biber
21
besser spät als nie

ad Mortalitätsrate: die ist bei Nicht-Süchtigen sogar 100% also ein bissi schwach das Argument.

Leider sind die Süchtigen zum Großteil Menschen die so ziemlich allem und jedem die Schuld am eigenen Versagen geben, leider nur selten sich selber. Deshalb fehlt mir hierfür jedewedes Verständnis.

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