Der Kanzlermacher

19. Juni 2009, 18:37
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Österreich als parlamentarische Demokratie von Hans Dichands Gnaden

Endlich, das Orakel hat gesprochen! Die ganze Republik hat auf die Antwort gewartet: Wen unterstützt Krone-Herausgeber Hans Dichand nach Hans-Peter Martin? Dichand hatte das fast 18-Prozent-Ergebnis seines Kolumnisten bei der EU-Wahl als "Sensation!" bejubelt. Er wählte seinen wöchentlichen Auftritt in Live, dem "Star-Magazin der Kronen Zeitung" , um seinen Willen kundzutun, was jetzt politisch folgen soll: "Beide Prölls an die Spitze" .

Man könnte die teilweise kruden Auslassungen des 88-Jährigen als humoristischen Beitrag abtun. Wer Österreichs Realverfassung kennt, weiß aber, dass die 54 Zeilen ein Drehbuch sind, nach dem Politik hierzulande funktioniert. Dichand spricht immer wieder von "Wendungen, die ich erwarte" , von denen "ich geradezu träume, dass beide Prölls, der eine als Bundeskanzler, der andere als Bundespräsident an der Spitze des Staates stehen" .

Das ist nicht nur Dichands Vermächtnis, sondern eine Kampfansage des Massenblatts. Die Kronen Zeitung kann 2,9 Millionen Leser mobilisieren. Dieses Potenzial nutzt sie immer wieder, um Projekte zu verhindern oder Personen zu promoten. Dass das Blatt Wahlen beeinflussen kann, ist nicht erst seit Martin bekannt. Ohne Dichands Unterstützung wäre Kurt Waldheim ("jetzt erst recht" ) nicht Bundespräsident geworden und hätte Jörg Haider nicht diese Wirkung in Österreich entfalten können.

Aber mit Martin hatte die Kronen Zeitung erstmals einen eigenen Kandidaten, für den das Blatt im EU-Wahlkampf täglich ein bis zwei Seiten zur Verfügung gestellt hatte. Es war nicht nur eine Kampagne der Krone, es war die Krone-Kampagne. Folgerichtig reimte sich Dichands Hausdichter Wolf Martin den Ausgang der EU-Wahl zusammen: "Ein Sieg war dieses zweifelsohne/ für H.-P. Martin und die ,Krone‘" .

Jetzt muss der nächste Siegertyp her. Da Martin bei einer Nationalratswahl schon einmal floppte, konzentriert Dichand nun sein politisches Streben auf die Prölls. Dabei hatte Dichand in seinen 1996 erschienen Memoiren mit dem bezeichnenden Titel "Im Vorhof der Macht" noch geschrieben: "Ich streichle lieber meinen Hund, als Macht auszuüben." Geglaubt hat ihm das ohnehin niemand. 2002 waren in einem - nie im ORF gezeigten - Film der Belgierin Nathalie Borgers Dichand und der damalige Bundespräsident Thomas Klestil beim vertrauten Gespräch bei Kaffee und Guglhupf zu sehen, wie sie sich über den Zustand der Republik austauschten. Inzwischen will Dichand die Staatsspitze und den Kanzler selbst bestimmen.

Das Interview zeugt auch von enttäuschter Liebe zu Werner Faymann, der in einem Brief an Dichand einen SPÖ-Schwenk in der EU-Politik versprach und dem Dichand im Gegenzug half, Bundeskanzler zu werden. Am 21. Juli 2008 bezeichnete Dichand Faymann noch als "den richtigen Mann" und meinte zum Erstaunen aller: "Natürlich könnte ich auch auf einen Sohn wie Faymann stolz sein."

Inzwischen ist Faymann in Ungnade gefallen, weil er das Füllhorn von steuerfinanzierten Inseraten auch über dem Krone-Konkurrenten, dem Fellner-Blatt Österreich, ausschüttet. Jüngste Meldungen, ein neues Fellner-Projekt solle staatlich garantierte Kredite bekommen, führten zum Liebesentzug. Mitleid mit Faymann ist nicht angebracht: Wer sich dem Krone-Diktat unterwirft, darf sich nicht über Konsequenzen wundern. Die schlimmste Niederlage der SPÖ seit 1945 bei der EU-Wahl kann ein Menetekel gewesen sein.

Dichand versichert: "Dabei ist mir klar, dass diese Wendungen nur als Ergebnisse echter demokratischer Wahlen kommen können." Immerhin: Wir leben noch in einer parlamentarischen Demokratie von Dichands Gnaden. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.6.2009)

 

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