Abschwung, Wende und Aufschwung in einem

19. Juni 2009, 18:41
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Ist das Ärgste überstanden, wie manche Politiker weismachen wollen, oder steht das Schlimmste noch bevor?

Es kommt darauf an, von was man spricht. Von Finanz- oder Realwirtschaft oder den Erwartungen.

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Wien - Die Stützungen der Regierungen und Notenbanken haben die Wirtschaft "wenige Inches vom Rande des Abgrundes zurückgezogen" , meinte Nobelpreisträger Paul Krugman diese Woche in der Herald Tribune. Er verteidigt damit seine Forderung nach weiteren Konjunkturhilfen, während andere Ökonomen aus Inflationsangst den Tritt auf die Bremse forcieren.

Doch wo befindet sich die Ökonomie wirklich? Hinweise, dass die Talsohle erreicht sein könnte, gibt es zu Hauf. Doch die meisten kommen vom Finanzsystem und von Zukunftseinschätzungen. Die Fakten aus der Realwirtschaft - vor allem der Absturz der Industrie - sprechen eine andere Sprache.

Auch wenn einige Märkte wieder auf ihre Niveaus vor der Lehman-Pleite zurückgekehrt sind. Die vielzitierten "Green Shoots" , Sprösslinge des Wirtschaftswachstums, sind noch rar. Und junge Triebe können ebenso schnell wieder welken. Das zeigte sich in den 30er-Jahren und im Japan der 90er. Die aufkeimenden Pflänzchen erwiesen sich jeweils als zu zart.

Realwirtschaft

Kein Ende des Abschwungs: Das ist die klare Botschaft, die von der Realwirtschaft kommt. Die aktuelle Krise hat nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht. Zumindest in der Industrie ist der Absturz ungebrochen. In der Eurozone hat er sich im April sogar noch beschleunigt, von einem Minus von 19,3 auf einen Rückgang von 21,6 Prozent. Etwas besser sieht es bei den Aufträgen aus, die schon mehr zukunftsgewandt sind. Deutschland beispielsweise verzeichnete im April keinen weiteren Rückgang zum Vormonat. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Auftragseingang um 37 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegt. Zudem wächst das Schreckgespenst des Protektionismus, vor dem internationale Organisationen wie die Weltbank eindringlich warnen. Der darniederliegende Außenhandel könnte so weiter beeinträchtigt werden.

Heftig, aber weit weniger dramatisch als in der Industrie, ist die Lage im Handel. Die Umsätze in der EU schrumpfen um rund vier Prozent. In den USA sorgen die größeren Konjunkturstimuli, die auch stärker auf Konsumförderung ausgerichtet sind, für stabile Daten. Österreich schneidet beim Konsum weit besser ab und konnte zuletzt noch leichte Zuwächse verzeichnen.

Beim privaten Verbrauch stellt der Arbeitsmarkt das größte Fragezeichen dar. Der Sektor reagiert verzögert auf die Rezession, der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit wird erst für 2011 erwartet. Die Nachfrage nach Autos oder Fernsehern dürfte also weiter sinken.

 

 

Finanzwirtschaft

Die aktuelle Krise hat ihre Wurzeln in einem Boom an neuartigen Krediten und Wertpapieren. Banken verschnürten Schulden zu neuen Bündeln oder verkauften Kreditversicherungen. Doch als Investoren von ersten Verlusten auf breiter Basis geschockt wurden, machte sich Panik breit.

Unternehmen konnten sich kaum über den Kapitalmarkt finanzieren, und die Notenbanken mussten die Lücken in der Finanzierung füllen. Doch die Geldmärkte kehren zum Leben zurück. Die britische Supermarktkette Tesco ist am Mittwoch auf den Markt für verbriefte Hypothekenkredite (bislang "toxisch") zurückgekehrt und hat Anleihen im Ausmaß von 430 Millionen Pfund (umgerechnet 507,3 Mio. Euro) verkauft. Auch die Finanzierungskosten von Unternehmen, die sich empfindlich verteuert hatten, normalisieren sich. Dass die Panik auch an den Aktienmärkten zurückgeht, zeigt der Vdax, der die Volatilität, also die Schwankung, am deutschen Aktienmarkt widerspiegelt.

 

 

Geschäftsklima

Die Erholung des Aktienmarktes hat in der Vergangenheit mit rund sechs Monaten Vorlaufzeit den Konjunkturumschwung eingeläutet. Das stimmt optimistisch, haben doch die weltweiten Aktienmärkte, gemessen am MSCI World, seit Anfang März um 39,3 Prozent zugelegt. Die Vorlaufindikatoren der meisten Wirtschaftsinstitute sind erstmals seit längerer Zeit gestiegen. Die Indikatoren spiegeln Erwartungen zum künftigen Wachstum wider. Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sieht die "Verlangsamung des Abschwunges" (siehe Grafik).

 

In Deutschland hat der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zum zweiten Monat in Folge auf eine bessere Konjunkturerwartung hingedeutet. Das Licht am Ende des Tunnels könnte sich aber auch als entgegenkommender Zug entpuppen. Ein weniger bekannter, von Insidern aber hoch geschätzter Indikator ist der Baltic Dry Index, der Auskunft über Transportpreise von Rohstoffen wie Erz, Getreide oder Kohl gibt. Er ist im Vorjahr um sagenhafte 93 Prozent abgestürzt, mittlerweile hat er wieder ein Achtmonatshoch erreicht. Die Zukunft wird also wieder rosiger gesehen als die nackte Realität. (Andreas Schnauder, Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.6.2009)

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