Im neuen, alten, anderen Wien

19. Juni 2009, 17:12
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Hilde Spiels "Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch"

Ende Januar 1946 kehrte Hilde Spiel (1911-1990) nach Wien zurück, für fünf Wochen. Zehn Jahre zuvor war sie nach England emigriert, hatte dort geheiratet, Kinder bekommen und als - englisch schreibende - Journalistin Karriere gemacht. Nun kam sie als Korrespondentin in ihre Heimatstadt und hielt ihre Eindrücke auf Englisch fest. Veröffentlicht wurden diese Notizen über The Streets of Vineta erst viel später, 1968, auf Deutsch, in Hilde Spiels eigener Übersetzung. Da lebte sie seit fünf Jahren wieder in Wien, war Kulturkorrespondentin namhafter deutscher, englischer und Schweizer Publikationen, Essayistin und Doyenne der Kritik. Dieses "Tagebuch", das über klassisch-private Einträge hinausgeht, ist ein wichtiges Dokument. Auch ein literarisch beeindruckendes Zeugnis.

Denn hier finden sich in schlanker Prosa kluge Beobachtungen, scharfsinnige Schnappschüsse und dichte Impressionen, die die Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit präzise einzufangen verstehen. Zahlreiche Begegnungen vermitteln Unwohlsein - wer war Profiteur, wer ist unbelehrbar, welche Rechtfertigungen sind schal, welche opportunistisch; andererseits gibt es etwa in einem jüdischen Displaced-Persons-Lager einen imposanten Optimismus und Aufbruchswillen zu bewundern. Daniela Strigl, die ein informatives, fast zu knapp geratenes Vorwort beigesteuert hat, ist beizupflichten - dass einige von Hilde Spiels besten Büchern heute vergriffen sind, ist ein Skandal - dem abzuhelfen sein müsste. Hoffentlich. (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

Hilde Spiel, "Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch" . € 17,90 / 144 Seiten. Milena, Wien 2009

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    foto: buchcover
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