Orchesterpläne und das dünne Eis des ORF

19. Juni 2009, 17:38
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Ö1-Musikchef Christian Scheib ist seit kurzem auch Manager des gefährdeten Radiosymphonie Orchesters Wien

Ein Gespräch über die Zukunft des Orchesters, an die Scheib glaubt.

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Wien - Ein Doppeljob ist eine aufreibende Sache. Wenn einer der Jobs darin besteht, Manager des RSO zu sein, kommt konkret für Christian Scheib, der Ö1-Musikchef ist, auch Sonderspannung hinzu. Schließlich ist die Zukunft des Klangkörpers ungewiss; von Ausgliederung bis Auflösung ist die Rede. Nun kam eine Aussendung der ORF-Geschäftsführung, in der es um eine "geänderte Organisationsform" geht, um eine "eigenständige Tochtergesellschaft" und um das Ziel, die Finanzierung "durch das Erschließen neuer Erlösquellen" und den Ausbau des Eigenfinanzierung auf eine "breitere Basis zu stellen."

Ob das nun Hoffnung geben soll, kann Scheib auch nicht sagen. "Wie sich die politischen und die ORF-internen Bedingungen verändern oder nicht verändern werden, ist unabsehbar. Deshalb: Neben den Gesprächen, die man für die Zukunft des Orchesters führen muss, ist es mir wichtig, eine künstlerisch produktive Energie entstehen zu lassen, die alles vorantreibt. Das RSO, das wahrscheinlich so gut ist wie noch nie, braucht das. Ich auch. Fürs Herumsitzen und Lamentieren wäre ich die falsche Wahl gewesen."

So plant Scheib auch schon für 2012, es gib ja auch mit Cornelius Meister einen Chefdirigenten, der Bertrand de Billy nachfolgt. Und es naht auch im Herbst der 40. Geburtstag des Orchesters: "Unter anderem wollte ich mir etwas ausdenken, das für unsere Medien, also für Ö1 und Internet und für das Fernsehen, einsetzbar ist. Die Idee: 40 Sekunden Musik von 40 Komponisten und Komponistinnen - das wär‘ was! Ich habe Briefe geschrieben, bat um ein Fundstück, ein Fragment, eine Skizze, was auch immer. Und die Rückmeldungen sind großartig."

Was sagt Scheib konkret zur Ausgliederungsidee: "8,5 Millionen kostet das Orchester den ORF. 1,2 Millionen kommen als Eigenerlös hinzu. Bei einer Ausgliederung ginge es wohl um eine vom RSO zu lukrierende Summe von einer Million. Aber in Wirklichkeit bräuchte das Orchester nicht eine weniger, sondern drei mehr, um den Programmauftrag noch deutlicher und ausführlicher erfüllen zu können - und dies vor allem, ohne ständig an seinen organisatorischen und personellen Grenzen operieren zu müssen. Klar ist nun dafür die schwierigste Zeit. Im Herbst soll jedenfalls ein Konzept erarbeitet werden, dann sehen wir, was die Geschäftsführung dem Stiftungsrat vorlegt."

Vorsorglich arbeite man auch am Marketing: "Es gab kein auf das RSO zugeschnittenes Marketing. Aber es gibt hervorragende Leute im Haus, die das Metier beherrschen. Jetzt versuche ich mit denen, ein Konzept zu erstellen. Marketing meint auch eine professionelle Publikumsbindung und den Versuch, Sponsoren zu finden." Wie auch immer: In der kommenden und hoffentlich nicht letzten RSO-Saison wird es 36 Konzerte und 17 Opernvorstellungen geben. Scheib: "Natürlich gehe ich davon aus, dass es uns auch in Zukunft geben wird. Das ist ja logisch, sonst würde ich ja nicht dafür arbeiten!" (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

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