Kleinkrieg mit Spucke und Hungerstreiks

19. Juni 2009, 17:22
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Das Militär will zeigen, dass die Gitterkäfige Vergangenheit sind - Die Stimmung der Häftlinge hat sich nicht gebessert - Im Hochsicherheitstrakt kann die Lage schnell eskalieren.

Vielleicht lässt sich an den Büchern ablesen, wie drinnen in den Zellen die Stimmung ist. Es gab eine Zeit, da war Harry Potter groß in Mode, der Boom dauerte bis zum sechsten Band und brach vor dem siebten urplötzlich ab. Heute sind Leitfäden der englischen Grammatik so begehrt, dass die Bibliothekarin lebhaft bedauert, dass sie nicht genug davon hat.

Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass sich die Häftlinge gezielt auf einen neuen Abschnitt vorbereiten, entweder auf die Freiheit oder den Prozess vor einem englischsprachigen Gericht. Vielleicht ist auch eine Art Gruppendynamik am Werk. So zumindest sieht es die Bibliothekarin, eine zierliche Frau aus Puerto Rico. „Genau wie bei Teenagern. Was gerade in Mode ist, wollen die anderen auch alle haben." Vom regen Auf und Ab erzählt sie, von Beliebtheitswellen, wie jeder Buchclub sie kennt. Nur dass dieser Club hier seine eigenen Regeln hat. Was gelesen werden darf, bestimmt das Militär. Die kleine Puertoricanerin leitet die Gefängnisbücherei von Guantánamo.

Der Weg zu ihrer Baracke mit den lärmenden Kästen der Klimaanlagen führt durch ein Labyrinth aus Stacheldraht, Kieswegen, Betonsperren und Maschendrahtzäunen. Über die Zäune sind grüne Planen gespannt, damit drinnen keiner sehen kann, was draußen passiert. Bevor sie das Gefängnis betreten, legen die Soldaten die Uniformjacken ab, auf denen ihre Namen stehen.

Hinter den Toren sind sie nur noch Nummern.
Und auch die Bibliothekarin zieht es vor, inkognito zu bleiben. „Nennen Sie mich einfach Rosario", flötet sie und beginnt zu erklären, was in den Regalen stehen darf und was nicht. Historisches ja, Literatur zum Islam nur, wenn sie aus moderaten Denkschulen stammt. Warum das Magazin „Swimmer's World" durchging und „Runner's World" nicht? „Keine Ahnung, es gab keine Begründung", sagt Clive Stafford Smith, ein Londoner Anwalt, der die bizarre Anekdote beisteuert. Zum Bestand zählen auch die zwei Bücher Barack Obamas, „Dreams from My Father" und „Audacity of Hope", jeweils doppelt. Alle vier Exemplare sind ausgeliehen.

Guantánamo unter Obama, es ist eine mühsame Spurensuche. Die Präsidentenorder, das Lager bis 22. Jänner 2010 zu schließen, hängt am schwarzen Brett in den Höfen. Doch wer ergründen will, wie sich die Insassen in diesem Alcatraz auf Abruf fühlen, der prallt gegen Gummiwände. Interviews sind tabu, da lässt Colonel Bruce Vargo nicht mit sich spaßen, so jovial er sich sonst auch gibt. „Lässt man Häftlinge mit den Medien reden, stellt man sie zur Schau", es wäre ein Verstoß gegen die Genfer Konvention zum Schutz von Kriegsgefangenen. Obwohl es ja eigentlich keine Kriegsgefangenen seien.

Allein die Semantik ist kompliziert, der Colonel hat keine Lust, sich in ihren Fallstricken zu verheddern: „Das ist nicht mehr meine Kragenweite." In der Ferne dröhnen Bohrhämmer, irgendwo entsteht ein neuer Hof, ein „rec yard" für Fitnessübungen. Szenen aus Absurdistan? Nein, paradox findet Vargo den Baulärm nicht, obwohl sich das Ende abzeichnet. „Wir expandieren nach Plan", sagt er tapfer. Die Skizzen sind abgesegnet, die Millionen vom Kongress bewilligt, „warum sollen wir die Arbeiten stoppen?"

Hazael Orengo ist froh, dass ihm jemand Gesellschaft leistet. Sie zieht sich hin, so eine Nachtschicht auf dem Wachturm. Unter anderen Umständen könnte man sagen, dass Specialist Orengo ein netter Gastgeber ist. „Wollen Sie mal probieren?", fragt er und hält einem sein Walkie-Talkie hin. Wahrscheinlich hat er sich nicht viel dabei gedacht, als er am Silvestertag mit der Nationalgarde Puerto Ricos in den Südostzipfel Kubas abrückte. Der Job ist krisensicher, der Sold stimmt. Aber manchmal, bekennt Orengo, kommt er ins Grübeln: „Worauf hab' ich mich hier nur eingelassen?" Er freut sich aufs Morgengebet, auch wenn er kein einziges Wort des arabischen Singsangs versteht. Sammeln sich die Häftlinge unten im Hof zum Beten, ist seine Schicht bald zu Ende.

Drei Minuten vor fünf. Hinter Hometrainern rollen bärtige Männer in blütenweißen Gewändern ihre Gebetsteppiche aus, die Gesichter einer ockerbraunen Barackenmauer zugewandt. Dort muss Mekka liegen. Einer kann nicht stehen, seine Beinprothese liegt hinter ihm. Schon jetzt drückt die Hitze. Überall gleißende Scheinwerfer und Überwachungskameras. Später löscht ein Zensor alle Fotos, die zu viel zeigen. Keine Panoramabilder, keine Küstenabschnitte, nichts, was verraten könnte, wie die Lager aufgebaut sind und wo sie liegen. Aber auch bei Aufnahmen, auf denen man das Gesicht eines Inhaftierten erkennt, drückt der Zensor auf die Löschtaste - wegen der Genfer Konvention und des Rechts auf Würde, wie es heißt.

„Die Freude am Leben"

In Camp 4 leben die, die sich wegen guter Führung relativ frei bewegen dürfen. Im TV-Raum läuft ein Naturfilm, Biber irgendwo in Alaska. Es gibt Zeitungen, Al-Ahram aus Kairo, Al-Scharq al-Ausat aus London, dazu USA Today, alle mindestens zwei Wochen alt. Camp 5 ist, genau wie Camp 6, das neueste, ein Hochsicherheitstrakt. In einer Vorzeigezelle liegt penibel sortiert die Grundausstattung, Gebetskappe, Gebetsteppich, eine Wasserflasche, ein Styroporbecher, zwölf Stück Malkreide, exemplarisch ein Buch - Emile Zola, „Die Freude am Leben". Daneben Kleidung, zwei komplette Sätze. Wer pariert, bekommt weiße und graugrüne Wäsche. Wer sich widersetzt, muss die orangefarbene anziehen, die in aller Welt das Symbol Guantánamos ist.
Die Lage kann schnell eskalieren, die Männer in den 2,40 mal 3,60 Meter großen Zellen haben ihre eigenen Waffen, Sperma, Spucke, Kot und Urin. Manchmal vermischen sie alles in einem Becher und werfen es nach den Aufpassern, sobald sich der Schlitz der Essensklappe öffnet - weshalb die Wachen vorm Gesicht einen Plastikschirm tragen. Ein Arzt zeigt Schläuche, die schlucken muss, wer zwangsernährt wird. Hungerstreiks sind an der Tagesordnung.

Viele falsche Versprechen

Anfang Juni starb Mohammed Ahmed Abdullah Saleh al-Hanaschi, ein 31-Jähriger aus dem Jemen. Abgemagert auf dreißig Kilo, soll er Selbstmord begangen haben. „Der Fall wird untersucht", wiegelt Brook DeWalt, der Lagersprecher, Nachfragen ab. Al-Hanaschi sei sehr deprimiert gewesen, weiß Stafford Smith, der britische Verteidiger. Und das sei typisch für Guantánamo. Die Stimmung habe sich nicht gebessert, trotz Obama. „Die Gefangenen haben schon so viele falsche Versprechen gehört. Sie glauben nichts mehr."
Um zu untermalen, was sich alles geändert hat, lädt Sergeant Emily Greene zur Fahrt nach Camp X-Ray ein. In die Vergangenheit. „Das Lager war ein Provisorium, nur vier Monate in Betrieb, von Jänner bis April 2002", sagt Greene und nähert sich einer Geisterkulisse. Üppiges Tropengrün überwuchert die Gitterkäfige, die am Image Guantánamos haften wie Teer. In den Gängen dazwischen entstanden die Fotos, die das Militär damals selbst knipsen ließ, sei es aus Rachegefühl oder Siegerstolz. Der bezwungene Feind, wie er am Boden kniet. Heute steht dort kniehoch das Gras. Holz quillt, verzogene Türen knarren im Wind, überall liegt raupenförmiger Kot von Bananenratten. Doch nichts darf verändert werden. Jede Verhörbaracke, jede Zelle muss erhalten bleiben, als potenzielles Beweismittel in einem eventuellen Prozess. (Frank Herrmann aus Guantánamo, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.6.2009)

  • Insassen beim Morgengebet. Wer sich benimmt, bekommt graugrüne Wäsche. Wer sich widersetzt, muss orange anziehen.
    foto: frank herrmann

    Insassen beim Morgengebet. Wer sich benimmt, bekommt graugrüne Wäsche. Wer sich widersetzt, muss orange anziehen.

  • Gefängnis-Kommandeur Bruce Vargo. Häftlings-Interviews sind tabu.
    foto: frank herrmann

    Gefängnis-Kommandeur Bruce Vargo. Häftlings-Interviews sind tabu.

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