Die Sehnsucht der Korallen

19. Juni 2009, 17:12
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Joseph Roths "Leviathan", gelesen von Senta Berger

Fern jeden Meeres, im galizischen Dorf Progrody, lebt Nissen Piczenik und handelt mit den Blumen der tiefen Gewässer, mit Korallen. Groß ist die Liebe des frommen jüdischen Korallenhändlers zu den in allen Schattierungen von Rot schillernden fragilen Geschöpfen. Er, der nie eine Schule besucht hat, ersinnt seine eigene fabulöse Wissenschaft: Tiere, nicht Pflanzen, sind die Korallen, auf dem Meeresgrund bewacht vom sagenhaften Urfisch Leviathan. Seine Sehnsucht nach dem Meer lässt ihn mit dem durchreisenden Matrosen Alexander Komrower aufbrechen und heimlich an Bord gehen. Joseph Roths späte, posthum 1940 veröffentlichte Erzählung "Der Leviathan" ist eine märchenhafte Parabel. Eine Erzählung über Sehnsucht, Versuchung, Verführung und, vielleicht, die Sünde. Nissen Piczenik jedenfalls trifft nach seiner Rückkehr auf den teuflisch, mit Hinkebein und feurigem Blick ausgestatteten Ungarn Jenö Lakatos, der im Nebendorf ebenfalls Korallen verkauft - zu unvergleichlich geringeren Preisen. Sein Geheimnis: Er fälscht sie aus Zelluloid. Als Nissen Piczenik ihm einige der Zelluloidkorallen abkauft und zu den eigenen, hohen Preisen

weitergibt, hält der Tod Einzug im Dorf Progrody ... Der Text ebenso wie die Sprecherin Senta Berger in ihrer betont gefühlvollen Intonation stellen einen krassen Gegensatz zu Roths erstem Roman Das Spinnennetz, dar, der letzte Woche hier vorgestellt wurde, kühl und distanziert gelesen von Ulrich Matthes. Zwei Roth-Facetten. Cornelia Niedermeier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

Joseph Roth, "Leviathan" . 2 CDs, 90 Minuten. Gelesen von Senta Berger. 19,90 € . Diogenes-Verlag, Zürich 2009

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