Eine schöne Tasse Tee

19. Juni 2009, 17:12
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Nigel McCrerys "Kaltes Gift"

Die Eingangsszene ist in ihrer Brutalität schockierend, birgt aber den Schlüssel für die kommenden Ereignisse, die Nigel McCrery mit Genuss und Detailgenauigkeit ausmalt. Es passiert ja nicht viel in diesem Krimi, bloß dass ältere, alleinstehende Frauen systematisch vergiftet werden. Die Täterin, die sich eine Zeitlang Violet nennt, steht bald fest. Sie nimmt nach dem Mord den Namen ihrer Opfer an, leert deren Konten, vermietet deren Häuser und macht sich auf der Suche nach dem nächsten Opfer aus dem Staub. Das läuft reibungslos, bis Violet eine Panne passiert.

Eine Vergiftete taucht als verweste Leiche wieder auf, bevor sie im vorherbestimmten Versteck deponiert werden kann, und das ruft Inspector Mark Lepslie auf den Plan. Der Brite Nigel McCrery ist, bevor er zum - höchst erfolgreichen - Schreiben überging, Polizist gewesen. Das macht diesen Krimi ziemlich unheimlich, weil der Autor mit Präzision und Glaubwürdigkeit schildert, wie man einsame Frauen ohne lästigen Familienanhang ausspäht und sich auf ihre psychischen und physischen Bedürfnisse einstellt. Das gelingt Violet meisterhaft, und man fragt sich unwillkürlich, ob denn solche überzeugenden Handlungsanleitungen, nicht zur Nachahmung anstiften könnten. Freilich bräuchte man dazu nicht nur Raffinesse, sondern auch einen Kräutergarten, in dem Schwarze Nieswurz, Drachenwurz, Brechwurz und Ähnliches wächst. Es geht doch nichts über eine schöne Tasse Tee. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

Link:
www.krimiblog.at

 

Nigel McCrery, "Kaltes Gift" . Deutsch: Ilse Bezzenberger. € 17,50 / 379 Seiten. Droemer, München 2009

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