Vom Kopf in den Mund

19. Juni 2009, 17:13
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Mit seiner umfassenden "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981) verscheuchte Habermas endgültig die Gespenster des Pessimismus: Verständigen ist Trumpf!

Habermas' aus allen Nähten platzendes Opus summum (1981) arbeitet sich an der Frage ab, welche "normativen Grundlagen" die sinnvolle Verständigung zwischen mündigen, aufgeklärten Subjekten überhaupt erst möglich machen.

Habermas, so zeigt sich, verwirft die pessimistischen Grundannahmen der alten Frankfurter Schule (vergleiche Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung). Die Quellgründe einer Vernunft, die à la longue für die Einrichtung menschenwürdiger Verhältnisse sorgen soll, entspringen nirgendwo anders als in der Sprache - und Habermas versteht darunter durchaus die Alltagssprache.

Die Sozialwissenschaften vollziehen den "linguistic turn" : Kommunikationsprozesse müssen vernunftorientiert organisiert sein, um den Geltungsansprüchen des "besseren Arguments" auch wirklich zum Durchbruch zu verhelfen. Habermas' Modell von der Welt ist daher ein strikt dialogisches: Indem wir darauf verzichten, als Teilnehmer eines Sprechaktes unangemessene Wirkungen zu erzielen, bleiben wir an die Begründbarkeit gebunden - und sind, zu unserem Besten, kritisierbar.

Man hat es Jürgen Habermas wiederholt zum Vorwurf gemacht, dass seine Grundannahmen über eine auf vernünftige Verständigung erpichte Menschheit allzu optimistisch seien. Echtes kommunikatives Handeln, so lautet die Pointe, könne gar nicht anders, als auf Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit bezogen zu bleiben. Seine an den amerikanischen Pragmatismus angelehnte Sozialphilosophie räumt aber auch ein, dass moderne Gesellschaften systemischen Zwängen unterliegen, die die kommunikativ strukturierte Lebenswelt okkupieren ("kolonialisieren" ) können.

In der Auseinandersetzung mit seinem intellektuellen Widersacher Niklas Luhmann fand sich Habermas dazu genötigt, einige neue Zwischenwände in sein bewunderungswürdiges Theoriegebäude einzuziehen. Aber auch die Systemtheorie konnte seiner Idee von den normativen Geltungsansprüchen einer vernunftgeleiteten Kommunikation letztlich nichts anhaben. Vielleicht ist ja auch nur die Realität formal noch nicht ausreichend organisiert. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

 

Habermas Nachlese - Teil 1
Metamorphose des Medialen

Habermas' Habilitationsschrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962) ist in der heute herrschenden Medienwelt aktueller denn je - Von Christoph Winder

Habermas Nachlese - Teil 2
Vom Kopf auf die Füße

Mit "Erkenntnis und Interesse" (1968) brach Jürgen Habermas den Bann: Wer fortan etwas behaupten wollte, musste Zustimmung anstreben - Von Ronald Pohl


 

Jürgen Habermas, "Theorie des kommunikativen Handelns" . € 26,-/1216 Seiten. Zwei Bände. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 2006.

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