Byzantinische Madonna

19. Juni 2009, 18:33
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Anna Mitgutsch über die eigenwillige und unangepasste Bostoner Kunstmäzenin Isabella Stewart Gardner

Es gibt keine Fotografie, auf der ihre Züge deutlich erkennbar wären. Sie verstand es, sich im richtigen Augenblick abzuwenden, ihr Gesicht im Schatten zu verbergen. Es heißt, ihr Äußeres sei unscheinbar, beinah hässlich gewesen, aber ihre Persönlichkeit habe alles überstrahlt, so einzigartig und frei, so magnetisch sei ihre Ausstrahlung gewesen, dass man sie für eine schöne Frau hielt. Das Bild, das John Singer Sargent 1888, in ihrem neunundvierzigsten Lebensjahr, von ihr malte, mutet wie die Ikone einer heidnischen Gottheit an, sinnlich, mit tiefem Dekolleté und nackten Armen, Perlenschnüren um die schmale Taille ihres langen schwarzen Kleids, königlich in ihrer selbstbewussten Haltung, umgeben und gekrönt von einer goldenen Mandala. Ihr Freund, der Schriftsteller Henry James, der sie in seinen Romanen immer wieder porträtierte, nannte das Bild Byzantinische Madonna, aber die prüde Bostoner Gesellschaft nahm Anstoß, und das Bild verschwand im Gothic Room ihres Palazzos, der erst nach ihrem Tod, im Jahr 1924, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. In diesem Saal, dem innersten Heiligtum von Fenway Court, mit seinen gotischen Chor-stühlen, dem spätgotischen deutschen Flügelaltar, zwischen einer Madonna mit Kind und einer Epiphanie von Giotto, entfaltet es noch heute seinen fast sakralen Nimbus und zeugt vom Hang zur Selbstinszenierung dieser ungewöhnlichen Frau.

Isabella Stewart Gardner blieb nicht die Einzige, die ihre private Kunstsammlung zu einem öffentlich zugänglichen Museum bestimmte, aber sie war die Erste. In ihrem Briefwechsel mit ihrem Freund und Kunstagenten Bernard Berenson wird ihre Leidenschaft für die Kunst spürbar. Als sie den ersten Tizian, den die Neue Welt zu sehen bekam, auspackte, schrieb sie: "Ich habe keine Worte! Ich kann vor Aufregung kaum atmen und stehe auch nach einer zweitägigen Orgie trunkenen Schauens immer noch überwältigt davor." Es ist der Raub der Europa, deren Anblick sie trunken machte. Und viele weitere Bilder und Kunstgegenstände sollten folgen, das Selbstbildnis von Rembrandt, Gemälde von Raffael und Tintoretto, und immer wieder Giotto, den sie am meisten liebte. Ihre Sammelleidenschaft wurde nicht kritiklos bewundert. Manche sahen darin den Ausverkauf des alten Kontinents an neuen amerikanischen Reichtum, einen kulturellen Kolonialismus. Und manche ihrer Erwerbungen waren de facto Kunstraub. Aber Isabella Stewart Gardner hatte sich seit ihrer Jugend stets über alle Regeln hinweggesetzt.

Bereits als Sechzehnjährige, während ihrer Pariser Internatszeit, gestand sie einer Freundin, dass es ihr größter Wunsch sei, eines Tages reich zu sein und eine Kunstsammlung wie das Poldi-Pezzoli-Museum in Mailand zu besitzen "for people to come and enjoy" . Ganz illusorisch war dieser Jugendtraum nicht, stammte sie doch aus einer wohlhabenden New Yorker Familie, die häufig nach Europa reiste, und Europa bedeutete damals vor allem Italien. Aber als sie 1860 Jack Gardner aus einer ebenfalls begüterten, alteingesessenen Bostoner Familie heiratete, erschien das Vermögen der zwanzigjährigen Tochter eines Selfmade-Immigrantensohns aus Schottland der Bostoner Gesellschaft ein wenig zu neu und vulgär und ihr Auftreten großspurig und ostentativ. Von den feinen puritanischen Familien auf Beacon Hill wurde sie zeit ihres Lebens scheel angesehen, aber ihr Motto war: Wenn sie sich aufregen, leg noch eins drauf. So verfeinerte sie den Skandal zur hohen Kunst und kam in der Klatschpresse nicht aus den Schlagzeilen. Sie sei ein Glamourstar aus der Zeit vor dem Kinofilm gewesen, kommentierte ein Biograf. Sie borgte sich vom Bostoner Zoo einen zahmen Löwen und ging mit ihm auf der Commonwealth Avenue spazieren. Sie besaß ein Rennpferd und gewann beachtliche Summen mit ihm. Sie ruderte und liebte Sportarten, die sich für eine Frau nicht schickten. Sie war die erste Frau, die am Radcliffe College, Harvards Pendant für Mädchen, Kunstgeschichte studierte. Sie trug die neueste Pariser Mode, und weder mit ihrer Garderobe noch mit ihrem Schmuck übte sie die Tugend des feinen Understatements. Anstatt die Damen der Gesellschaft zum Tee zu laden, scharte sie junge homosexuelle Männer um sich, zu denen allerdings die besten Künstler und Musiker ihrer Zeit gehörten. Sie verliebte sich heftig in einen viel jüngeren Mann, die Beziehung dauerte zwei Jahre und blieb keineswegs geheim. Es gab keinen Tabubruch, den sie sich nicht leistete.

Unzähmbares Temperament

Mit Jack Gardner, der ihrem unbezähmbaren Temperament einen Ruhepol bot, verband sie eine freundschaftliche Liebe, der sie auch nach seinem frühen Tod die Treue hielt. Fenway Court war nicht zuletzt sein Vermächtnis. Jedes Mal, wenn die Verzweiflung sie überkam - als ihr zweijähriger Sohn starb, als der älteste der drei Söhne ihres Schwagers, die sie nach dessen Selbstmord großzog, freiwillig aus dem Leben ging, als ihr Geliebter sie verließ - brachen Jack und sie zu einer langen Reise auf, anfangs nach Europa und dem Nahen Osten, später nach Japan, Indien, China. Und wie die Tagebücher bezeugen, konnte sie ganz und gar in der Faszination und Bewunderung für das Fremde aufgehen. Ihr Freundeskreis war international, Vorurteile waren ihr fremd, zu ihren Freunden zählten Henry James, Sarah Bernhardt, James MacNeill Whistler, der sie malte, und John Singer Sargent. Sie protegierte Künstler, Musiker, Komponisten, und immer mehr fand sie in der Rolle als Mäzenin und Muse ihre eigentliche Berufung. Aber mit Bernard Berenson verband sie die Passion, die im Lauf der Jahre alle anderen Leidenschaften verdrängte: das Sammeln von Kunst. Berenson kam aus ärmsten jüdischen Einwandererverhältnissen, und ohne Isabella Stewart Gardners Protektion wären seinem Aufstieg zum führenden Experten italienischer Kunst und Erneuerer der Kunstkritik vielleicht zu viele unüberwindliche Hindernisse im Weg gelegen. Ohne Berenson hätte andererseits Isabella nicht eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der USA zusammentragen können.

Anfangs verwahrte Gardner ihre Bilder und Kunstgegenstände in ihrem Haus in der Beacon Street, in das sie als Neuvermählte eingezogen war. Aber in dem Maß, in dem sie sich von ihrer Rolle als Enfant terrible der Bostoner Gesellschaft zurückzog, nahm der Wunsch nach einem Ort zu, an dem sie ihre Schätze ausbreiten und in ungewöhnlichen Konstellationen zur Geltung bringen konnte. Gardner war eine Künstlerin von der Art, für die es noch lange bis ins 20. Jahrhundert keine Bezeichnung geben würde. Sie schrieb nicht, sie malte nicht, sie musizierte nicht, aber sie liebte die Kunst und ihre Schöpfer mit solcher Hingabe, dass sie nicht bloß betrachten und genießen konnte. Sie musste etwas schaffen, das ihrem Kunstgeschmack ebenbürtig war. Dazu brauchte sie einen eigenen Bereich - Fenway Court, das heutige Isabella Stewart Gardner Museum. Fenway Court ist weder ein Wohnhaus, das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, noch ein Museum. Jeder Saal, die Galerien, der ganze Palazzo mit seinem märchenhaften Innenhof sind eine Installation. Das ist Gardners Beitrag zur Kunst: Wie sie die Gegenstände und Bilder zueinander in Beziehung setzt, wie sie Farben und Themen korrespondieren lässt. Jeder Raum hat seine eigene Choreografie, aber überall spürt man, auch 90 Jahre nach ihrem Tod, die starke Präsenz ihrer Persönlichkeit. In ihrem Testament bestimmte sie, dass nichts verändert werden dürfe. Man befindet sich in der Gegenwart eines Genius Loci, der aus den vielen disparaten Teilen ein Gesamtkunstwerk macht - nicht immer nachvollziehbar, aber überwältigend in der Eigenwilligkeit, mit der er den Betrachter unterwirft und zum Komplizen macht. Man beginnt zu begreifen, wie groß die Suggestivkraft dieser Frau gewesen sein muss.

Um die Jahrhundertwende, als der Palazzo gebaut wurde, war der Fenway eine ländliche, abgelegene Gegend entlang eines Streifens Parklands. Isabella überwachte, bereits sechzigjährig, den Bau selbst, legte Hand an, wenn die Arbeiter sich begriffsstutzig zeigten. Es sollte kein Haus werden, wie man es in Boston kannte, es sollte ein venezianischer Palazzo werden, wie sie ihn in früheren Jahren am Canal Grande bewohnt hatte. Dazu kaufte sie eine italienische Villa und ließ sie Ziegel für Ziegel nach Boston bringen. Die Fassade jedoch, die sich in Venedig dem Canal Grande zugewandt hätte, sollte sich im Rechteck um den Innenhof legen, mit Palmen, Springbrunnen und einem römischen Mosaik.

Eine große Kunstmäzenin des 20. Jahrhunderts fällt einem ein - Peggy Guggenheim. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber sie sind spiegelverkehrt. Während Peggy Guggenheim die beste zeitgenössische Kunst in ihrem lichtdurchfluteten, modernisierten Palazzo am Canale Grande errichtete, brachte Isabella Stewart Gardner die dunklen Säle eines Renaissancepalasts nach Boston, verbannte elektrisches Licht, erlaubte nur Kerzenschein und Kaminfeuer und füllte die zwei Stockwerke ihres Hauses mit den schönsten Exponaten der Alten Welt vor dem Beginn des Abstrakten Expressionismus. Sie hörte dort auf, wo Peggy Guggenheim begann. (Anna Mitgutsch, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

 

 

Zur Person:
Anna Mitgutsch, geb. 1948, lebt als Schriftstellerin in Linz. Sie studierte Germanistik und Anglistik. Von 1980 bis 1986 lebte sie in den USA. Zuletzt erschien "Zwei Leben und ein Tag" (Luchterhand). Foto: Felbert

  • "Königlich in ihrer selbst-bewussten Haltung" : Porträt von Isabella
Stewart Gardner, 1888, John S. Sargent, American, 1856-1925, Öl auf
Leinwand, 190 x 80 cm.
    bild: im besitz des isabella stewart gardner museum, boston.

    "Königlich in ihrer selbst-bewussten Haltung" : Porträt von Isabella Stewart Gardner, 1888, John S. Sargent, American, 1856-1925, Öl auf Leinwand, 190 x 80 cm.

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