Ein Basiliskenhauch in den Öffis

19. Juni 2009, 17:00
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Unbekannte Härten des Journalismus

Journalismus ist arbeitsteilig. Nicht immer kann sich ein jeder Redakteur in den hohen Sphären staatsbürgerlichen Verantwortungssinns und politisch-moralischer Verbesserungsbestrebungen bewegen. Auch die journalistische Kanalarbeit, die sich mit den anrüchigen, anzüglichen und abartigen Seiten des Lebens beschäftigt, will geleistet sein. Zu den anrüchigen Seiten hier ein kleiner Beitrag.

Vor ein paar Tagen kam ich in einer vollgequetschten U-Bahn neben einem Herrn zu stehen, neben dem ich, nachträglich betrachtet, lieber nicht zu stehen gekommen wäre. Erstens keifte er unablässig in einer gutturalen Fremdsprache auf sein Handy ein. Das war der liebenswürdigere Teil seines Verhaltens.

Zweitens aber blies er, zur Komplettierung des sinnlichen Vergnügens, mir und den anderen Fahrgästen einen geradezu waffenscheinpflichtigen Mundgeruch um die Ohren (schwerer Nikotinabusus, lange zurückliegender Zahnarztbesuch, mit deutlichen Obertönen von Zwiebel und billigem Rotwein). Neben einem solchen Nachbarn wird jedeU-Bahn-Fahrt zur Höllenfahrt.Als Sartre sein berühmtes L'enfer, c'est les autres schrieb, muss er kurz zuvor neben einem ähnlichen Passagier in der Pariser Metro unterwegs gewesen sein.

Seinesgleichen geschieht aber nicht nur in der U-Bahn, es geschieht auch in der Politik. Ich erinnere mich an ein sogenanntes "Hintergrundgespräch" mit dem Minister eines baltischen Staates, das ich irgendwann einmal gemeinsam mit ein paar internationalen Journalisten geführt habe. Als der Minister unsere erste Frage beantwortete, schlug uns ein derartiger Basiliskenhauch entgegen, dass die gesamte Journalistengruppe schlagartig mit einem kollektiven Rückwärtsruck ihrer Sessel auf Distanz ging. Von diesem Moment an haftete dem Gespräch etwas Gezwungenes an, und das blieb auch so bis zum Schluss.

Warum ich dies alles erzähle? Um bei den Lesern Verständnis für die Härten unseres Berufs zu wecken und darauf hinzuweisen, dass manches Gespräch unter olfaktorischen Extrembedingungen entsteht, die dem Medienkonsumenten zum Glück verborgen bleiben. In Interviews kann man wohl gelegentlich Einschübe wie (lacht) oder (schmunzelt) lesen. Aber wir Journalisten sind zu dezent und zu höflich, als dass wir den Lesern Klammerbemerkungen wie (stinkt auf drei Meter gegen den Wind nach Bier und Knoblauch) zumuten würden. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.06.2009)

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