"Ich hatte nur Gold im Kopf!"

19. Juni 2009, 14:41
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Redakteurin Heike Faller schrieb ein Buch über ihre Börsen­abenteuer zum "goldrichtigen" Zeitpunkt, beim Spekulieren war das Timing weniger perfekt

Standard: Das Buch, das Sie geschrieben haben, heißt "Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten" . Wollen Sie noch immer reich werden?

Faller: Die Idee einer finanziellen Unabhängigkeit finde ich gut, aber grundsätzlich habe ich in diesem Jahr kapiert, dass es mit dem Spekulieren ganz schön schwierig ist, ich mit dem Gold einfach Glück hatte und das für Talent hielt. Jetzt habe ich den Wunsch, mein Geld breiter am Markt aufzustellen, damit mir dieses Geld bleibt - möglichst für immer.

Standard: In der Mitte des Buches bekommt man das Gefühl, dass Sie aus allem raus wollen, trotzdem machen Sie weiter?

Faller: Auch, wenn man die Nase voll hat, ist eine Totalabkehr nicht möglich. Wegen der drohenden Inflation kann man heute nicht sagen: Ich leg mein Geld einfach auf ein Sparbuch. Wenn man sich wenig darum kümmern will, muss man diversifizieren, ein Drittel Gold, ein Drittel Aktien usw. Ich weiß dann: Wenn das eine sinkt, steigt das andere.

Standard: Das klingt ganz danach, als würden Sie glauben, dass sich die Weltwirtschaftskrise noch dramatisch entwickeln wird?

Faller: Es gibt dazu zwei Meinungen. Aber ich neige dazu, den Pessimisten zu glauben, die mit einem Totalzusammenbruch rechnen. Ich hoffe, dass ich irre. Mich macht nervös, dass auch konservative Leute glauben, dass wir diese Krise gerade noch in den Griff bekommen werden, aber die nächste tödlich sein wird.

Standard: Abgesehen vom Diversifizieren, haben Sie weitere Ideen, gegen die Krise anzusteuern?

Faller: Gemüse anpflanzen kann ich nicht, aber der Gedanke an eine Eigentumswohnung ist mir sehr sympathisch. Wird die Krise schlimmer, sollte mein Geld für eine Eigentumswohnung noch besser dastehen. Steigt die Inflation, z.B. auf zehn Prozent, würde der Goldpreis steigen. Dann bekomme ich mehr Eigentumswohnung für mein Gold.

Standard: Glauben Sie, dass Fondsmanager, Investmentbroker, Spekulanten ihre Vorgehensweisen verändert haben? Obama hat sich ja gerade für eine Regulierung der Hedgefonds ausgesprochen ...

Faller: Das ist schwer zu sagen. Sicher gibt es viele, die jetzt vorsichtiger agieren, mit weniger Fremdkapital arbeiten. Aber Regulierungsregeln, glaube ich, haben sich nicht ausgewirkt. Viele sind jetzt auch einfach pleite.

Standard: Für Ihr Buch haben Sie viele dieser Geld-Menschen getroffen. Was war die faszinierendste Begegnung in diesem Jahr?

Faller: Aufgeregt war ich natürlich bei George Soros, aber die Begegnung war nicht so, wie ich sie mir erhofft hatte. Björn Englund, der schwedische Hedgefondsmanager, ist mir nach wie vor am sympathischsten. Seine Eckdaten klingen nach bösem Hedgefondsmanager: Er lebt in Luxemburg, ist an den British Virgin Islands notiert und spekuliert im Irak. Aber er denkt nach über das, was er tut, macht, nach eigenen Angaben, keine Deals, wo Iraker benachteiligt werden, ist politisch fundierter als viele Journalisten und hat sich lange mit linken Theorien beschäftigt. Er nennt sich einen "social liberal" und verkörpert das, was man "Kapitalismus mit Herz" nennt.

Standard: Gibt es in diesem Jahr etwas, das Sie bereuen gemacht bzw. nicht gemacht zu haben?

Faller: Oh ja. Ich dachte schon im März, die Krise wird kommen. Alles, was ich mir vorstellen konnte, war, dass Gold profitiert. Im Nachhinein ist es irre, weil ich hier auf tausend Arten auf die Krise hätte spekulieren können. Ich bereue, nicht schon im März auf fallende Bankenkurse gesetzt zu haben, damit hätte ich wirklich reich werden können. Ich habe so viel darüber gelesen und war mir sicher, dass noch viele Banken pleite gehen würden, aber: Ich hatte nur Gold im Kopf.

Standard: Lesen Sie immer noch die Wirtschaftsseiten?

Faller: Ja, ich muss, weil ich plötzlich auch für Wirtschaftsinterviews angefragt werde und ein bisschen Angst habe, dass mich jemand zu Arcandor befragt und ich nicht weiß, was damit gemeint ist.

Standard: Abseits von diesem Buch, das im Juni, sozusagen zum goldrichtigen Zeitpunkt, erschienen ist: Wie viel Geld haben Sie tatsächlich gewonnen oder verloren?

Faller: Ich bin knapp im Plus, aber ich habe das Depot noch immer nicht geschlossen.

Standard: Hat Spekulieren noch Suchtpotenzial für Sie?

Faller: Neulich traf ich Björn, den Hedgefondsmanager, der sagte zu mir: "Heike, es gibt nicht viele Zeiten, in denen Leute wie du Millionärin werden können, aber das jetzt ist eine davon!" Obwohl ich die Nase vom Spekulieren voll habe, merkte ich, wie bei mir sofort alles ansprang. Ich habe kapiert, dass es kein Entkommen gibt. Selbst, wenn du gar nichts tust, dein Geld unter die Matratze legst, hast du eine Entscheidung getroffen. Deshalb mache ich weiter.

Standard: Wer sein Geld auf dem Konto hat, verliert?

Faller: In den vergangenen Jahren war das nicht so, in den nächsten Jahren wird man durch die Inflation sicher verlieren. Inflation ist immer Enteignung, mit Inflation wird der Staat seine Schulden los. Das trifft die Mittelschicht, jene, die keinen Grundbesitz haben. Sie und ich, wir zahlen drauf.

Standard: Was war für Sie das Schlimmste im Spekulantenjahr?

Faller: Es war diese relativ lange Phase der totalen Verwirrung zwischen Mai und September, wo mein Goldminen-Fonds überhaupt nicht performte, ich nicht wusste, was ich tun soll. Es war Herbst, und ich hatte ein Papier gekauft.

Standard: Hat Ihnen ein Kurs jemals ein totales High beschert?

Faller: Nichts, was ich gekauft hatte, ist mal zehn gegangen. Als aber nach der Lehman-Pleite meine Put-Papiere so stark stiegen, fühlte ich mich sehr gut. Eine Wahrheit habe ich in dem Jahr erkennen müssen: Neben mir bricht die Welt zusammen und alles, was ich fühle, ist die Freude über 800 Euro, die ich gerade verdient habe. Dieser Egoismus, den man in solchen Momenten spürt, ist befremdlich, aber er ist da. Ich bin mir sicher, das ist ein sehr verbreitetes Phänomen.

Standard: Gibt es etwas, das Sie aus moralischen Gründen nicht machen würden?

Faller: Es ist unangenehm, auf fallende Kurse zu setzen, weil man antizyklisch zur Welt agiert. Wenn es in Asien einen Tsunami gibt und die Kurse fallen, muss man damit leben, dass man so Geld verdient hat. Es gibt sicher viele Sachen, die man nicht machen sollte. Das Shortselling beispielsweise ist sehr in Verruf geraten. Es funktioniert so: Du leihst dir eine Aktie im Millionen- oder Milliardenmaßstab, verkaufst sie und kaufst sie dann zu niedrigeren Preisen wieder zurück - die Differenz gehört dir. Du hast aber durch den Verkauf geholfen, diese Aktie zu drücken. Worüber ich mich auch immer informieren wollte, sind die Arbeitsbedingungen in den Goldminen. Darüber weiß ich noch viel zu wenig.

Standard: Ist es moralisch vertretbar, im Irak zu investieren?

Faller: Wenn man nichts gegen Kapitalismus hat, ist es in Ordnung. Es bedeutet, in ein Land zu investieren, das Geld für den Wiederaufbau braucht. Ich bin mir aber sicher, ohne es zu wissen, dass es etwa im Bereich Erdöl Regelungen gibt, die zuungunsten des Landes gehen, weil sie unter Kriegsbedingungen beschlossen wurden.

Standard: Haben Sie Ihr Edelmetall-Schatzkästchen, das Ihre Einstiegsdroge in die Welt der Spekulanten war, wieder liquidiert?

Faller: Nein, dazu müsste ich in die Oberpfalz fahren, und das habe ich noch nicht geschafft. Aber ich würde nicht alles verkaufen, weil ich eben diversifizieren muss. Ärgerlich, dass ich es nicht schon im Dezember gemacht habe, weil die Aktien schon gestiegen sind.

Standard: Eine Frage, die Sie in New York George Soros gestellt haben, möchte ich zum Abschluss stellen: Träumen Sie von Geld?

Faller: Zumindest nicht bewusst. Es gab allerdings eine Phase nach Lehman, wo alle meine Sachen hochgegangen sind, in der ich nachts aufgewacht bin und um vier Uhr morgens Kurse gecheckt habe. Das ist echt kein gutes Gefühl. (Mia Eidlhuber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20/21.06.2009)

 

Heike Faller (38) ist "Zeit" -Redakteurin in Berlin. Sie schrieb das Buch "Wie ich einmal versuchte, reich zu werden. Mein Jahr unter Spekulanten" . 232 Seiten, gebunden, Euro 20,60, DVA, Juni 2009.

  • Heike Faller war in "ihrem Jahr unter Spekulanten" viel unterwegs: London, Bagdad, New York - ihr eigenes Depot blieb unter den Gewinnerwartungen zurück, reich wird sie jetzt vielleicht mit ihrem Buch.
    foto: standard/michael biedowicz

    Heike Faller war in "ihrem Jahr unter Spekulanten" viel unterwegs: London, Bagdad, New York - ihr eigenes Depot blieb unter den Gewinnerwartungen zurück, reich wird sie jetzt vielleicht mit ihrem Buch.

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