Moderne Medizin: Kosten, Wirkung, Nutzen

21. Juni 2009, 19:03
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Gesundheitssysteme sind zu teuer, konsequente Wirksamkeits­forschung deshalb ein großer Trend - In Baden wird diese Woche evidenzbasierte Prävention diskutiert

Als das Branchenblatt World Pharmaceutical Frontiers kürzlich seine Liste präsentierte, wer derzeit für die pharmazeutische Industrie die einflussreichsten Köpfe sind, landete Barack Obama auf Platz eins. Die Erklärung: Die Branche erwirtschaftet zwei Drittel ihrer Gewinne in den USA, denn dort sind Medikamente, solange ihr Patentschutz gilt, gemittelt am teuersten.

Auf Platz zwei dieser Liste kam ein Mann, dessen Name indessen nur Insidern vertraut sein dürfte: Sir Michael Rawlins, Direktor des National Institute of Health and Clinical Excellence (NICE), das in Großbritannien für die Bewertung von Medikamenten und Therapien zuständig ist. NICE und Obama könnten unter der Prämisse einer konsequenten Wirksamkeitsforschung in den kommenden Jahren die Gesundheitssysteme entscheidend verändern.

Im Februar hat die neue US-Regierung 1,1 Milliarden Dollar für "comparative effectiveness research" (Vergleichende Wirksamkeitsforschung, Anm.) reserviert. Innerhalb des fast 800 Milliarden teuren Konjunkturpakets war es ein vergleichsweise kleiner Posten. Doch bei der Pharmabranche ließ das Programm, das Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit bereits angewandter Behandlungen vergleicht, die Alarmglocken schrillen. Ihre Dominanz über die in klinischen Studien behandelten Fragen ist in Gefahr. Wenn in den USA nach britischem Vorbild ein National Institute of Comparative Effectiveness Research (NICER) eingerichtet wird, würde das sicherlich etablierte Strukturen verändern. NICER als Name der Institution sei mittlerweile zwar schon wieder verworfen, so Peter Sawicki, Direktor des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Er war soeben in den USA und hat sich dort mit Kollegen ähnlicher europäischer Institutionen beraten. Wenn die USA Milliarden in die klinische Überprüfung von Behandlungen stecken und die Ergebnisse dann auch konsequent umsetzen, werde der Rest der Welt folgen, sagt Sawicki. "Vor zehn Jahren glaubte ich, das wird nie passieren." Nun stünden die Chancen so gut wie nie zuvor.

Denn konsequente Wirksamkeitsforschung ist nur ein Baustein innerhalb der umfassenden Reformen des Gesundheitswesens, die Obama durchsetzen will und die sich als größte Hürde erweisen könnten. In seinen Reformplänen taucht Evidenzbasierte Medizin (siehe Kasten) programmatisch an weiteren Stellen auf. Einer der großen Kostentreiber ist in den USA die ärztliche Haftung, die nicht nur mit hohen Versicherungsprämien, sondern auch mit einer Vielzahl überflüssiger Diagnosen und defensiver Therapien erkauft wird. Obama schlägt vor, Behandlungen, die nachweislich EBM-Leitlinien folgen, von Kunstfehlerprozessen auszunehmen.

Trend auch in Österreich

In Österreich hat Evidenzbasierte Medizin zuerst in der Steiermark Fuß gefasst. Daneben gab es vor zehn Jahren nur eine zweiköpfige Arbeitsgruppe an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die sich mit Fragen von Wirkungsnachweisen beschäftigte, erinnert sich Claudia Wild, Leiterin des im Jahr 2006 gegründeten Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA). Sie vergleicht ihre Arbeit in diesen Pionierjahren gerne mit Enthüllungsjournalismus - überteuerte Medizinprodukte fielen mitunter auch durch äußerst merkwürdige Vertriebspraktiken auf.

Inzwischen gibt es ein Bundesinstitut für Qualität im Gesundheitswesen (BIQG), das Bewertungshilfen für Entscheider im Gesundheitswesen erstellt. Zu den aktivsten Gruppen zählen jene um Uwe Siebert an der privaten Medizinuniversität UMIT in Hall, der Hauptverband der Sozialversicherungen und die Medizinische Universität Graz.

Größte Beachtung in der HTA- und EBM-Szene findet derzeit, wie sich das 2007 gegründete BIQG in den kommenden Monaten und Jahren positionieren wird. Wild hofft auf eine ähnliche Arbeitsteilung wie in Großbritannien. Dort entwickelt NICE die Fragen für Studien, führt diese Studien dann aber nicht selbst durch, sondern vergibt sie an andere Institute. Die anschließende Bewertung der Ergebnisse sowie die Übersetzung in medizinische Leitlinien ist dann wieder Aufgabe des Studien-Auftraggebers.

Evidenz in der Prävention

Kritisch hinterfragt werden aber nicht nur medizinische Behandlungen, sondern auch die Sinnhaftigkeit von präventiven Maßnahmen im Gesundheitssystem. Ab Mittwoch widmet sich eine international besetzte Tagung in Baden der Evidenz für Gesundheitsförderungs- und Früherkennungsprogramme.

Die Themen der dreitägigen Konferenz: generelle Gesundheitsvorsorge und die Sinnhaftigkeit von Screening-Programmen, auch im Hinblick auf die Kosten, denn oft wird nicht bedacht, dass Untersuchungen weitere Untersuchungen nach sich ziehen. Auch die Möglichkeit falscher Diagnosen muss in Betracht gezogen werden. "Bei Krebsvorsorge sei die Evidenz bei Brust- und Darmkrebsfrüherkennung am besten", sagt Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems und einer der Mitorganisatoren der Badener Konferenz - für Mammografien alle zwei und Koloskopien alle zehn Jahre überwiegt der Nutzen bei Menschen zwischen dem 50. und 75. Lebensjahr.

Neben der Krebsfrüherkennung wird aber auch Adipositas, die Volksseuche Fettsucht, einen weiteren Schwerpunkt darstellen. Das relativ neue Krankheitsbild und seine medizinischen Folgen werden die Gesundheitssysteme vor große Herausforderungen stellen. (Stefan Löffler, DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.2009)

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