Hormonersatztherapie als zusätzliche Gefährdung

19. Juni 2009, 19:28
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Hormonsubstitution: Grazer Experte spricht von "falscher Strategie" - Nur bei erheblichen Wechselbeschwerden ist Hormonersatz zu empfehlen

Wien - Als Mittel gegen Herz-Kreislauferkrankungen, Osteoporose, Wechselbeschwerden oder einfach als "Jungbrunnen"  wurde der Hormonersatz bei Frauen nach der Menopause mindestens 15 Jahre lang vor allem von GynäkologInnen propagiert. Sehr große Studien, die auch ein höheres Brustkrebsrisiko bei Hormonsubstitution nachwiesen, vernichteten diesen Mythos. Hormonersatz sollte nur bei erheblichen Beschwerden, möglichst kurz und individuell abgestimmt verwendet werden, erklärte der steirische Experte Edgar Petru (MedUni Graz) am Freitag bei einem Seminar in Wien.

"Natürlich Fehler"

"Wir haben natürlich Fehler gemacht, indem wir gesagt haben, jede Frau sollte Hormonersatz bekommen - und möglichst lang. Wir gehen nicht davon aus, dass das ein 'Jungbrunnen' ist. Auch das ist die ganz falsche Strategie gewesen. (...) Aber zehn bis 20 Prozent der Frauen brauchen die Hormonsubstitution. Deren Lebensqualität ist (durch Wechselbeschwerden, Anm.) total mies", erklärte der Experte.

Es gibt weiterhin keine besseren wissenschaftlichen Daten als jene aus sogenannten WHI-Studie, in der bei 16.000 US-Frauen (die Hälfte erhielt Placebo) das Risikopotenzial erstmals - bis dahin hatten sich die Proponenten der Hormonsubstitution eher auf Plausibilitäten und Beobachtungsstudien verlassen - genauer untersucht worden war. Unter den Hormonersatz-Probandinnen verdoppelte sich die Rate der Thromboembolien (mal 2,13). Es kam zu um 41 Prozent mehr Schlaganfällen, 29 Prozent mehr Infarkten und 26 Prozent mehr Brustkrebserkrankungen.

Hormonersatztherapie als zusätzliche Gefährdung

Kritik wurde daran geäußert, dass das mediane Alter der Probandinnen bereits 63,2 Jahre war, also deutlich nach dem Eintritt der Menopause, was das Risiko eben automatisch erhöht habe. Doch ein Anteil von 36 Prozent von Hypertonikerinnen, 49 Prozent Raucherinnen und 34 Prozent mit einem BMI von mehr als 30 erscheint in einer westlichen Wohlstandsgesellschaft nicht mehr außergewöhnlich. Übergewicht erhöht das Brustkrebsrisiko per se, die Hypertonie das Schlaganfallrisiko. Der Eintritt in die Menopause im Alter über 50 verdoppelt dieses Risiko. Die Hormonersatztherapie kann da offenbar noch eine zusätzliche Gefährdung hervorrufen.

Nichts hält Petru von Phytoöstrogenen (Soja, Rotklee etc.), auf die manche BefürworterInnen der Hormonersatztherapie sofort nach Bekanntwerden der ersten kritischen Studien zu den Medikamenten umschwenkten. Petru: "Phytoöstrogene sind offenbar die Wundermittel schlechthin. Aber in sechs von neuen Studien gab es keinen positiven Effekt." Sie könnten sogar ebenfalls ein Risiko darstellen.

Nutzen und Risiko vorsichtig abschätzen

Klar ist, dass in den kommenden Jahren mit der Veränderung der Demografie die Gruppe der Frauen, welche in die entsprechende Altersgruppe kommt, immer mehr steigen wird. Michael Elnekheli, Präsident des Fachverbandes der österreichischen GynäkologInnen: "Lag das zahlenmäßige Maximum der weiblichen Bevölkerung im Jahr 2001 noch in der Altersgruppe der 35- bis 40-Jährigen, so wird sich dieses Maximum bis 2030 zum 65- bis 70. Lebensjahr hin verschieben." Auch deshalb sollte man weiterhin ausgesprochen vorsichtig Nutzen und Risiko der Hormonersatztherapie abschätzen, sonst drohen nämlich auch mehr negative Konsequenzen. (APA)

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