Postings in Szene gesetzt

31. Juli 2009, 16:30
4 Postings

Letzter Teil des Volkstheaterstücks "Fluchtarien" von Julya Rabinowich, in der szenischen Gestaltung von Veronika Barnaš - Postings von derStandard.at auf der Bühne

... Fortsetzung vom 27.07.2009

C: Ich habe schweigen gelernt. Später, als er nichts mehr davon hatte.
Jetzt könnte ich zurückgehen. Ich könnte.

P: Nachdem es in Südamerika keine Kriege gibt können es ja nur Wirtschaftsflüchtlinge sein.

C: Hier in Wien haben sie mich empfangen. Mich vom Flughafen geholt. Freundlich und distanziert. Bleiben konnten wir, nur zuhören wollt mir keiner. Sie gaben mir eine Wohnung, einen Deutschkurs, das Gefühl, ein Opfer zu sein.

P: die Zuwanderungslobby formiert sich immer stärker......und langsam kommen die Proponenten aus ihren löchern hervor...

C: In Wien habe ich all meine Aufzeichnungen gesammelt, geordnet, beendet, obwohl es nie beendet ist, denn die Schrift webt sich weiter, immer weiter, auch wenn die Zellentür hinter mir geschlossen, und meine Vergangenheit, die nicht und nicht vergehen will. Nach Chile! Nach Chile!

P: Ohne Europäer gäbe es keine Lateinamerikaner.
Ohne Lateinamerikaner gibt es aber sehr wohl Europäer.

C: Worte tauschen wir keine, nicht mal Blicke.

N:-Ich habe einen Dialog, einen Körperdialog, mit mir tauschen sie sich gern aus.

P: Geh bitte.

C: Nur Papiere tauschen wir, tauschen wir immerzu, Berge von Papieren. Wälder von Papieren.

T: (Gehen vorbei als hätte es mich nie gegeben). Mein Kopftuch ist eine Tarnkappe.

C: Nach Chile...

N: Nach London! Nach London!

T: In die Slowakei...

P (brüllt): Geh bitte!

N: Die Zeichen auf meiner Haut sind bindend.

C: Ein ganzer schwarzweißer Labyrinth-

T: Ich will die Zeichen kennen, alle, eins nach dem andern-

P: Das Boot ist voll!

N: Ich bin das Boot, das sie füllen und füllen, und das niemals untergeht....

T: Setze eine Wellenlinie darunter.

C: Hör auf, sagt mein Mann, hör auf.

T: die ganze Vergangenheit zusammengeschnurrt auf einen Rucksack, und die will man nicht loslassen-

P: Die Wirtschaftskurflüchtlinge...

N: Die Menschen sind sehr sauber in Wien.

P: Mir isses wuarscht.

N: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

C: Ich habe schweigen gelernt.

T: Mein Sohn kommt mit immer neuen Worten, mit immer neuen-

P: Statt dass man für die eigene Jugend was macht

C: Speichert Wissen wie Wasser, Wasser sucht sich seinen Weg

N: So viel Wasser auf dem Weg, genug für Jahre waschen im sauberen Wien

T: Rucksack!

P: Hängematte!

T:Rucksack!

P: Hängematte!

C: Schweigen!

N: Gold!

C: Schweigen

T: Rucksack!

P:hängematte!

C: Hör auf!!!

T: Weil ich ja noch zwei Kinder habe, die ich weiterbringen muss.

N: Man sagt, in London ist es besser...

P: Geh bitte

T: in die Slowakei!

N: Nach London, nach London!

P: geh bitte

C: Nach Hause, hinter die Eisentür mit der Nummer drauf

P: persönliche Einzelschicksale sind für mich im Prinzip des Ganzen recht egal.

N: ich bin die Zahl, ich bin die Dunkelziffer

P: Die wissen doch alle auf was die sich einlassen!!Bitte!!!

T: Die große Glocke Slowakei...

P: Geht, bitte!!!

N, T, C: Wenn wir wieder über die Grenze gehen, dürfen wir hier nicht mehr rein. Hier dürfen wir nicht rein. Wir müssen dann leider draußen bleiben.

P: Ich sag ja nicht dass wieder ein Volk am Watschenbaum rüttelt das wird die Zukunft zeigen. Allerdings für die Juden hat's ähnlich/genauso angefangen und heute stehen die besser da als je zuvor.

C: Ein ganzer weißschwarzes Labyrinth.

N: Das Hohelied der Ware

P: Mir ist es wuarscht mir ist es wuarscht mir ist es wuarscht!!!

C: Meine Schrift gehört nur mir allein.

P: Das größte Vorurteil... Ist jenes, dass Vorurteile zwingend falsch sein müssen.

T: Ein Fuß vor den andern mit einer Traube Kinderkörper an mir, ein Fuß vor den anderen

P: "flüchten" kann nur wer eingesperrt ist - um dies war nicht der Fall

N: Mache alles, bis dass der Negativbescheid uns trenne.

P: In Afrika sind die Höhlen nicht kalt.

C: Lebe nun seit so vielen Jahren hier, seine Freundin heißt Sabine, sie wollen zusammenziehen...

T: Und sie hüllen uns in Decken in ihrem stinkenden Bus

P: Was kostet das den Steuerzahler?!

N: Ablauf Datum Negativbescheid Ablauf Datum negatibbescheid ablaufdatum negativbescheid

C: Anerkannt als Flüchtling, nicht als Mensch

P: was kostet Demokratie den Steuerzahler?!

T: so ein großer Junge, schäm dich,

N: Wasser und Sand, Gold und Silber

C: Meine Zeichen gehören mir

P: Was kosten Menschenrechte den Steuerzahler?!

T: In die Slowakei!

N: Nach London!

C: Schweigen!

P: Menschenrechte muss man sich erst verdienen!!!!

Schluß.

 

  • Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Julya Rabinowich und Veronika Barnaš.
  • Ein Insezenierung am Volkstheater Wien mit Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter und Wolf Dähne.

 

 

  • Artikelbild
    foto: christoph sebastian
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