Postings in Szene gesetzt

27. Juli 2009, 13:29
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Teil 5 des Volkstheaterstücks "Fluchtarien" von Julya Rabinowich, in der szenischen Gestaltung von Veronika Barnaš - Postings von derStandard.at auf der Bühne

...Fortsetzung vom 24.07.2009

3. Szene

C: Schriftzeichen im Dunkel, Sätze, Absätze, Seiten voll Buchstaben, die ich im Geist von immer neuem auf imaginäre Papieroberfläche setze. Stille vor mir unter mir neben mir über mir. die Schriftzeichen weben ein Kettenhemd um mich, verdichten sich zum Panzer. Nächtelang Stille. Tagelang Dunkel.
Dann kommen sie und wollen auch Schriftzeichen von mir haben.
Unterschreib, sagen sie, dann lassen wir dich gehen.
Nenne uns Orte. Namen. Wir haben die Beweise.
Wenn ihr Beweise habt, warum braucht ihr mich dann.
Meine Schrift gehört nur mir allein.

Sie tunken meinen Kopf lange in kaltes Wasser, brechen meinen Arm und lassen mich allein mit meiner endlosen Schrift, die sich hinter meinen Augenlidern im rötlichen Dunkel weiterwebt. Ich warte weiter auf den Tag an dem ich sie auf reales Papier bannen werde. Ich weiß, dass er kommen wird.

P (höhnend): geh bitte. die sind alle schwerst traumatisiert.

C: Diese Stille ist ab und zu wieder da, plötzlich um mich verdichtet zu nachtschwarzem Abgrund, in Wien, wenn ich in der Nacht in meinem Bett hochfahre, und nicht weiß, ob der Weg wirklich schon gegangen ist. Manchmal denke ich, der Weg zum Lichtschalter ist unendlich lang, so lang wie mein Warten damals, und ich werde es nicht schaffen. Ich habe immer eine Taschenlampe neben dem Bett liegen. Damit ich weiß, wie lang der Weg zum Lichtschalter ist. Der Weg zurück in die Gegenwart. Ich leuchte ihn mir immer wieder aufs Neue, denn der schmale Streifen Licht, der schmale Streifen Weg ist sehr unstet.

Im Spiegel seh ich dann mein Gesicht, fahre die Linien der Brauen nach, der Nase, des Mundes. Setze mich wieder zusammen. Und wenn ich wieder ganz bin, weiß ich, dass ich stolz bin. Auf die vielen Bögen Papier, schwarz auf weiß die Wahrheit.

P: Nach dem 3. Gutachten hat so ein durchschnittlicher Asylant schon einige Übung im Traumaerzählen. 

C: Neben der Taschenlampe steht eine Fotografie im Metallrahmen. mein Mann, wir lachen, wir drehen uns in unserer Umarmung, mein Haar fliegt, lang, dunkel. Hinter uns ein schief aufgeklebtes Plakat. Immer wieder die Schriftzeichen. Auf Flugblättern, im Pass, auf Briefpapier, mein Leben ist getränkt mit Druckerschwärze und Tinte, dunkler als der längste Tag in der Zelle, und beständiger als alle Angst und Schmerz.


Wenn ich nicht schlafen kann, schreibe ich abermals. was unsere Kinder machen und wovon er nicht weiß. Sie sprechen deutsch, besser als chilenisch mittlerweile, sein ältester Sohn hat eine Freundin namens Sabine. Sie wollen zusammenziehen.

P: Geh bitte.

C: Ich sag den Kindern immer: lernt. Lernt viel, speichert Wissen in euch wie Wasser, Wasser sucht sich immer einen Weg, man kann es nicht aufhalten.
als ich Studentin war, als ich nach Wissen hungerte, war das Studium von einem Tag auf den anderen nicht mehr möglich.
Und bald darauf nicht nur das Studium.
Wie ein Kettenhund, dessen Kette jeden Tag gekürzt wird, schrumpften die Möglichkeiten und Rechte.
Erst kein Studium. keine Selbstbehauptung. Keine freie Meinungsäußerung. Dann keine Sicherheit fürs Leben. Die ersten verschwanden.
Wir machten weiter. Dann verschwanden mehr, auch Bekannte, schließlich wirklich nahe stehende, junge, alte, ohne Ausnahmen.
Mein Mann bekam Angst.
Ich wurde trotzig.
Sammelte die Schriften zu Hause, verbreitete sie heimlich.
Er hatte Angst, erst Angst um den Arbeitsplatz in seiner Bibliothek, dann Angst, die Flugblätter zu entsorgen, um uns nicht zu verraten.
Das gesprochene Wort ist nicht mal halb so gefährlich wie das geschriebene.
Das geschriebene Wort hat Macht.
Hör auf, sagte mein Mann.
Weder die Hinterhöfe, noch die Mistkübel waren noch sicher.
Hör auf damit, sagte er. Hör auf, wir haben Kinder, du solltest lernen zu schweigen.

P: Nun, leider gibt es SEHR VIELE Latinos, die trotz langer Aufenthaltsdauer in Europa sich NICHT MAL die Mühe machen, die jeweilige Landessprache zu erlernen... Diese Erfahrungen als Vorurteil zu verunglimpfen ist der eigentliche Skandal.

Fortsetzung am 31.07.2009 ...

 

  • Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Julya Rabinowich und Veronika Barnaš.
  • Ein Insezenierung am Volkstheater Wien mit Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter und Wolf Dähne.

 

 

  • Artikelbild
    foto: christoph sebastian
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