Postings in Szene gesetzt

17. Juli 2009, 15:50
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Teil 4 des Volkstheaterstücks "Fluchtarien" von Julya Rabinowich, in der szenischen Gestaltung von Veronika Barnaš - Postings von derStandard.at auf der Bühne

... Fortsetzung vom 10.07.2009

N: Ich hab doch Verwandte. Ich hab doch eine Oma und eine Schwester.

P: Die sollen endlich in Afrika was ändern, und nicht bei uns Forderungen stellen.

N: Alles kann man bezahlen. Vor allem die Hoffnung.

P: Würde sie ihren Körper verkaufen, würde er ja nachher auf Dauer dem Kunden gehören. Warum müssen dann Freier beim zweiten Besuch wieder zahlen?

N: Wenn man ins Kino geht, muss man ja auch zahlen. Auch wenn man den Film schon mal gesehen hat und er nicht mehr so spannend ist!
Den Körper zahlen. Das Leben. Die Not. Den Anstand.

P: ..die eine machts für Geld,

N: Zuerst gibt man Haar und Blut und ein Versprechen.

P: ...die andere weils lustig ist,

N: Dann gibt man den Rest in Scheibchen.

P: ...die andere für einen Karrieresprung, die andere aus Wut............

N: Die Seele ist unverkäuflich. Aber die will meistens eh keiner.

P: ... ist da jetzt jede eine Hure?, denn dann gäbs keine " Damen" mehr.

N: Waren will man, mit Funktionstüchtigkeit. Verdorben, aber funktional. Mit Umtauschgarantie. Die gibt's ab dem ersten Tag, weil ich ausgetauscht und umgetauscht werde, spätestens nach vier Jahren, und da können sie mich sowieso nicht mehr brauchen, es ist also sehr praktisch. Ob man will oder nicht. Und es wird ein Schiff, werden neue Waren kommen, im Stillen Dunklen übers Meer...

Ob man will oder nicht. Nach Wien! Nach Wien! Ob man will oder nicht. Nach-

P (nachdenklich): zum Beispiel bei einer Negerin die kaum deutsch kann, würde ich die Freiwilligkeit anzweifeln.

N: Arbeiten ist gut fürs Gemüt. Schlimm, wenn man arbeitet und tatenlos bleibt. Für das Gemüt meiner Madame ist es sogar unentbehrlich, denn ihr Gemüt bestimmt über mein Schicksal.

Sie ist wie eine Mutter für mich. Wie eine Mutter,
Wenn die Mutter beschließt, das kleine Kind nicht mehr zu stillen. Wenn die Mutter es in einen dunklen Raum sperrt und den Strom abdreht und den Schlüssel im Schloss.

Dann kann der Vater kommen.

Der gute Vater, er hat viele Gesichter und auch andere Körperteile, er ist meine vielschwänzige Katze, die Striemen auf meine Haut setzt, so wie zuvor schon auf die Haut der Mutter, Voodoozeichen, und ich bin sein Buch, aufgeschlagen vor ihm, und er wendet mich und füllt den nächsten Absatz, er beschreibt mich in vielen Zungen, er besingt mich in fremden Sprachen, 18 Jahre jung, Anfängerin! Naturgeil! Das alles macht er aber auf Geheiß der Madame, der großen Mutter.

Das Hohelied der Ware. Von Frauen gesungen, von Frauen gezwungen.
Macht alles! Und ich mache tatsächlich alles, weil die Zeichen auf meiner Haut bindend sind, und ich beschworen und meinem Hexenmeister ergeben, bis dass der Negativbescheid uns trenne.

P:wenn ich einen Nigerianer sehe und keine vorurteile habe, bin ich unwissend oder blöd.

N: Das Hohelied der Ware. "Wie ein Karmesinband sind deine Lippen, und dein Mund voll Anmut."... Gute Ware...Ablaufdatum Negativbescheid. Wenn der Asylantrag, den neuer Vater und neue Mutter uns diktieren, abgelehnt wird. Und er wird natürlich abgelehnt. Die sind ja nicht blöd. Für Blödheit muss man nämlich zahlen. Für den Weg muss man zahlen und für den Aufenthalt, für das, was sie sagen, was wir sagen sollen. Danach, dürfen wir tun und sagen, was wir wollen. Sagen sie. Und wir hören zu. Und tun. Bis der Antrag durch ist, bis man selber durch ist. Zwischengelagert. In Wien. Ablaufdatum Negativbescheid.

P: wieso lassen sich auch heutzutage noch Frauen auf diese Märchenerzähler ein?

N: Als Ware verwahrt. Man sagt, in London ist es besser...

P: In Afrika sind die Höhlen nicht kalt. Die wissen, worauf sie sich einlassen.

N: Nach London, nach London!

P: In Afrika sind die Höhlen nicht kalt...

N: Nach London!

P: Verseuchen tut nur der Mensch.

Fortsetzung am 27.07.2009 ...

 

  • Alle Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung von Julya Rabinowich und Veronika Barnaš.
  • Ein Insezenierung am Volkstheater Wien mit Luisa Katharina Davids, Patricia Hirschbichler, Katharina Vötter und Wolf Dähne.

 

 

  • Artikelbild
    foto: christoph sebastian
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